"Man muss das Leben tanzen."

Abhörerin von Sprachassistent

„Viele Kinder bezeichnen Siri als ihre beste Freundin“
Für viele war es ein Schock, dass bei der Apple-Sprachsoftware Siri Menschen mithören. Eine Mitarbeiterin berichtet nun, was sie sich dort alles anhören muss.

https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/abhoererin-von-sprachassistent-viele-kinder-bezeichnen-siri-als-ihre-beste-freundin/24878764.html
08.08.2019, 15:09 Uhr

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Manchmal wird es Renate F.* zu heftig. „Der Dirty Talk mit Siri ist häufig derart detailliert, dass ich lieber nicht mehr davon hören will“, sagt sie. „Meist sind es Männer, es ist erstaunlich, wie verbreitet das ist.“
Vor ihr auf dem Bildschirm ist eine Tonspur zu sehen und das zu lesen, was der Computer von dem Sprachbefehl des Siri-Nutzers verstanden hat. Darunter ist ein Feld, in das F. eintragen soll, was tatsächlich gesagt wurde. Häufig hat die Software bereits alles korrekt verstanden, manchmal aber auch nicht. Und wenn es ihr zu dreckig wird, dann klickt sie auf den Button „unverständlich“.
Erlaubt ist das nicht. Denn F. ist eine der Personen, die „Transcribers“ und „Correctors“ genannt werden. Sie soll Sprachfetzen, die Menschen beispielsweise über ihr iPhone in das Apple-Spracherkennungsprogramm Siri eingesprochen haben, anhören und aufschreiben. Diese Praxis hatte zuletzt für einige Aufregung gesorgt. Denn dass Apple, Amazon, Google und Co. die Aufnahmen ihrer Sprachassistenzsysteme mit Computern analysieren, war bekannt. Dass allerdings auch Menschen private und intime Details mithören, war einer breiten Öffentlichkeit bis vor wenigen Wochen verborgen geblieben. Nach einem Sturm der Entrüstung kündigten jetzt alle drei US-Konzerne an, diese Art der Auswertung zu überdenken.
"Das Wort 'Fotze' kommt überraschend oft vor"
Doch Renate F. hat durchaus Gefallen an ihrem Job gefunden. Sie ist eigentlich Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache. Die 55-Jährige lebt in Barcelona. „Ich bin zu dieser Tätigkeit gekommen, weil ich keine Lust hatte mich weiter freiberuflich durchzuschlagen“, sagt die alleinerziehende Mutter. „Es ist nicht leicht, damit durchzukommen, wenn man nicht verbeamtet an einer Schule ist.“
Da kam ihr das Angebot der Sprachauswertung gerade recht. „Ich hatte schon vor vier Jahren dort ein Bewerbungsgespräch, fand es dann aber doch nicht so spannend“, erzählt F. „Jetzt ist mir ein festes Gehalt aber doch wichtiger. Und besser als ein Call Center ist es allemal.“ Nun sitzt sie 30 Stunden pro Wochen mit Kopfhörern in einem Großraumbüro, jeden Tag hört sie 1200 bis 1800 Sprachfetzen aus dem deutschen Sprachraum.
„Das können Kurzbefehle sein wie 'Siri, mach’ das Licht im Wohnzimmer an' oder auch längere Sprachaufzeichnungen“, erzählt sie. „Viel beschäftigte Menschen sprechen zum Beispiel gerne beim Autofahren SMS in ihr Handy anstatt zu tippen. Oder im Bad oder beim Kochen.“ Und es gebe anscheinend auch viele gelangweilte Hausfrauen, die in ihr Handy sprechen, dass sie gerade gestaubsaugt haben, einkaufen waren und was sie sonst so machen. Und dann wären da noch die, die sich tierisch aufregen und Siri anbrüllen, „was für eine dämliche Fotze sie eigentlich sei, dass sie so einen Scheiß schreibt“. Das Wort „Fotze“ komme „für mich älteres Semester“ überraschend oft vor, sagt F.

Auch viele Kinder nutzen Siri. Einige blödeln nur damit herum, aber viele wissen laut F. besser als die Erwachsenen, wie man mit dem System zu reden hat. „Die geben ganz klare Befehle wie: „Siri, zeig‘ mir das Neueste von Fortnite.“ Viele Kinder, berichtet F., bezeichnen Siri als ihre beste Freundin.
Siri lernt, dass "Code" nicht "Kot" ist
Dabei war ihr anfangs gar nicht klar, was sie da eigentlich anhörte. Auf ihre Nachfrage gaben ihre Vorgesetzten ihr keine Auskunft. „Irgendwann war es klar“, sagt sie. „Wenn nicht Geheimdienst, dann eben Softwareoptimierung.“ Denn tatsächlich lässt Apple die Sprachbefehle seiner Kunden zumindest nach eigenen Angaben nicht des Inhalts wegen abhören, sondern um die Spracherkennung zu verbessern.
F. gibt ein Beispiel. „Und du musst noch den Code eingeben“, sagt da jemand gut verständlich. Siri schreibt: „Und du muss doch den Kot eingeben.“ Nun tippt F. den korrekten Satz in ihren Computer. „Denn wenn die Maschine, deren Teil Siri ja ist, nicht eine riesige Menge an Daten eingefüttert bekommt, kann sie nicht lernen, dass das phonetisch gleichklingende 'Kot' in bestimmten Kontexten graphemisch als „Code“ zu schreiben ist“, erklärt sie.
Manchmal macht es ihr zu schaffen, dass sie einfach nur tatenlos zuhören kann. Schließlich sind alle Tonspuren anonymisiert. „Ich kann die Pubertierende nicht trösten, weil ihre beste Freundin sie nicht mehr sehen will. Das weinende Kind nicht, weil es wieder alles falsch gemacht hat. Die Frau nicht, die irgendjemandem vom Tod der Mama berichtet.“ Doch sie fragt sich, ob nicht irgendjemand anderes durchaus in der Lage ist, die Daten zuzuordnen und Kapital daraus zu schlagen. „Könnte man den Typen, der anscheinend Frau und Kind hat und nebenbei eine 'geile Sau' bedient, erpressen?“
Überhaupt; was passiert, wenn F. unfreiwillig Zeugin von Straftaten wird? „Ich selbst habe noch nichts strafrechtlich Relevantes gehört“, meint sie. „Wir haben auch keine Anweisung, wie damit zu verfahren wäre.“ Aber ein Kollege habe einmal ein Gespräch gemeldet, weil es darin aus seiner Sicht eindeutig um einen großen Drogendeal gegangen sei. Ob diese Meldung weiterverfolgt wurde, wisse aber weder F. noch ihr Kollege. „Häufig höre ich aber Liebesbotschaften“, meint F. „Oder Hassbotschaften. Das Konkreteste war: „Ich hoffe, du wirst morgen überfahren.““
Ist Renate F. bald arbeitslos?
In Spanien berichteten zuletzt verschiedene Medien von schlechten Arbeitsbedingungen bei Firmen, die die Sprachauswertung für Google vornehmen. F. bezeichnet ihren Arbeitgeber, der ursprünglich darauf spezialisiert war, Internetseiten in verschiedene Sprachen zu übersetzen, hingegen als „sehr fair“. „Hier arbeiten Mitarbeiter aus aller Herren Länder“, erzählt sie. „Ein Opernsänger, viele Brasilianer, sehr viele Deutsche.“
Sie selbst ist seit zehn Monaten dort beschäftigt, zum zweiten Mal auf sechs Monate befristet. „Nach zwei Befristungen muss man entweder aufhören oder wird fest angestellt“, weiß sie und ist optimistisch, dass sie längerfristig bleiben kann, denn viele ihrer Kollegen seien bereits entfristet worden.
Ändert das vorerst beschlossene Aus für die menschliche Sprachauswertung daran etwas? Apple hatte angekündigt, künftig explizit die Erlaubnis der Nutzer einzuholen, bevor Menschen die Siri-Mitschnitte anhören dürfen. „Wir haben bisher noch nichts von unserem Arbeitgeber gehört, ob das an unserem Job etwas ändert oder ob wir ihn sogar verlieren“, sagt F. „Momentan sind wir unter Beibehaltung von Vertrag und Gehalt beurlaubt, sollen aber jederzeit zur Verfügung stehen.“
Umsonst ist die Arbeit von Renate F. jedenfalls nicht. Wer Siri diktiert, dass ein „Code“ eingegeben werden soll, muss sich seit einigen Tagen nicht mehr über „Kot“ in seinem Handy ärgern.

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Eltern sind gefordert: Wenn Kinder am Smartphone kleben

zdf.de NACHRICHTEN 30.10.2019 19:07 Uhr
"Kein Handy vor elf Jahren!", fordern Deutschlands Kinderärzte. Dabei empfehlen Pädagogen: Eltern sollten ihren Kindern besser den richtigen Umgang mit Smartphones beibringen. Haben Sie schon mal Ihr Kind vor dem Smartphone geparkt? Genau das ist laut Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte nämlich ein "furchtbarer Trend" in deutschen Wohnzimmern. "Eltern bringen ihren Kindern nicht mehr bei zu spielen oder sich sinnvoll zu beschäftigen, sondern parken den Nachwuchs vor den Geräten", sagte Thomas Fischbach, Präsident des Verbandes gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung. Deshalb gelte der Grundsatz: "Kein Handy vor elf Jahren". Doch wie realistisch ist diese Forderung?

von Teresa Betz

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Zusammenhang zwischen Medienkonsum und Schulleistung.
Aktuelle Zahlen zeigen, dass 82 Prozent der zehn- bis elf-Jährigen in Deutschland Smartphones nutzen, im Grundschulalter sind es rund 50 Prozent. Das sind Ergebnisse der Studie "Kinder und Jugendliche in der digitalen Welt", die 2019 vom Digitalverband Bitkom veröffentlicht wurden.
Angesichts dieser Zahlen klingt die Forderung der Kinder- und Jugendärzte nicht sehr realitätsnah. Laut Fischbach sind die Folgen einer zu intensiven Mediennutzung allerdings katastrophal für die kindliche Entwicklung: "Je höher der Medienkonsum, je schwächer die Leistungen in den Schulen".

"Es ist natürlich logisch, dass Kinder weniger lernen oder Hausaufgaben machen, wenn sie stattdessen nur auf ihr Handy schauen", erklärt Kathrin Mertes im Interview mit heute.de.. Mertes ist Medienpädagogin und Jurymitglied beim TOMMI-Kindersoftwarepreis. Es kommt aber natürlich auf die Art der Nutzung an, sagt sie: "Wenn ich mit dem Smartphone Vokabeln nachschlage oder Infos recherchiere, hat das natürlich eine andere Qualität als simples 'Daddeln'."
Die Sicherheit gegenseitiger Erreichbarkeit
Dass Kinder immer früher Smartphones nutzen, liege auch daran, dass die Handys den Eltern und Kindern die Sicherheit gegenseitiger Erreichbarkeit geben. "Gerade zum Wechsel auf eine weiterführende Schule mit weiterem Schulweg wird häufig ein Smartphone geschenkt. Eltern wollen aber auch jüngere Kinder erreichen und dafür sorgen, dass sie sich melden können, daher haben auch Kinder im Grundschulalter häufig ein solches Gerät", erklärt Mertes.
Damit Kinder sich durch den Besitz des Smartphones aber nicht automatisch in der digitalen Welt verlieren, sei es wichtig, dass sie lernen, richtig mit den Geräten umzugehen: "Der Start sollte gemeinsam mit den Eltern stattfinden. Kinder kommen zwar super mit der Bedienung klar, aber (er)kennen mögliche Gefahren nicht unbedingt", sagt Mertes.
Durch die gemeinsame Nutzung finde ein Austausch in beide Richtungen statt: "Eltern können ihren Kindern Wissen weitergeben, Kinder können von ihren Bedürfnissen hinsichtlich der Mediennutzung erzählen. Also warum sie ein Spiel besonders mögen oder weshalb sie sich auf Instagram anmelden möchten. Beide Seiten bleiben im Gespräch und entwickeln so ein Verständnis füreinander".
Gemeinsamer Start in digitale Welt
Besonders wichtig sei auch, die Bedürfnisse von Kindern hinsichtlich der Mediennutzung ernst zu nehmen. "Nur wenn man die eigentlichen Gründe für die Nutzung von bestimmten Apps kennt, kann man diese mit den Kindern besprechen und eine gemeinsame Lösung finden". Als weiteren Tipp für Eltern nennt die Pädagogin auch verschiedene Apps, die die Nutzungsdauer des Handys oder bestimmter Apps regeln.
"Außerdem können Verträge zwischen Eltern und Kindern geschlossen werden. Dabei sollte beachtet werden, dass Kinder nach und nach den selbstständigen, reflektierten Umgang mit ihrem Smartphone lernen", so Mertes.
Statt die Gefahr im Smartphone selbst zu sehen, sollten Eltern also eher die verantwortungsbewusste Nutzung fördern. Sowohl bei ihren Kindern, als auch bei sich selbst. Denn Regeln wie "Kein Handy am Essenstisch", tun Erwachsenen sicher genauso gut, wie Kindern.

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Sind Smartphones und Tablets für Kinder schädlich?

Der Präsident der Kinder- und Jugendärzte warnt vor zu frühem Umgang mit Smartphones und Tablets. Ab wann sollten Kinder diese Geräte nutzen? Es surrt beim Mittagessen und leuchtet auch noch abends im Bett – das Smartphone bestimmt unseren Alltag. Und längst sind es auch Grundschulkinder, die mit dem Handy spielen oder ein Video sehen.

30.10.2019, 18:17 Uhr Sascha Karberg Florian Schumann Tilmann Warnecke Marie Rövekamp  https://www.tagesspiegel.de/politik/digitales-leben-sind-smartphones-und-tablets-fuer-kinder-schaedlich/25172782.html

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„Kinder, die vor dem Smartphone oder Tablet hängen, werden immer jünger“, sagt der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Thomas Fischbach. Das habe „katastrophale Folgen für die kindliche Entwicklung“, sagte er der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Fischbach macht die ständige „Reizüberflutung“ für immer häufigere Konzentrationsschwächen verantwortlich, die sich auch auf die Leistungen in der Schule negativ auswirken. Der Arzt empfiehlt, Kindern das Handy vor einem Alter von elf Jahren komplett vorzuenthalten. „Je länger man die Smartphone-Nutzung der Kinder hinausschiebt, umso besser“, sagt er.

Nutzen Kinder immer früher ein Handy?
„Tatsächlich nimmt das Alter, in dem Kinder ein Handy nutzen, immer weiter ab“, sagt Martin Korte, Neurobiologe an der TU Braunschweig. Einer aktuellen Bitkom-Studie zufolge hat bereits jedes zweite Kind im Alter von sechs bis sieben Jahren ein Smartphone genutzt – mit elf Jahren schon etwa 90 Prozent. Noch vor fünf Jahren waren es nur 20 beziehungsweise 60 Prozent. Videos zu schauen ist demzufolge in allen Altersklassen am beliebtesten. Einer anderen Studie zufolge sitzen 14-Jährige täglich im Schnitt sieben Stunden vor einem Bildschirm, davon zweieinhalb Stunden vor dem Handy.

Schadet Kindern die übermäßige Handynutzung?
Es gibt zumindest deutliche Hinweise darauf. So zeigte sich in der groß angelegten BLIKK-Studie mit mehr als 5500 Kindern ein Zusammenhang zwischen einem erhöhten Medienkonsum und Entwicklungsauffälligkeiten wie Sprachentwicklungsstörungen, Hyperaktivität und Konzentrationsstörungen. Jungen waren der Studie zufolge deutlich häufiger betroffen als Mädchen. Jedoch kann man aus den Daten keine Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten. Es könnte auch sein, dass Kinder mit diesen Auffälligkeiten besonders oft digitale Medien konsumieren. Außerdem handelte es sich um Beobachtungen der Eltern, nicht um ärztliche Diagnosen.

Schaden Smartphones der Konzentration?
„Mit einer Handy-App Vokabeln zu lernen, hat keinen negativen Einfluss auf das Konzentrationsvermögen“, sagt Korte. Die Frage sei, wie das Handy genutzt wird. „Das Konzentrationsvermögen nimmt dann ab, wenn Kinder auf dem Handy mehrere Dinge gleichzeitig tun“, sagt Korte. Etwa dann, wenn sie immer auf jede eingehende Nachricht in einem Chat sofort reagieren. Dadurch wird das Gehirn trainiert, nicht nur auf das zu achten, was gerade ansteht, sondern immer auch auf das, was kommen könnte. „Das Gehirn befindet sich sozusagen in einem dauernden Alarmzustand“, sagt Korte. „Diese Art der Nutzung bringt insbesondere Kinder völlig aus dem Takt“, sagt Korte. Das liege auch daran, dass der Frontallappen, der Hirnbereich, der für das Organisieren und Planen verantwortlich ist, bei Kindern noch wächst und somit weniger Rechenkapazität hat. Deshalb seien sie leichter ablenkbar als Erwachsene.

Gibt es weitere Gefahren?
Die Gefahr ist auch, dass, wer viele Stunden am Bildschirm verbringt, andere Dinge in dieser Zeit nicht tut. Dazu gehört vor allem Bewegung – sie steigert nachweislich das Konzentrationsvermögen. Auch der direkte Kontakt mit anderen Menschen sei ein „Booster“ für die Gehirnaktivität, sagt Korte. Lesen gehört dazu: So zeigen Studien, dass Kinder, die zwar intensiv Computer spielen, aber auch viel lesen, keine Einbußen in ihrem Konzentrationsvermögen haben. „Für eine begrenzte Zeit am Bildschirm zu Daddeln, ist völlig unproblematisch, solange die Kinder auch noch andere Dinge in ihrem Leben machen“, sagt Korte. Dagegen sehe man bei Kindern, die eine „Monokultur“ an digitalen Medien pflegen – sich also sehr wenig bewegen, sich nicht mit Freunden treffen oder lesen – ganz klare Nachteile bei schulischen Leistungen und der geistigen Entwicklung.

Was sollten Eltern beachten?
„Medien nicht konsumieren, sondern selber kreativ gestalten“ – wenn Eltern diesen Leitsatz berücksichtigen, sei schon viel gewonnen, sagt der Medienpädagoge Marc Urlen vom Deutschen Jugendinstitut. Sie sollten ihre Kinder nicht „berieseln“ lassen, sondern die Technik lieber gemeinsam nutzen, um etwa mit Kreativ-Apps eigene Bilderbücher zu gestalten.
Zu einem solchen bewussten Umgang gehört für Urlen auch, Grundschulkindern eben noch kein eigenes Smartphone zu überlassen: „Zu früh sollte man damit nicht beginnen.“ Stattdessen rät Urlen zu einem Familientablet, das Kinder nur unter Aufsicht der Eltern nutzen. Er empfiehlt für das Alter bis zehn Jahre durchschnittlich nicht mehr als eine halbe Stunde am Tag „Bildschirmmedien“, wozu neben Smartphones und Tablets auch das Fernsehen gehört. Hilfreich seien gemeinsam aufgestellte Familienregeln. Außerdem sollten sich Eltern ihrer Vorbildfunktion bewusst sein: „Wenn man das Kind vom Handy fernhält, selber aber die ganze Zeit drüber hängt – mit dieser Doppelmoral können Eltern solche Regeln nicht durchsetzen“, sagt Urlen.

Wie gehen Schulen mit Smartphones um?
In Deutschland hat nur Bayern ein Handyverbot im Unterricht und in den Pausen ausdrücklich im Schulgesetz verankert. Mobiltelefone dürfen hier nur rausgeholt werden, wenn Lehrkräfte sie für eine Lehreinheit einsetzen. Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) bekräftigte am Mittwoch auf Anfrage, dass sie für ein generelles Vorschrift keinen Anlass sieht: „Die Schulen können die Frage der Handynutzung gut in eigener Verantwortung regeln.“ Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, wünscht sich eine altersspezifische Lösung: ein schulweites Smartphone-Verbot für alle Unter-14-Jährige, es sei denn, Lehrkräfte wollen die Geräte im Unterricht einsetzen oder Eltern müssten von den Kindern erreicht werden. Nicht nur die Aufmerksamkeitsdefizite seien ein Problem, sagt Meidinger – sondern dass selbst schon unter Grundschülern in Whatsapp-Gruppen der Klassen gemobbt würde und Schüler problematische Inhalte verbreiteten. Älteren Jugendlichen dagegen müsse man die Medienkompetenz zutrauen mit Smartphones umzugehen – und ihnen das auch erlauben, zumindest in speziellen Bereichen in der Pause und in Freistunden.

Was machen die Tech-Konzerne?
Apple und Google haben in ihren neuesten Betriebssystemen inzwischen Funktionen eingearbeitet, die eingrenzen sollen, was sie selbst geschaffen haben: möglichst viel Zeit mit dem Smartphone zu verbringen. Bei Android heißt es „Digital Wellbeing“, bei iOS „Bildschirmzeit“. Auf einer Übersichtsseite sieht der Nutzer eine Art Protokoll, wie lange er das Gerät an diesem Tag oder in der Woche genutzt hat, wie oft er das Handy entsperrt hat und wofür. Er kann die maximale Nutzungsdauer festlegen und Benachrichtigungen für einen bestimmten Zeitraum stummschalten.
Bei Apple können auch Bildschirmzeiten für weitere Familienmitglieder – also auch Kinder – eingerichtet werden. Google und Apple wollen sich damit vor Klagen und Image-Schäden schützen. Bei Facebook und Instagram kann man mittlerweile ebenfalls sehen, wie viel Zeit man mit der App verbringt und sich Erinnerungen zuschicken lassen, falls das festgelegte Maximum erreicht ist. Allerdings ist das recht versteckt in den Einstellungen zu finden. All diese Funktionen setzen allerdings voraus, dass man sein Nutzungsverhalten kritisch reflektiert und etwas ändern will.

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Keine Smartphones für Kinder unter elf Jahren?

Je länger Kinder ohne Smartphone aufwachsen, desto gesünder - diese Faustregel hat der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach, ausgegeben. In der Neuen Osnabrücker Zeitung warnte der Mediziner vor den Folgen einer intensiven Mediennutzung für Kinder. "Wir beobachten mit Schrecken, dass die Kinder, die vor dem Smartphone oder Tablett hängen, immer jünger werden", beklagte Fischbach. In der Folge litten Kinder immer häufiger an Konzentrationsschwäche. Je höher der Medienkonsum, desto schwächer seien die Leistungen in der Schule. Fischbach regte daher an, Kindern unter elf Jahren erst gar kein Smartphone zu geben. Danach müsste der Nutzung auf höchstens zwei Stunden pro Tag begrenzt werden.

https://www.ndr.de/nachrichten/info/programm/Keine-Smartphones-fuer-Kinder-unter-elf-Jahren,handyverbot140.html  Stand: 30.10.2019 16:53 Uhr

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Bewusste Handynutzung statt Verbot.

Die Kommunikationswissenschaftlerin und Medienpädagogin Kartin Viertel sprach sich auf NDR Info allerdings gegen ein generelles Handy-Verbot für Kinder aus. Die Expertin aus Hamburg räumte zwar ein, dass übermäßiger Medienkonsum eine von mehreren Ursachen für psychische und psychosomatische Auffälligkeiten sein kann. Sie wies aber auch darauf hin, dass Kinder einen verantwortungsvollen Umgang mit Medien lernen müssen: "Medienkompetenz kann man nur lernen, wenn man die Dinge auch tun darf", sagte Kartin Viertel. Auch Notfall-Handys für kleinere Kinder seien durchaus sinnvoll – die Kinder müssten aber nicht gleich Smartphones bekommen.

Eltern sind Vorbilder - auch am Handy

Auch Erwachsene sollten ihren Handy-Konsum überdenken.
Die Medienpädagogin erinnerte auch an die Vorbildfunktion der Eltern im Umgang mit Handys oder Tablets. Für Kinder unter elf Jahren seien die Eltern die wichtigsten Bezugspunkte – ihr Verhalten präge auch das Verhalten der Kinder. „Wenn wir also darüber sprechen, wie Kinder Medien nutzen, sollte wir uns zunächst einmal an die eigene Nase fassen,“ sagte Viertel. Familien könnten zum Beispiel klare Regeln für den Umgang mit Handys definieren – wie zum Beispiel ein Handy-Verbot bei Tisch.

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Zu erwarten: DIE Lobby

"Zum letzten Mal: Smartphones sind keine Gefahr für Kinder"

https://t3n.de/news/smartphones-keine-gefahr-kinder-12

 

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Problematisch wird es für Kinder nur, wenn die Nutzung digitaler Medien übermäßig und ohne Ausgleich erfolgt. Wenn Kinder stundenlang nur ruhig gestellt werden, mit was auch immer, dann geht das zu Lasten ihrer Erfahrungen. Der Hirnforscher Gerald Hüther von der Universität Göttingen hat das vor zehn Jahren schon auf den Punkt gebracht: „Kinder brauchen für den Aufbau der wichtigsten neuronalen Schaltkreise im Hirn vor allem eigene Körper- und Sozialerfahrungen. „Und die sammelt der Nachwuchs nicht vor dem Bildschirm, ganz gleich, welches Programm läuft. Sobald ein Kind vor dem Fernseher sitzt, spürt es seinen Körper nicht mehr – es wird nicht krabbeln, nicht springen, nicht balancieren und nicht klettern: das ist gestohlene Körperlernzeit.“

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Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass Kinder nicht lernen, wie man mit Smartphones sinnvoll umgeht.

Dr. Kathrin Mertes, Medienpädagogin

Je höher der Medienkonsum, je schwächer die Leistungen in den Schulen.

Thomas Fischbach