Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Illustration: Stefan Dimitrov  Bei QAnon dreht sich alles um die kryptischen Nachrichten des mysteriösen Q, die sogenannten QDrops. Drops wie Tropfen, aber auch wie droppen, hinwerfen. Q wirft seinen Anhängern Textfetzen vor die Füße, aus denen sie selbst etwas machen sollen.

Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Seit Beginn werden diese Drops interpretiert und durchnummeriert, Anons verweisen auf die Textschnipsel wie auf Psalmen oder Suren. 
Süddeutsche vom 27. Oktober 2020, Von Lena Kampf und Hannes Munzinger, Mitarbeit: Sebastian Pittelkow, Katja Riedel und Teresa Roelcke

Der brave Anon


Aus einem Plattenbau in Ostberlin heraus kümmert sich Falk O. darum, dass die Verschwörungs­erzählungen von QAnon zu den ganz normalen Leuten kommen. Die Geschichte eines Handlangers.


Seit dem Beginn der Pandemie verbreitet sich die Verschwörungsideologie QAnon in Deutschland mit rasender Geschwindigkeit. Ihren Anhängern geht es längst nicht mehr nur um irrsinnige Vorstellungen von Politikern, Kindesmissbrauch und satanistischen Ritualen. Sie verbreiten auch haarsträubende Fantasien zu Impfstoffen, zu vermeintlich verschwiegenen Gefahren und Mikrochips im Blut. Die Bewegung hetzt ihre Anhänger gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie auf, und natürlich auch gegen die gewählten Politiker. QAnon will etwas einreißen, mindestens das Vertrauen in demokratische Prinzipien erodieren.

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Am Ende versteht er sein Verwirrspiel offenbar selbst nicht mehr. Vielleicht hatte er nicht damit gerechnet, dass man ihn dort finden könnte, wo er seine bürgerliche Identität nicht verschleiern kann. An seiner Haustür.

Es ist erst kurz nach acht und schon stockdunkel an diesem Donnerstagabend. Ein kolossaler Plattenbau in Ostberlin, grelles Neonlicht. Das Klingelbrett hat 33 Knöpfe, linke Reihe, der oberste ist es.

Erst auf das zweite Klingeln folgt ein fragendes "Hallo". Am anderen Ende der Sprechanlage ist einer der eifrigsten Arbeiter der QAnon-Bewegung in Deutschland. Man möchte mit Falk O. so vieles besprechen. Zum Beispiel, ob er wirklich glaubt, dass Politiker und Hollywoodstars Kinder foltern? Ob er wirklich glaubt, dass sie den Kindern oxidiertes Adrenalin abzapfen? Und ob er wirklich glaubt, dass sie dieses sogenannte Adrenochrom trinken, als Droge und Verjüngungskur?

Adrenochrom, da geht's ja schon los. Männer wie Falk O. verbreiten, dass die Mächtigen dieser Erde es Kindern in geheimen Kellern entnehmen würden. Dabei lässt sich Adrenochrom problemlos im Labor herstellen, jeder kann es im Internet bestellen. Wissenschaftler haben es übrigens längst als völlig wirkungslos entlarvt.

Man würde Falk O. also gerne fragen, warum er es sich zur Aufgabe gemacht hat, möglichst vielen Menschen Unsinn wie diesen als Wahrheit zur Verfügung zu stellen. Und ob er auch glaubt, dass nur Donald Trump die Welt von den kinderfolternden Eliten befreien kann? Oder ob QAnon ganz bewusst so verworren, so unübersichtlich ist, damit Verschwörungsgläubige und Extremisten aus allen politischen Lagern andocken können? Seien es Antisemiten, Rechtsradikale oder Reichsbürger.

Aber Falk O. will an diesem Abend nicht reden. Zumindest nicht durch die Gegensprechanlage. Man hinterlässt ihm eine Nachricht, per Mail. Es dauert nur ein paar Minuten, dann meldet er sich, zumindest online: Er stellt die Nachricht auf seine Webseite. Online wirkt er selbstsicherer als an der Gegensprechanlage. Online hat die Bewegung, der Falk O. vermutlich einen Großteil seiner Freizeit widmet, gerade ein Momentum.

Seit dem Beginn der Pandemie verbreitet sich die Verschwörungsideologie QAnon in Deutschland mit rasender Geschwindigkeit. Ihren Anhängern geht es längst nicht mehr nur um irrsinnige Vorstellungen von Politikern, Kindesmissbrauch und satanistischen Ritualen. Sie verbreiten auch haarsträubende Fantasien zu Impfstoffen, zu vermeintlich verschwiegenen Gefahren und Mikrochips im Blut. Die Bewegung hetzt ihre Anhänger gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie auf, und natürlich auch gegen die gewählten Politiker. QAnon will etwas einreißen, mindestens das Vertrauen in demokratische Prinzipien erodieren.

Und das alles auf Geheiß einer Figur, die sich im Netz "Q" nennt. Einer Figur, von der keiner weiß, wer sie ist, mehr noch, ob sie überhaupt existiert.

Inzwischen haben sich mehrere Prominente zu Inhalten von QAnon bekannt. Der Musiker Xavier Naidoo zum Beispiel oder der Vegankoch Attila Hildmann, der sich zuletzt immer wieder rechtsextremistisch geäußert hat. Vor allem aber schließen sich Bürger an, die über die Kanäle der Corona-Leugner mit der Bewegung in Kontakt kommen. Zum Beispiel über die App Telegram. Dort hat QAnon Hunderttausende Anhänger.

Die Frage ist, wieso so viele Menschen in diesen Zeiten den finsteren Märchen eines Unbekannten vertrauen. Und wie diese Verschwörungsideologie aus obskuren Internetforen in die Kanäle der breiten Masse gelangt. Nach Recherchen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung sorgen dafür offenbar auch Männer wie Falk O.

Der Verfassungsschutz beobachtet bisher nur Anhänger von QAnon, die auch als Rechtsextremisten oder Reichsbürger aufgefallen sind. Man prüfe noch, ob QAnon selbst ein offizieller Prüffall werde. Denn die Sicherheitsbehörden stehen vor einem Rätsel: Wie gefährlich ist diese Bewegung? Und was genau ist ihr Ziel?

Falk O. könnte möglicherweise Antworten geben, er arbeitete in der Vergangenheit als Softwareentwickler in Berlin. Im Netz kursiert ein Interview aus dem vergangenen Jahr, in dem er von sich sagt, dass er Mitte dreißig sei. Auf den wenigen Bildern, die man von ihm findet, wirkt er eher freundlich, eher unauffällig. Aber O. setzt seine Fähigkeiten als Programmierer ein, um eine gefährliche Verschwörungserzählung zu verbreiten. Er ist ein Handlanger des mysteriösen Q, ein Adlatus des Propheten der QAnon-Bewegung.

Im Netz nennt O. sich "ResignationAnon". Anon, das steht für Anonymus. Es ist ein Spitzname, der zugleich Identifikation ist. Wer sich Anon nennt, fühlt sich einer Szene zugehörig, der Szene der sogenannten Imageboards. Auf Webseiten wie "4chan" und "8kun" posten die Nutzer anonym, Anons eben. Was sie posten, gehört zum Dreckigsten, was das Netz zu bieten hat: Hass gegen Frauen, Juden, Schwarze, dazu Gewaltfantasien, Endzeiterzählungen. Schutz bietet die Anonymität. Und ein Slang aus Codes und Referenzen, der für Gelegenheitsbesucher solcher Plattformen im Netz kaum zu verstehen ist.

Der mutmaßliche Täter des Anschlags auf die Synagoge in Halle war auf denselben Imageboards sozialisiert wie offenbar auch Falk O. Der Attentäter begann den Livestream seiner Bluttat mit den Worten: "Hey, mein Name ist Anon."

Um zu erfahren, wie QAnon begann, muss man drei Jahre zurückgehen. Im Oktober 2017 trat jener Nutzer in Erscheinung, der sich später Q nannte und zum Namensgeber und Vorbeter der Bewegung wurde. Donald Trump war damals schon Präsident, aber der Hass auf seine Herausforderin Hillary Clinton brachte die Foren immer noch verlässlich zum Glühen.

Schon Qs erste Nachricht erwies sich als frei erfunden: "HRC Auslieferung bereits im Gange, wirksam seit gestern mit diversen Ländern, im Falle eines Grenzübertritts." HRC, Hillary Rodham Clinton, werde also festgenommen und ausgeliefert, falls sie die USA verlasse.

Q behauptete später, ein hochrangiger Regierungsmitarbeiter zu sein, mit sogenannter "Q clearance", einer Sicherheitsüberprüfung im Energieministerium der USA. Es gibt dafür bis heute keine Belege. Jeder könnte das auf einem anonymen Forum behaupten. Manche vermuten hinter Q den Betreiber des Imageboards 8kun, auf dem Q sich heute äußert. Bewiesen wurde auch das nie.

Vielen Anons scheint egal zu sein, wer Q ist, sie standen trotzdem ab den ersten Posts in seinem Bann. Auch Falk O. Er habe die Nachricht, wenige Stunden nachdem sie auftauchte, auf einem deutschen Imageboard gesehen, sagt er in jenem Interview mit einem anderen QAnon-Anhänger, das im Netz kursiert. "Und ich dachte mir, hey, das klingt wirklich, wirklich interessant", sagt O. Seit dem ersten oder zweiten Tag sei er dabei.

Bei QAnon dreht sich alles um die kryptischen Nachrichten des mysteriösen Q, die sogenannten QDrops. Drops wie Tropfen, aber auch wie droppen, hinwerfen. Q wirft seinen Anhängern Textfetzen vor die Füße, aus denen sie selbst etwas machen sollen. Seit Beginn werden diese Drops interpretiert. Sie werden durchnummeriert, Anons verweisen auf die Textschnipsel wie auf Psalmen oder Suren. Nicht zuletzt wohl auch, weil manche davon mystisch, beinahe religiös klingen. QDrop 4938 zum Beispiel: "Bitte bringt das Brot in Ordnung und räumt das Schiff auf. Q."

Es ist eine Mitmachbewegung, ein digitales Puzzlespiel. Q selbst hat seine Nachrichten als "Brotkrumen" bezeichnet, die er fallen lasse. Die Anons verstehen sich als Bäcker, die diese Krumen zusammensetzen. So schief wie dieses Bild sind die Thesen, die aus den Informationskrümeln entstehen. Jeder schafft hier seine eigenen Fakten. Gemeinsam ist den Anhängern nur ihr Hass auf den Status quo, den sie verändern wollen. Aber in welche Richtung?

Geht es Q darum, Zweifel zu säen? An der bestehenden Ordnung, an Eliten, an Fakten. Vielleicht ist Q auch nur ein zynischer Scherz aus einer scheußlichen Ecke des Internets, der völlig aus dem Ruder gelaufen ist.

Die Auswirkungen können drastisch sein. In den USA hatte schon im Dezember 2016 ein 29-jähriger Familienvater in einer Pizzeria in Washington um sich geschossen, weil er glaubte, im Keller würden Kinder von einem Missbrauchsring festgehalten. Der Keller dieser Pizzeria ist heute einer der Urmythen von QAnon. Nur: Die Pizzeria hatte keinen Keller.

In den USA warnt das FBI inzwischen davor, dass QAnon zu einer Terrorgefahr werden könnte. Präsident Trump, dem Heilsbringer der Q-Gläubigen, hingegen scheinen selbst solche Anhänger recht zu sein. Im August 2020 wurde er bei einer Pressekonferenz zu QAnon gefragt. Der Präsident der Vereinigten Staaten sagte, er wisse nicht viel über die Bewegung, "außer dass sie mich sehr mögen".

Mehrere Kandidaten, die kommende Woche in den Kongress gewählt werden wollen, haben sich offen zu QAnon bekannt. Da ist zum Beispiel Jo Rae Perkins, die republikanische Bewerberin für den Senat aus Oregon. Nach ihrer Nominierung sagte sie in einem Video: "Ich stehe an der Seite von Q und dem Team. Danke Anons und danke euch Patrioten." Sie steht also an der Seite von Menschen, die Nachrichten wie den QDrop 435 für bedeutsam halten: "'Yellow Brick Road'. F-I Rede - Geschichte. Zauberer & Hexenmeister. Alice & Wunderland. Gelöst? Q."

Schwer zu sagen, was Falk O. von Qs Botschaften hält. Leichter zu sagen ist, welche bitteren Folgen QAnon haben kann. In Onlineforen beschreiben User, wie ihre Familien auseinanderbrechen, weil ein Elternteil oder Geschwister der Bewegung verfallen sind. Und politische Beobachter befürchten, dass eine Niederlage Donald Trumps seine QAnon-Anhänger weiter radikalisieren könnte, weil ihnen der Heiland abhandenkäme.

In Deutschland findet QAnon vor allem seit Ausbruch der Corona-Pandemie mehr Beachtung. Als Xavier Naidoo im April in einem Video um die vermeintlich gefolterten Kinder weinte, landete dieses Video auch auf dem Youtube-Kanal des QAnon-Influenzers Oliver Janich. Janich ist ehemaliger Journalist und ein prominenter Lautsprecher der deutschen QAnon-Szene. Sein Video zu Naidoo wurde 495 000 Mal angesehen. Und die zweite Welle der Pandemie könnte Akteuren wie ihm und der Bewegung weiteren Schub geben.

"Wir sehen leider, dass im Moment die Bewegung exponentiell anwächst, und das hängt vermutlich damit zusammen, dass wir es jetzt mit einer zweiten Welle von Corona zu tun haben, dass diese Perspektivlosigkeit und die Ängste ganz gezielt ausgenutzt werden von QAnon", sagt Julia Ebner am Telefon. Die 29-jährige Wienerin forscht am Institut für strategischen Dialog in London über digitale Strategien von Extremisten. Es gebe ein Informationsvakuum, das QAnon mit Falschinformationen zu füllen versuche. "Rechtsextreme und Reichsbürger nutzen das für ihre Zwecke und versuchen, die Bewegung in ihre ideologische Richtung zu treiben und eigentlich zu kapern", sagt Ebner. Regelmäßig mischt sie sich im Netz undercover unter Terroristen, Hacker oder Verschwörungsmystiker. In Foren und auf Imageboards, der Welt von Falk O. und QAnon. Auf solchen Webseiten ist es oft unübersichtlich, kleinteilig, nicht massenkompatibel. Die wenigsten Menschen, die erstmals mit der Q-Verschwörung in Kontakt kommen, tun es dort. Sondern auf Youtube, Facebook oder Messengern wie Telegram.

Falk O. betreibt deshalb unter seiner Tarnidentität ResignationAnon Webseiten, auf denen er alle Nachrichten von Q automatisch archiviert. Er holt die Drops und Krümel aus den Nischen des Netzes auf die Mobiltelefone, als konsumierbare Happen. Er ist keiner, der sie interpretiert, kein Prophet, schon gar kein Influencer. Er sammelt, bereitet auf, präsentiert. Sogar einen Übersetzungsservice bietet er an, die Verlautbarungen werden durch ihn und durch Helfer, um die er auf seiner Webseite wirbt, bereits in sechs Sprachen übersetzt. Momentan sucht er Unterstützung für Japanisch: "Wenn Sie bereit sind, Q-Posts zu übersetzen (...), schreiben Sie mir eine E-Mail."

Plattformen wie seine nennen Forscher Aggregatoren. Sie senken die Schwelle, mit den Q-Drops in Berührung zu kommen. Die weltweit wohl bekannteste dieser Seiten hieß QMap und wurde monatlich zehn Millionen Mal angesteuert. Vor wenigen Wochen ging die Seite vom Netz, nachdem ihr Betreiber von Forschern des Faktencheck-Start-ups "Logically" enttarnt wurde. ResignationAnon, Falk O. also, rückte sofort nach. Seine Webseite "Qresearch" hatte schlagartig 100 000 Besucher mehr als in den Monaten zuvor. Wer auf Twitter über die abgeschaltete Seite QMap schreibt, erhält von ihm direkt eine Antwort, die auf seine Plattform verweist. Es scheint, als habe er Größeres vor.

Netzwerke wie Youtube und Facebook begannen vor Kurzem, Kanäle mit Q-Inhalten zu sperren. Falk O.s Plattformen könnten auch dadurch noch wichtiger werden.

"Die Rolle von ResignationAnon ist Moderator und Administrator von QAnon-Kanälen auf verschiedenen Plattformen", sagt Julia Ebner. Falk O. sei "international vernetzt, einer, der die Regeln aufstellt und darauf achtet, dass es läuft. Seine Funktion ist eine technische Brückenfunktion, um diese Verschwörungserzählungen nach Deutschland zu bringen."

Der wichtigste deutsche QAnon-Kanal auf Telegram heißt "Qlobal-Change", hier erreichen die QDrops, Bilder und Videos mehr als 126 000 Menschen. Und auch die Macher halten Falk O. für eine Größe der Bewegung. Am 21. September gratulierten sie ihm zu seinem 1000-tägigen Jubiläum im Netzwerk. "Er ist einer der ersten und bemerkenswertesten deutschen Anons, der sehr bedeutende Arbeit für die QBewegung leistet", heißt es dort.

Aber Falk O. geht auch für die Bewegung auf die Straße. Tage nach der ersten großen Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung in Berlin schreibt er in einem Telegram-Kanal: "die demo vom 01.08. fand ich großartig (ich war dabei!) - und werde am 29.08. auch wieder dabei sein". Am 29. August überrannten Demonstrierende die Polizeiabsperrung auf den Treppen des Reichstagsgebäudes. Es gingen Bilder um die Welt, wie Reichsbürger und Rechtsradikale versuchten, das demokratische Herz Deutschlands zu stürmen.

Auf Telegram schreibt Falk O., dass er seit mehr als zweieinhalb Jahren im Umfeld der Bewegung aktiv sei. In jenem Interview, das er 2019 als ResignationAnon gab, berichtet er, dass er einmal Zweifel an seinem Engagement für "Q" bekam. Die Stimme klingt sehr ähnlich wie die Stimme am Donnerstagabend an der Sprechanlage. Eher hoch, etwas aufgeregt, in flüssigem Englisch mit deutschem Akzent.

Er habe, erzählt er in dem Interview, einige Wochen lang eine sogenannte "Resignation List" zusammengestellt. Eine Liste bekannter Menschen, die von ihren Posten entlassen worden oder zurückgetreten waren. Q hatte das in seiner Botschaft 413 so verlangt. O. fühlte sich offenbar verpflichtet. Er habe versucht, ein Muster zu erkennen, aber die Fälle seien nicht wirklich interessant gewesen. "Da habe ich gedacht: Mann, ich bin mir nicht sicher, ob Q wirklich echt ist", erzählt er seinem Gesprächspartner. Er habe nicht mehr gewusst, ob er weitermachen solle mit der Liste. Doch dann sei nur wenige Stunden später ein neuer QDrop aufgetaucht, Nummer 693. "Q" befahl: "Stelle sicher, dass die Rücktrittslisten immer auf dem neuesten Stand sind (...). Ihr werdet staunen."

O. hat weitergemacht. Bis heute stellt er Listen zusammen, nicht nur über Rücktritte, sondern auch über Todesfälle, Ermittlungen zu Kinderpornografie oder Menschenhandel. Die Daten seien sehr wichtig für die Forschung, sagt er, und um herauszufinden, welche Verbindungen dazwischen bestünden. Es ist wie ein nie endendes Puzzlespiel. Und es ist die Art "Recherche", der die Anhänger der Bewegung vertrauen. Nicht der Recherche von Journalisten, nicht den Erkenntnissen von Wissenschaftlern. Sondern den wirren Fleißarbeiten von anonymen Aktivisten wie Falk O.

Aber das Netz ist erbarmungslos. Nicht nur dort, wo ResignationAnon Verschwörungserzählungen voller Falschinformationen sammelt. Auch dort, wo wahre Informationen über ihn selbst gespeichert sind.

Diese Informationen führen in jene Plattenbausiedlung an einer der großen Ausfallstraßen im Osten Berlins. Ein modernisierter Klotz mit fünf Hausnummern. Falk O. wohnt ganz oben. Als er nach dem zweiten Klingeln reagiert, fragt man ihn durch die Sprechanlage, ob man mit ihm über Q sprechen dürfe. "Da sind Sie beim Falschen", sagt er. Beim Falschen? Falk O. hat sich offenbar eine Legende zurechtgelegt. Um als ResignationAnon nicht aufzufliegen, tut er so, als sei der Mensch, der an dieser Adresse wohnt, nur ein Strohmann. Als nutze er nur dessen Adresse, um seine Webseiten zu registrieren.

Er muss damit gerechnet haben, dass irgendwann mal das Telefon klingelt oder jemand an seiner Haustür steht. Er hatte mehrere Kontaktanfragen von Journalisten bekommen in letzter Zeit. Alle hatte er sofort auf seine Webseite gestellt. Doxxing heißt das in der Netzkultur: bloßstellen.

Es gefällt Falk O. aber offenbar auch, dass er jetzt für Journalisten und Forscher interessant ist. Zumindest feiert er auf Twitter jede neue Erwähnung seiner Projekte in den "MSM", wie er sie nennt, den Mainstreammedien. Jetzt stehen Reporter dieser Medien vor seiner Tür, aber er behauptet, "der Falsche" zu sein. Auf Twitter postet er sofort, dass er von "Reportern" von SZ und ARD besucht worden sei, Reporter in Anführungszeichen. Seine Anhänger machen sich sofort Sorgen. "Bist du in Sicherheit?", schreibt jemand. "Pass auf dich auf!", schreibt eine andere.

Also ruft man ihn an. Am nächsten Tag. Ob er nicht doch darüber sprechen möchte, was er für die QAnon-Bewegung macht? "Ah nee, das möchte ich nicht, danke, tschüss", sagt Falk O., nachdem er seinen Namen bestätigt hat. Später postet ResignationAnon, dass ihn die Journalisten angerufen haben. Um zwei Personen kann es sich spätestens zu diesem Zeitpunkt nicht mehr handeln. Sein Verwirrspiel ist aufgeflogen.

Mitarbeit: Sebastian Pittelkow, Katja Riedel und Teresa Roelcke

 

 

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