"Man muss das Leben tanzen."

Lesen

Wer liest, verbessert die Welt.

Menschen, die gerne und viel lesen, haben eine ausgeprägtere Sozialkompetenz. Eine Studie der NEA (National Endowment for the Arts) hat ergeben, dass sie dreimal häufiger für gute Zwecke spenden oder gemeinnützige Arbeit leisten als Menschen, die nicht lesen.

Wer liest, erweitert sein Vokabular und schreibt damit bessere Texte.

Das Lesenlernen hat noch immer keine Priorität.

Grundschüler sollen Programmieren lernen, so wünscht sich das Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitalisierung – weil es »so wichtig (ist) wie Lesen und Schreiben«? Ich bin bisher ganz gut durchs Leben gekommen, ohne programmieren zu können, und viele andere offensichtlich auch. Ginge es uns ähnlich, wenn wir nicht lesen und schreiben könnten?

Original aus der ZEIT: LINK

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Der Börsenverein für den deutschen Buchhandel hat herausgefunden, dass der deutsche Publikumsmarkt zwischen 2012 und 2016 sechs Millionen Käufer verloren hat. Im selben Zeitraum fiel die Zahl der Menschen, die einmal pro Woche ein Buch in die Hand nehmen, laut Allensbach-Studie um sieben Prozent, und das betraf vor allem die jüngeren Leser. Das Zeitbudget ist knapper geworden, die Fülle der Medienangebote konkurriert mit immer weniger Freizeit. Schon 25 Prozent der Acht- bis Neunjährigen haben heute ein Smartphone. Bei den Älteren, den 12- bis 19-Jährigen, sind es weit über 90 Prozent. Das Buch – ganz gleich, ob gedruckt oder als E-Book – hat es so schwer wie nie zuvor. Vor allem das Lesen von narrativen Texten geht zurück.
Warum weinen?, könnten wir jetzt sagen. Orale Formen der Literatur sind ausgestorben, als sie durch das neue Medium Buch ersetzt wurden, und jetzt stirbt eben das Buch: Kulturellen Wandel wird es immer geben. Und gelesen wird ja nach wie vor: Tweets und Wikipedia, WhatsApp-Nachrichten und Instagram.

Was verlieren wir denn, wenn niemand mehr Bücher liest?
Eine ganze Menge. Wer Geschichten liest, schult seine Fähigkeit und Bereitschaft, komplexe Zusammenhänge zu verstehen; populistische Vereinfachungen haben es darum bei Lesern schwerer. Zudem organisieren wir Menschen unser Denken narrativ. Unsere Erinnerungen sind als Geschichten in unserem Gedächtnis gespeichert. Wir konstruieren sie aus unseren Erlebnissen und geben ihnen damit einen Sinn. Sie erlauben uns, Vergangenes so zu erzählen, dass wir damit leben können. Und im Licht späterer Erfahrungen werden unsere Geschichten immer wieder korrigiert: Der erste Liebeskummer wird von der Tragödie, die ein Weiterleben sinnlos erscheinen lässt, wenige Jahre später zur Komödie.
Wir alle sind ständig dabei, uns unser Leben als Geschichte mit uns selbst als Hauptperson zu erzählen, Leser wie Nichtleser. Aber die Leser haben einen Vorteil: Bücher sind nicht nur Folien dafür, wie wir unser Leben nachträglich interpretieren, sie geben auch Hilfestellung bei Entscheidungen für die Zukunft. Je mehr Geschichten ich kenne, desto mehr Verhaltens- und Lösungsmöglichkeiten, aber auch Risiken habe ich kennengelernt.
Leisten Filme so etwas nicht?
Nur zum Teil. Denn jeder Film zeigt mir die handelnden Personen nur von außen. Was sie denken und fühlen, muss ich als Zuschauer aus ihren Handlungen, aus Mimik und Gestik erschließen. In einem Roman dagegen tauche ich seitenweise ein in die Gedanken und Gefühle einer Person, und von Buch zu Buch lerne ich die Innenwelt einer ständig wachsenden Zahl von Menschen kennen. Wer sich in den Gedanken und Gefühlen so unterschiedlicher Menschen wie gestresster Börsenmakler, südamerikanischer Kaffeepflücker und brutaler Mörder tummelt, kann das Verhalten anderer besser verstehen. All das steckt hinter der Aussage, Lesen erhöhe die Empathiefähigkeit.
Weil sich der Leser bei der Lektüre ständig mit seinen eigenen Erfahrungen, auch Gefühlen auseinandersetzen muss, kann jede Lektüre die Wirkung einer kleinen Psychotherapie entfalten.
Diese Art des Lesens aber, das sogenannte deep reading, setzt eine ausgeprägte Lesefertigkeit voraus. Denn damit dieser Prozess bei der Lektüre tatsächlich ablaufen kann, darf der technische Lesevorgang keine Schwierigkeiten mehr bereiten. Erst wenn meine Konzentration nicht mehr auf die reine Entschlüsselung eines Textes gerichtet sein muss, habe ich die Möglichkeit, bei jedem Wort und jedem Satz mit meinem eigenen Erinnerungs- und Gefühlsmaterial einzusteigen. Genau diesen Punkt aber erreichen immer weniger Menschen.
Aus den angelsächsischen Ländern kennen wir Programme, mit denen Schulen das deep reading fördern wollen. Verpflichtende Lektüren für die Ferienzeit; Leserallyes, bei denen die Kinder eine bestimmte Mindestzahl von Büchern lesen müssen und mit anderen Klassen in Wettbewerb treten; die Verpflichtung, auch in Fächern wie Geografie, Biologie, Ethik oder Geschichte zu jeder Unterrichtseinheit ein frei gewähltes Buch zu lesen und zu erklären, was es mit dem Thema zu tun hat. Ginge das bei uns auch? »Das wäre dann ja Zwang!«, höre ich Eltern schon rufen. »Lesen soll doch Spaß machen!« Aber wenn die Kinder sonst vielleicht gar nicht lesen? Sollten wir ihnen nicht zumindest die Chance geben, bei einem Buch plötzlich zu hoffen, dass es bitte, bitte nicht so schnell zu Ende sein möge?
Jede komplexe Tätigkeit erfordert Übung, da ist Lesen nicht anders als Skifahren, Tennis oder Fußballspielen. Diese Übung sollte die Schule allen Kindern anbieten. Großbritannien übrigens hat in den letzten Jahren so viel in Leseförderung und Leseclubs investiert, dass es im internationalen Iglu-Ranking weit vor Deutschland liegt. Die britischen Jungen haben aufgeholt und können nun fast so gut lesen wie die Mädchen; Kinder aus Migrantenfamilien lesen so gut wie Einheimische.
In Deutschland hat die Bundesregierung im Jahr 2015 die Dekade der Alphabetisierung ausgerufen: 180 Millionen will sie investieren, um einigen der derzeit 7,5 Millionen erwachsenen Analphabeten im Land doch noch das Lesen beizubringen. Das ist zu begrüßen. Noch mehr zu begrüßen wäre es aber, wenn in Zukunft solche Programme überflüssig würden.
Und wenn Politiker jetzt protestieren und aufzählen, was sie schon alles für das Lesen getan haben? Dann tun sie das. Aber offensichtlich reicht es nicht aus! Denn sonst müssten wir davon ausgehen, dass fast ein Fünftel unserer Kinder schlicht zu dumm ist, um lesen zu lernen. Ich bin gespannt, wer es wagt, so zu argumentieren.
# Lesen, nur lesen!
Kirsten Boie hat 100 Bücher geschrieben, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Die 67-Jährige engagiert sich seit vielen Jahren für Leseförderung.

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