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Wann Verbote wirken – und wann sie schaden

Viele Corona-Maßnahmen sind sinnvoll, manche verwirrend und fraglich. Fakt ist: Ein willkürliches Hin und Her gefährdet die Akzeptanz. aus QUARKS.de vom 21. Oktober 2020

Die Maskenpflicht zum Schutz vor dem neuen Coronavirus wird von einigen als Schikane erlebt und demonstrativ ignoriert. Auf so genannten Hygiene-Demos treffen sich Gleichgesinnte, um gegen die staatlichen Maßnahmen aufzubegehren. Je undurchsichtiger und willkürlicher die Regeln, desto mehr stoßen sie auf Protest. Das Beherbergungsverbot etwa ist verwirrend, sein Sinn fraglich und es gefährdet damit auch die Akzeptanz der nützlichen Bestimmungen in der Bevölkerung. Wir erklären euch, wie Verbote aussehen müssen, damit sie wirken.

Warum halten sich Menschen oft nicht an Regeln?

     Der Wunsch nach Selbstbestimmung wurzelt tief in uns. Wagt es jemand, unseren Handlungsspielraum einzuschränken, wollen wir erst recht unsere Freiheit beweisen. Psychologen nennen das Reaktanz. Sie mag manchmal kindisch erscheinen, hat aber Vorteile: Sie sorgt dafür, dass wir nicht blind Autoritäten folgen.


Manchmal lösen aber auch eigentlich sinnvolle Regeln Reaktanz aus – und wir reagieren mit Ärger und Gereiztheit. Der Widerstand gegen von außen auferlegte Beschränkungen kann so weit gehen, dass Menschen sich nicht nur konträr verhalten, sondern auch ihre Einstellungen zum Thema extremer werden. Geht der Schuss derart nach hinten los, spricht man vom „Bumerangeffekt“.

 

Wer neigt zur Rebellion?

     


     Reaktanz ist bei Menschen ausgeprägter, die generell kaum Kontrolle über ihr Leben haben – oder dies zumindest glauben. Hingegen akzeptieren Menschen, die den Eindruck haben, sie haben das Steuer selbst in der Hand, Freiheitsbeschränkungen eher. Ihnen fällt es leichter, Alternativen zu finden, um trotz der Verbote ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Das zeigte eine Studie der Universität Salzburg.


Davon abgesehen ist eine Gruppe besonders berüchtigt dafür, gerne mal die Regeln zu brechen: Teenager. Jugendliche handeln oft sogar unvernünftiger als Kinder. Schuld daran ist vermutlich die ungleichmäßige Reifung der verschiedenen Teile unseres Denkorgans.

Dass Jugendliche oft Regeln brechen, liegt an der Hirnentwicklung

Das Belohnungssystem, das sich erst relativ spät entwickelt, reift während der Pubertät schneller als der präfrontale Kortex, der am abwägenden Denken beteiligt ist, Impulse im Zaum hält und besonnenes Entscheiden und Planen fördert. Dieses Ungleichgewicht führt zu mehr Risikobereitschaft. Vor allem in emotional aufgeladenen Situationen gewinnt das für Lustempfinden und Motivation zuständige Belohnungssystem leicht die Oberhand.

Dabei sind Jugendliche nicht per se unfähig, rationale Entscheidungen zu treffen. Fragebogenstudien lassen vermuten, dass sie viele Risiken ähnlich gut abschätzen wie Erwachsene. Der Verstand setzt vor allem dann aus, wenn Gleichaltrige anwesend sind. Das ergaben Experimente, bei denen die Teilnehmer in einem virtuellen Autorennen möglichst schnell und unfallfrei ans Ziel kommen sollten. Schauten Freunde zu, rasten Jugendliche viel eher über rote Ampeln und riskierten einen Crash. Soziale Anerkennung ist uns in dieser Phase wichtiger als braver Gehorsam.

Es gibt aber Wege, die Kooperationsbereitschaft zu fördern – ob in der Firma, wenn es um Gesetze geht oder bei der Erziehung.

Was fördert die Kooperationsbereitschaft?

     Zu viele strenge Regeln verlangen Mitarbeitern, Kindern und Bürgern einiges ab. Ein allzu strenges Regiment ist oft kontraproduktiv. Werden Verbote gelockert, steigt umgekehrt meist auch die Bereitschaft, die restlichen Regeln einzuhalten.


Allein schon mit der richtigen Formulierung lässt sich ein gefühlter Freiraum schaffen. Also: statt Anweisungen lieber Vorschläge formulieren. So werden keine Vorschriften, sondern Fähigkeiten vermittelt, die jeder unter Beweis stellen kann. Zum Beispiel: „Wenn du die Kontaktbeschränkungen einhältst, kannst du dich und deine Mitmenschen vor einer Infektion mit dem Coronavirus schützen.“ Wichtig ist hier auch zu betonen, was durch die Befolgung der Maßnahmen gewonnen werden kann.

Regeln müssen verständlich und nachvollziehbar sein

Ein wichtiger Faktor ist das Empfinden von Gerechtigkeit. Fairness senkt Ärger und Unverständnis gegenüber freiheitsbeschränkenden Maßnahmen. „Die persönliche Bewertung, wie gerecht der Prozess bis zu einer Entscheidung oder einem Verbot war, ist sehr individuell“, sagt die Psychologin Vicky König, die sich am Institut für Sozialpsychologie der Universität Salzburg mit den Mechanismen der Reaktanz beschäftigt.

Ob etwas gerecht ist oder nicht, bewertet der Mensch dabei anhand von drei Kriterien:

  • informationale Gerechtigkeit: die Verständlichkeit und Fülle der zur Verfügung gestellten Informationen
  • interpersonale Gerechtigkeit: wie respektvoll, verständnisvoll und wohlwollend man behandelt wurde
  • prozedurale Gerechtigkeit: ob im Prozess ein Mitspracherecht besteht

Diese drei Arten der Gerechtigkeit wiegen wir bis zu einem gewissen Grad gegeneinander auf: Können wir bei einer Entscheidung nicht mitbestimmen, ist es daher umso wichtiger, dass der Gesetzgeber (oder die Chefin) Sinn und Zweck des Verbots gut kommuniziert. Dabei sollten klare Botschaften vermittelt werden. Starke Argumente gehören an den Anfang und ans Ende.

Regeln und Verbote werden zudem besser akzeptiert, wenn sie an die aktuelle Situation angepasst werden. Ein regelmäßiges Update – etwa in der Corona-Pandemie – zeigt den Bürgern, dass die Bestimmungen mit Maß, Sinn und Verstand gewählt wurden. Aber: Ein willkürliches Hin und Her gefährdet die Akzeptanz.


Führt Angst zur Verhaltensänderung?      

     Wer die negativen Folgen eines Verhaltens selbst fürchtet, hält sich eher an Verbote. So weit, so einleuchtend. Angstmachen – zum Beispiel mit Schockbildern auf Zigarettenpackungen – ist eine beliebte Strategie. Wissenschaftliche Untersuchungen dazu liefern allerdings gemischte Befunde. In vielen Studien ist die Wirkung auf das Verhalten der Probanden eher mäßig. Furchtappelle scheinen besser zu wirken, je drastischer sie sind – ab einem gewissen Punkt kippt der Effekt jedoch.


Was die Forschung außerdem zeigt: Ohne Alternativen aufzuzeigen, bringt reine Panikmache nicht viel. Wer nicht weiß, wie er es schaffen soll, mit dem Rauchen aufzuhören, den halten auch Fotos von Teerlungen und Raucherbeinen in der Regel nicht ab. Negative Folgen sollten daher immer mit expliziten Empfehlungen gepaart werden. Das gilt auch für die Klimakrise: Eine Anleitung zu nachhaltigerem Verhalten ist entscheidend. Sonst kann es passieren, dass wir Gedanken an das bedrohliche Szenario vermeiden und die Augen vor der Gefahr verschließen.

   

Hilft es, wenn andere sich an die Regeln halten?

           Als soziale Wesen folgen wir gern der Herde. Vor allem in unsicheren Situationen orientieren wir uns an anderen – im Guten wie im Schlechten. Der US-Psychologe Robert Cialdini, der erforscht, wie sich Menschen überzeugen lassen, testete 2003 zwei unterschiedliche Verbotsschilder in einem Nationalpark.

Einmal stand dort: „Viele vergangene Besucher haben versteinertes Holz aus dem Park entwendet und damit den natürlichen Zustand des versteinerten Waldes verändert“. Ein andermal prangte Folgendes auf der Tafel: „Bitte entwenden Sie kein versteinertes Holz aus dem Park, um den natürlichen Zustand des versteinerten Waldes zu erhalten“. Dazu platzierten die Versuchsleiter Stücke des beliebten Holzes an verschiedenen Stellen des Parks.

Wir neigen dazu, es wie die Mehrheit zu tun – auch, wenn’s schlecht ist

Das Ergebnis: Die erste Aufschrift führte dazu, dass die Besucher signifikant mehr davon mitgehen ließen. Die „injunktive Norm“ (was wir tun sollen) war weniger mächtig als die „deskriptive Norm“ (was andere de facto tun). Solche Formulierungen ermutigen also dazu, es der Mehrheit gleichzutun. Auch andere Studien, etwa zu Nachhaltigkeit und Umweltschutz bestätigen das.

Die deskriptive Norm sollte man deshalb nur dann nutzen, wenn die Mehrheit sich schon günstig verhält („75 Prozent der Hotelgäste verwenden ihre Handtücher der Umwelt zuliebe mehrfach.“). Dann wirkt die Aufforderung sogar besser als mit einer injunktiven Norm allein („Verwenden Sie bitte der Umwelt zuliebe Ihre Handtücher mehrfach“).

 Autorin: Corinna Hartmann, Quarks.de

Unsere Quellen

                  

  • Mühlberger, Christina et al.: Uncontrollability, reactance, and power: Power as a resource to regain control after freedom threats. (Current Issues in Social Psychology, 2016)
  • Sischka, Philip et al.: Der Reaktanzeffekt oder: Warum Gesundheitskampagnen scheitern können (The Inquisitive Mind, 2016)
  • Konrad, Kerstin, et al.: Hirnentwicklung in der Adoleszenz. (Deutsches Ärzteblatt, 2013)
  • Chein, Jason, et al.: Peers increase adolescent risk taking by enhancing activity in the brain’s reward circuitry. (Developmental science, 2011)
  • Kok, Gerjo, et al.: Ignoring theory and misinterpreting evidence: the false belief in fear appeals. (Health Psychology Review, 2018)
  • Tannenbaum, Melanie B., et al.: Appealing to fear: A meta-analysis of fear appeal effectiveness and theories. (Psychological bulletin, 2015)
  • Cialdini, Robert B., et al.: Managing social norms for persuasive impact. (Social influence, 2006)
  • Goldstein, Noah J. et al.: A room with a viewpoint: Using social norms to motivate environmental conservation in hotels. (Journal of consumer Research, 2008) 
  • König, Vicky (Fachbereich Psychologie, Universität Salzburg)
   

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