Was ist Wahrheit zu Corona-Zeiten

Von KLAUS SCHROTTHOFER https://www.facebook.com/klaus.schrotthofer

Ein Facebook-Freund wollte mich für einen Redner der jüngsten Corona-Demo begeistern, der von den Medien ignoriert worden sei. Ich habe widersprochen und er hat mich gefragt: „Wer kennt die Wahrheit?“  Weil mir so etwas immer häufiger begegnet, poste ich meine Antwort auch hier. 

Lieber N., „wer kennt die Wahrheit?“, fragst Du mich. Nein, auch ich kenne nicht „die Wahrheit“. Aber ich habe in meinem ursprünglichen Beruf als Journalist gelernt, zu recherchieren, Informationen einzuordnen und zu bewerten. Bewerten heißt in diesem Zusammenhang nicht, sie zu kommentieren, sondern die Plausibilität von Informationen einzuschätzen. So arbeiten nach meinem Verständnis Qualitätsmedien – und weil Du dieses Wort in Anführungszeichen setzt, gestatte mir auch diese Bemerkung: In meinem gesamten Berufsleben bei sehr unterschiedlichen Medienhäusern bin ich noch nie aufgefordert worden, im Interesse einer übergeordneten Instanz etwas Unwahres zu verbreiten. Medien in Deutschland sind allem „Lügenpresse“-Geschrei zum Trotz frei. Gewiss nicht fehlerfrei, aber frei, zu entscheiden, was und wie sie berichten. Und das unterscheidet deutsche Qualitätsmedien von staatlich gelenkten Propaganda-Kanälen wie dem russischen Auslandssender RT oder Krawall-Kanonen wie der „Bild“. Ich habe nicht selten um „meine“ Wahrheit gestritten, musste die Richtigkeit meiner Berichte belegen und erklären, worin die Relevanz einer Nachricht für einen größeren Empfängerkreis besteht. Und genau das tun Tausende von Journalistinnen und Journalisten im ganzen Land jeden Tag. Nicht fehlerfrei. Aber frei. Und das unterscheidet sie von vielen, die bei Facebook und anderswo ungeprüfte oder unüberprüfbare Behauptungen in die Filterblasen pumpen und sie damit zu ungeheurer Größe aufblähen.

Es ist nicht immer einfach zu erkennen, was wahr und unwahr ist. Die Perspektive kann zu unterschiedlichen Wahrheiten führen. Es gibt keine absolute Objektivität. Unsere Wahrnehmung wird immer beeinflusst sein von der eigenen Geschichte, von Erfahrungen, Ängsten oder Hoffnungen. Das ist normal und völlig in Ordnung. Im Journalismus freilich gibt es Regeln, die ein möglichst hohes Maß an Objektivität und Wahrhaftigkeit sicherstellen sollen. Daran halten sich nach meiner Erfahrung die allermeisten Profis. Sie leben nämlich, und das ganz wörtlich, von ihrer Glaubwürdigkeit.

Die Wahrheit zu erkennen, ist natürlich kein Privileg von Journalisten. Manchmal hilft schon schlichter Menschenverstand, am besten in Verbindung mit einer gesunden Skepsis gegenüber allem, was besonders spektakulär daherkommt. Ich finde grundsätzlich, dass jede Aussage belegbar sein sollte. Wenn es um Behauptungen geht, die dem allgemeinen Wissenstand fundamental entgegenstehen, erwarte ich besonders gute, plausible und nachprüfbare Belege. Das ist auch der Grund, warum ich nicht glaube, dass Bill Gates die Weltbevölkerung beherrschen, mit Chips versehen oder gar ausrotten will. Ich glaube auch nicht, dass die 5G-Technologie erfunden wurde, um die Menschheit zu versklaven. Ich glaube nicht an eine geheime (jüdische?) Weltregierung, ich glaube nicht an unterirdische Kinderlager, aus denen eine Elite sich mit Menschenblut versorgt. Ich glaube nicht, dass eine finstere Macht die Bundesregierung wie Marionetten steuert. Ich glaube auch nicht, dass diese Bundesregierung – in wessen Auftrag auch immer – eine Pandemie erfunden hat, um unser politisches oder wirtschaftliches System zu verändern. Ich glaube das alles nicht, weil ich manche der handelnden Personen persönlich kenne. Ich glaube es nicht, weil ich bisher keinen einzigen überzeugenden Beleg dafür gefunden habe. Ich glaube es nicht, weil eine große Zahl von belegbaren Fakten dagegen spricht. Und ich glaube es nicht, weil ich es für sehr unwahrscheinlich halte, dass ausgerechnet die mir bis vor kurzem völlig unbekannten Galionsfiguren der aktuellen Protestbewegung eine gigantische Verschwörung aufgedeckt haben, die die gesamte freie Welt bislang nicht bemerkt haben soll.

Das heißt nicht, dass ich „die Wahrheit“ kenne. Auch ich bin verunsichert von den Auswirkungen dieser Pandemie und ich bin davon überzeugt, dass es auch jenen so geht, die in dieser Zeit so weitreichende Entscheidungen zu treffen haben. Wir wissen noch immer zu wenig über das Corona-Virus und mit fortschreitendem Wissenstand ändern sich auch die Einschätzungen der Wissenschaft. Ich finde nicht alle Maßnahmen, die in Deutschland ergriffen wurden, angemessen und plausibel. Ich verstehe und teile nicht alle Äußerungen der Politik. Aber ich glaube nicht, dass Sadismus, Niedertracht oder die Lust am Zusammenbruch das Handeln der Regierenden leitet. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass die Mitglieder von Bundes- und Landesregierungen sich ehrlich bemühen, unter ständig sich verändernden Bedingungen die richtigen Entscheidungen zu treffen, um uns halbwegs sicher durch diese beispiellose Zeit zu bringen. Natürlich sind auch sie nicht fehlerfrei und natürlich darf und soll man sie für Fehler kritisieren. Aber die Maßlosigkeit der Angriffe der so genannten Corona-Gegner erschreckt und beunruhigt mich. Und wütend macht mich die Gedanken- und die Rücksichtslosigkeit, mit der viele Menschen derzeit auf alles einschlagen, was dieses Land bisher zusammengehalten und zu einem der privilegiertesten Orte weltweit gemacht hat. Mich stört die Anmaßung, die aus so vielen verbreiteten Halb- und Unwahrheiten spricht, mich besorgt die Aggression, die so viele Wortmeldungen durchzieht – und die immer häufiger in realer Gewalt explodiert.

„Wer kennt die Wahrheit?“, fragst Du. Ich kenne „die Wahrheit“ so wenig wie Du. Ich kenne Teil-Wahrheiten und ich messe sie ständig neu an der sich verändernden Wirklichkeit. Auch meine Überzeugungen reiben sich immer wieder an dieser Wirklichkeit. Manches aber muss und will ich nicht in Frage stellen. Ich bin davon überzeugt, dass eine wirklich freie Gesellschaft nur mit Anstand, Respekt, Toleranz und Solidarität funktionieren kann. Ich bin davon überzeugt, dass die Radikalen, die Nazis, die Menschenfeinde, die ich am Wochenende in Berlin gesehen habe, keinen Beitrag zu einer freien Gesellschaft leisten können. Das halte ich für eine Wahrheit – und darüber wollte ich Dir schreiben.