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Der Schriftsteller Orhan Pamuk wurde 1952 in Istanbul geboren, wo er immer noch lebt.

Als die Pandemie die Welt teilte

Wer an einem Roman über die Pest von 1901 arbeitet, entdeckt zwangsläufig Parallelen zur aktuellen Pandemie. So groß unsere Angst sein mag: Sie ist auch weise und vorausschauend. Gastbeitrag von Orhan Pamuk, Süddeutsche ONLINE vom 1. Mai 2020, 17:22 Uhr "Dritte Pest"

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Seit vier Jahren schreibe ich an einem Roman, der im Jahr 1901 spielt, in Umständen, die als die dritte Pest-Pandemie bekannt sind, bei der in Asien Millionen Menschen starben, aber nicht viele in Europa. In den letzten zwei Monaten haben mich Freunde und Verwandte, Verleger und Journalisten, die den Gegenstand dieses Romans mit dem Titel "Pestnächte" kennen, immer wieder gefragt, welche Ähnlichkeiten sich zwischen der gegenwärtigen Pandemie und den historischen Ausbrüchen von Pest und Cholera finden lassen. Tatsächlich gibt es zahlreiche Parallelen. Die erste Reaktion auf den Ausbruch einer Pandemie ist stets das Leugnen gewesen. Nationale und lokale Behörden haben immer mit Verzögerung reagiert. Sie haben die Fakten verzerrt und die Zahlen geschönt, um einen Ausbruch zu verschleiern. Auf den ersten Seiten von "Die Pest zu London" berichtet Daniel Defoe aus dem Jahr 1664, dass die Behörden in einigen Vierteln Londons versuchten, die Zahl der Pesttoten geringer erscheinen zu lassen, als sie tatsächlich war, indem sie andere, erfundene Krankheiten als Todesursache registrierten.

In dem italienischen Roman "Die Brautleute" aus dem Jahr 1827 beschreibt Alessandro Manzoni, wie die Mailänder Bevölkerung sich im Jahr 1630 gegen die offizielle Antwort auf die Pest auflehnt. Die Fakten leugnend, ignorierte damals der Gouverneur von Mailand die Bedrohung, die von der Krankheit ausging. Nicht einmal die Feierlichkeiten zur Geburt des Prinzen Carlos, des Erstgeborenen von König Philipp IV., wurden abgesagt. Manzoni schildert, wie sich die Pest schnell verbreitete, weil die Dekrete zu ihrer Eindämmung unzureichend waren, weil sie nachlässig durchgesetzt wurden und weil die Bevölkerung sie nicht beachtete.

Allmählich schäme ich mich meiner Angst nicht mehr Die zweite Art, in der Menschen überall und offenbar spontan auf den Ausbruch einer Pandemie reagieren, besteht in der Erfindung und Verbreitung von Gerüchten und haltlosen Behauptungen. Bei früheren Pandemien wurden die Gerüchte von falschen Nachrichten ebenso beflügelt wie von der Unmöglichkeit, eine gesellschaftliche Situation als ganze in den Blick zu bekommen. In einer Welt, in der es keine Nachrichtendienste, keinen Rundfunk, kein Fernsehen und kein Internet gab, war die Mehrheit der Bevölkerung auf ihre Vorstellungskraft angewiesen, um zu ermitteln, woher die Bedrohung kam, wie ernst sie war und welche Folgen sie nach sich ziehen konnte. Die Abhängigkeit von der Vorstellungskraft verlieh der Angst jedes einzelnen Menschen eine individuelle Stimme, die von einer lyrischen Qualität durchdrungen war - an Orte gebunden, spirituell und mythisch. Die häufigsten Gerüchte bei einem Ausbruch der Pest galten der Frage, wer die Krankheit eingeschleppt hatte und woher sie kam. Mitte März, als sich Furcht und Panik in der Türkei zu verbreiten begannen, erklärte mir der Filialleiter meiner Bank in Cihangir, dem Viertel in Istanbul, in dem ich lebe, mit wissender Miene, bei "dieser Sache" handle es sich um Chinas Antwort auf die Vereinigten Staaten und den Rest der Welt.

Wie das Böse überhaupt wurde die Pest stets als etwas geschildert, das von außen kam. Sie hatte schon andere Menschen befallen, und es war nicht genug getan worden, um sie an der weiteren Verbreitung zu hindern. Thukydides, der antike Historiker, beginnt seinen Bericht über die Pest in Athen damit, dass er schreibt, der Ausbruch habe in der Ferne begonnen, in Äthiopien und Ägypten.

Die hartnäckigsten und am meisten verbreiteten Gerüchte gelten stets der Frage, wer der erste Träger der Krankheit war. Im Roman "Die Brautleute" beschreibt Manzoni ein bösartiges, dämonisches Wesen, das in der Dunkelheit umherzieht und eine pestverseuchte Flüssigkeit auf Türgriffe schmiert oder in Brunnen gießt. Oder vielleicht ein müder alter Mann, der sich auf den Boden einer Kirche gesetzt hatte und nun von einer Passantin beschuldigt wurde, mit seinem Mantel herumgewischt zu haben, um die Krankheit zu verbreiten. Und bald schon versammelte sich ein Lynchmob.

Zum ersten Mal schrieb ich vor dreißig Jahren über eine Seuche Diese Ausbrüche von Gewalt, von üblem Gerede, von Panik und Aufruhr sind gemeinsamer Bestandteil aller Berichte über Seuchen. Mark Aurel beschuldigte die Christen, die Antoninische Pest in die Welt gesetzt zu haben, verehrten sie doch nicht die römischen Götter. Während der folgenden Pestepidemien standen im Osmanischen Reich wie im christlichen Europa die Juden im Verdacht, die Brunnen vergiftet zu haben.

Wie bei den alten Pestepidemien üben auch bei der Coronavirus-Pandemie Gerüchte und Anschuldigungen, die ihrerseits auf nationalen, religiösen, ethnischen oder regionalistischen Überzeugungen gründen, einen erheblichen Einfluss auf den Umgang mit der Seuche aus. Die sozialen Medien spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Tendenz der rechtspopulistischen Medien, grobe Lügen in die Welt zu setzen. Doch haben wir heute mehr denn je auch Zugang zu verlässlichen Nachrichten. Während wir zusehen, wie die roten Punkte auf den Seuchenkarten, die unser jeweiliges Land oder die Welt zeigen, sich fortwährend vervielfältigen, erkennen wir, dass es keinen Ort gibt, an den wir flüchten könnten. Das Wissen darum, dass die ganze Menschheit, von Thailand bis New York, unsere Sorgen teilt, wie und wo man einen Mundschutz zu tragen hat, wie man auf die sicherste Weise mit den Lebensmitteln aus dem Supermarkt umgeht und ob man sich in Quarantäne begeben muss oder nicht, ist eine ständige Erinnerung daran, dass wir nicht allein sind. Es bringt ein Bewusstsein von Solidarität hervor. Wir werden demütig. Es wird leichter, einander zu verstehen. Allmählich schäme ich mich meiner Angst nicht mehr, und ich beginne, sie als eine angemessene Reaktion zu begreifen. Ich erinnere mich an das Sprichwort, dass, wer Angst hat, länger lebt. Irgendwann merke ich, dass die Angst zwei verschiedene Reaktionen in mir auslöst. Vielleicht ist das bei jedem Menschen so. Manchmal treibt sie mich in den Rückzug, ins Alleinsein und in die Stille. Dann wieder lehrt sie mich, mich zurückzunehmen und mich solidarisch zu verhalten.

Zum ersten Mal schrieb ich vor dreißig Jahren über eine Seuche, und schon damals ging es mir vor allem um die Angst vor dem Tod. Im Jahr 1561 floh der Humanist Ogier Ghiselin de Busbecq vor der Pest in Konstantinopel, indem er sich auf der Insel Büyükada im Marmarameer niederließ. Er bemerkte, wie mangelhaft die Quarantäneregeln in der Stadt befolgt wurden, und erklärte, die Türken seien ihrer Religion wegen "Fatalisten". Rund eineinhalb Jahrhunderte später schrieb auch Defoe in der "Pest zu London", Türken und Mohammedaner hingen der Idee einer Vorsehung an, nach der "jedes Menschen Ende vorbestimmt" sei. Mein Seuchenroman sollte mir beim Nachdenken helfen, über muslimischen "Fatalismus" im Kontext von Säkularisierung und Moderne. Die Grenze zwischen Ost und West wurde durch die Pest gezogen Ob fatalistisch oder nicht: Historisch betrachtet, waren Muslime schon immer schwerer als Christen davon zu überzeugen, Quarantäneregeln zu akzeptieren, insbesondere im Osmanischen Reich. Die wirtschaftlichen Gründe, aus denen Händler und Bauern aller Konfessionen sich gegen die Quarantäne wehrten, mischten sich in islamischer Umgebung mit Vorstellungen von weiblicher Sittsamkeit und häuslicher Privatsphäre.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich das Dampfschiff als Verkehrsmittel durchsetzte und man billiger reiste, wurden die Pilger, die nach Mekka oder Medina unterwegs waren oder von dort zurückkamen, zu den effektivsten Verbreitern ansteckender Krankheiten in der Welt. Um die Wende zum 20. Jahrhundert richteten die Briten deswegen eine der größten Quarantänebehörden der Welt im ägyptischen Alexandrien ein. Solche Entwicklungen waren nicht nur dafür verantwortlich, dass sich das Stereotyp vom islamischen "Fatalismus" durchsetzte, sondern auch für die Vorstellung, dass Muslims oder asiatische Völker überhaupt Ausgang und Träger ansteckender Krankheiten seien.

Wenn Raskolnikow, der Held in Fjodor Dostojewskis Roman "Verbrechen und Strafe", am Ende des Buches von der Pest träumt, tut er das in dieser Tradition: "Ihm träumte ..., die ganze Welt sei dazu verurteilt, einer furchtbaren, noch nie dagewesenen und unvorstellbaren Seuche, die aus dem Inneren Asiens über Europa dahinzog, zum Opfer zu fallen." Auf Landkarten aus dem 17. und 18. Jahrhundert wurde die politische Grenze des Osmanischen Reichs, die Linie, wo die Welt jenseits des Westens zu beginnen schien, durch die Donau definiert. Doch wurde die kulturelle und anthropologische Grenze zwischen den beiden Welten durch die Pest gezogen, dadurch, dass die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken, östlich der Donau wesentlich höher war. Etliche historische Dokumente lehren uns, dass in den Moscheen von Konstantinopel immer noch Begräbnisfeiern abgehalten wurden, während draußen die Pest wütete. Die Trauernden besuchten einander, um ihr Beileid auszudrücken und sich weinend zu umarmen, und es erschien wichtiger, sich angemessen für die nächste Bestattung vorzubereiten, als sich zu fragen, woher die Seuche kam und wie sie sich verbreitete. Während der jüngsten Pandemie hat sich die türkische Regierung für einen säkularen Zugriff entschieden: Begräbnisfeiern für die Opfer der Krankheit wurden verboten. An Freitagen wurden die Moscheen rigoros geschlossen, an den Tagen also, an denen sich die Gläubigen zum wichtigsten Gebet der Woche zu versammeln pflegen. Die Türken haben sich diesen Maßnahmen nicht widersetzt. So groß unsere Angst sein mag: Sie ist auch weise und vorausschauend. Wenn aus dieser Pandemie eine bessere Welt hervorgehen soll, werden wir zueinander stehen müssen, bescheiden und solidarisch, so wie es dieser historische Augenblick erfordert.

Orhan Pamuk ist Schriftsteller und wurde 1952 in Istanbul geboren, wo er immer noch lebt. 2006 bekam er den Literaturnobelpreis. "Pestnächte" soll auf Deutsch im Herbst 2021 bei Hanser erscheinen. Aus dem Englischen von Thomas Steinfeld.

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