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Je schneller, desto besser

Süddeutsche vom 18. November 2020

Vietnam hat mit großer Geschwindigkeit auf die ersten Ausbrüche von Sars-CoV- 2 reagiert. So konnte das Land die Fallzahlen auch ohne moderne Technologien niedrig halten. Dabei half auch der Griff zur Militärrhetorik.

Er weiß noch, wie das damals war. Panik kroch in ihm hoch. Der Unternehmer Do Viet Anh redet im Video-Call über jenen Moment, als die Vietnamesen Anfang des Jahres - es war der 23. Januar - von der ersten Sars-CoV-2-Infektion in ihrem Land erfuhren. Keiner wusste, was das für ihre Zukunft bedeuten würde, aber Angst machte sich breit. Wo sie doch eigentlich mit ihren Familien Tet feiern wollten, das vietnamesische Neujahrsfest.

      

Zehn Monate später wirkt der 40-Jährige aus Hanoi, der eine Modekette betreibt, recht gelassen. Denn er hat erlebt, dass sein Land das Virus weit besser in den Griff bekommen hat als viele andere Staaten. Die Zahl der bestätigten Covid-19-Infektionen lag Mitte November bei 1281 Fällen, 35 Erkrankte starben.

      

Wenn Viet Anh abends vorhat, noch ein Bier zu trinken, dann kann er wie früher ein Plätzchen in der Altstadt finden, sich mit Freunden in einer der verwinkelten Gassen niederlassen. Die Leute sitzen dort auf Plastikhockern auf der Straße, sie schwatzen und trinken, wie man es aus jenen Zeiten kennt, als Covid-19 noch nicht über die Welt gekommen war. "Das Leben ist wieder recht normal", sagt der 40-Jährige, auch seine Geschäfte laufen. Und alles ganz ohne Impfstoff, den Menschen in schwer betroffenen Ländern jetzt so dringend herbeisehnen.

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Wie hat Vietnam das geschafft? Und kann man den amtlichen Zahlen trauen? Immerhin hat das autoritär geführte Land schon einige Krisen erlebt, in denen die Staatsführung kaum Transparenz zuließ.

Zum Beispiel im Umweltskandal 2016. Damals verschleppte Hanoi die Aufklärung, als Chemikalien des taiwanischen Stahlgiganten Formosa den Ozean verseuchten.      

Es gibt keine Anzeichen dafür, dass Vietnam etwas vertuscht, sagt ein Infektiologe

      

Fragen an Guy Thwaites, er leitet die Oxford University Clinical Research Unit (OUCRU), die mit dem vietnamesischen Staat bei der Erforschung von Infektionskrankheiten kooperiert. Thwaites arbeitet derzeit selbst im Krankenhaus in Ho-Chi-Minh-Stadt und sieht keine Anzeichen dafür, dass Vietnam etwas vertuschen könnte. Vielmehr gehöre umfassende Aufklärung zur staatlichen Strategie, sagt er.

      

Hätte Vietnam ein größeres Corona-Problem, ließe sich das nicht verbergen, erklärt der Mediziner. Auch die Weltgesundheitsorganisation sieht keinen Grund, das Zahlenwerk Hanois anzuzweifeln. Auf SZ-Anfrage erklärte Kidong Park, WHO-Direktor in Vietnam: "Es gibt keinen Hinweis darauf, dass es jenseits der von der Regierung gemeldeten Ausbrüche noch andere gibt."

      

Der Infektiologe Thwaites sieht den Schlüssel zum Erfolg in der enormen Geschwindigkeit, mit der Hanoi auf die ersten Fälle reagierte. Das wirkte von außen betrachtet zunächst wie eine drastische Überreaktion, erwies sich aber im Rückblick als sehr nützlich. Es begann mit der peniblen Nachverfolgung aller Kontakte der ersten Infizierten, schon bald standen mehr als 200 000 Vietnamesen unter Quarantäne, der Staat ließ viel testen, schloss seine Grenzen. Vielerorts half Militär. Außerdem kommunizierte der sozialistische Ein-Parteien-Staat unablässig mit seinen Bewohnern.

      

Ein witziger Videoclip, der das richtige Händewaschen erklärte und als Tanz-Challenge präsentiert wurde, ging viral. Letztlich half dem Staat aber auch der Griff zu vertrauter militärischer Rhetorik, um das Volk aufzurütteln. Vietnam bediente sich eines Topos, der kulturhistorisch tief verwurzelt ist: Die politische Führung beschwor den entbehrungsreichen Kampf gegen den Feind, wie er einst in Gestalt von Eroberern über das Land hereingebrochen war.

      

Früher stemmten sich die Vietnamesen gegen chinesische Herrscher, später kamen die französische Kolonialmacht, dann die Amerikaner. Als 2020 schließlich ein unsichtbarer Gegner in Form eines neuartigen Virus auftauchte, wählte Premier Nguyen Xuan Phuc nicht zufällig ein militärisches Bild: die Eindämmung des Virus intonierte er als "Kampf gegen den Feind". Die Parole ist immer noch auf Postern in Hanoi zu lesen, wie die Reporterin Nguyen Thuy Hang im Telefonat erzählt.

      

Dass das Virus ausgerechnet zum Neujahrsfest aufgetaucht war, mochte Zufall sein, doch das Datum weckt bei Älteren Erinnerungen an frühere Schlachten. Tet 1968. Das war Hanois Offensive gegen Südvietnam und die Amerikaner. Nordvietnamesische Kräfte erlitten schwere Verluste, doch war Tet von immenser psychologischer Bedeutung. Die Offensive markierte den Anfang vom Ende amerikanischer Imperialmacht in Südostasien.

      

Die Bevölkerung hat Respekt vor ansteckenden Krankheiten

      

Was Hanoi nun 2020 gegen den Virus-Feind in Stellung brachte, nennt der Mediziner Thwaites schlicht die Anwendung "altmodischer Epidemiologie"; klassische Eindämmung, die sich auch ohne Apps und neueste Technologie als wirksam erwies. Weil Vietnam viel Erfahrung gesammelt hat mit Infektionskrankheiten - Sars, Vogelgrippe, Masern -, sei der Staat gut vorbereitet gewesen, obwohl er viel weniger Geld für Gesundheit ausgeben kann als reiche Länder.

      

Die Lehrerin Huyen Le Thi Thanh erinnert sich, dass sich anfangs manche schon noch fragten, ob der Staat wirklich so drastisch durchgreifen müsse. Doch es habe sich schnell die Einsicht durchgesetzt, dass Vietnam als Entwicklungsland eine ungebremste Gesundheitskrise gar nicht meistern könne.

      

Und wie ist das, wenn doch jemand aus der Reihe tanzt, Regeln bricht? "Dann schauen dich die anderen an, als seist du ein Alien", sagt sie. Soziale Kontrolle schafft Konformität, sodass der Staat oft gar nicht mehr direkt eingreifen muss, um Disziplin durchzusetzen.

      

Die Lehrerin erinnerte sich in diesen Zeiten oft an das, was ihr schon die Großmutter predigte, als sie ein Kind war: "Vorbeugen ist besser als heilen." Weil sie fest daran glaubt, fiel es ihr nicht so schwer, den strikten Regeln zu folgen.

      

Peter Girke, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Hanoi, beobachtet einerseits die "Durchsetzungsmacht" von Kommunistischer Partei und Regierung, andererseits aber auch eine starke Akzeptanz in der Bevölkerung, "der Kollektivgedanke ist fest verankert, für das Gemeinwohl nimmt der Einzelne auch starke Einschränkungen hin".

      

Was lässt sich aus dem Fall Vietnam lernen? Der Mediziner Thwaites hebt vor allem einen Gedanken hervor: "Die Vietnamesen haben sich den Respekt vor Infektionskrankheiten bewahrt", sagt er, leider sei das in reichen Ländern verloren gegangen, dort vertrauten Gesellschaften auf gut finanzierte Gesundheitssysteme, als würde das alleine als Schutz schon reichen.

      

Thwaites macht aber auch deutlich: "Würde die vietnamesische Regierung heute in London hereinspazieren und dort ihr System anwenden - sie hätte keine Chance, die Lage noch unter Kontrolle zu bekommen, sie wäre genauso überfordert." In Vietnam hatten sie geahnt, dass es mit jedem Tag des Zögerns schwieriger wird, das Virus zu beherrschen.

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Das Vorsorgeprinzip

Viele Menschen in Japan haben eine Tendenz zu Selbstschutz und Disziplin. Das ist hilfreich für die Bekämpfung der Pandemie. Doch auch eine besondere Strategie zur Kontakt­nach­verfolgung hat offenbar Wirkung gezeigt.      

Der japanische Premierminister Yoshihide Suga ist dieser Tage in sehr unterschiedlichen Rollen zu sehen. Mal als unerschütterlicher Optimist, der keine Bedenken wegen des Coronavirus zulässt. Dann wieder als verständnisvoller Landesvater, der die Corona-Sorgen ernst nimmt. Am Montag musste er beim Besuch von Thomas Bach, dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, erst die felsenfeste Überzeugung ausstrahlen, dass nächsten Sommer die Olympischen Spiele mit rund 11 000 Athleten aus aller Welt in Tokio stattfinden können. Später reagierte er mit tröstlichem Problembewusstsein auf den Umstand, dass Regional- und Stadtpolitik in Sapporo auf der Nordinsel Hokkaido wegen zu hoher Infektionszahlen eine Empfehlung zum Daheimbleiben gegeben hatten; Suga versprach finanzielle Hilfen für Läden und Restaurants, die wegen der Ansteckungsgefahr schließen müssen.

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Die Virologen verstanden früh, dass nicht alle Infizierte andere anstecken

Für seine Glaubwürdigkeit sind solche Widersprüche nicht gut. Aber immerhin kann Suga darauf verweisen, dass Japans Pandemiebilanz trotz der herbstlichen Infektionswelle immer noch ganz gut aussieht. Rund 1900 Menschen sind in Japan bisher an Covid-19 gestorben - im Weltvergleich ist das sehr wenig. Woran das liegt? Nicht nur an einem klugen Anti-Virus-Konzept. Sondern auch an japanischer Lebenskultur und Vorsorgementalität.      

Anfangs gab es viel Kritik an Japans Coronavirus-Politik, vor allem wegen der wenigen Tests. Gleichzeitig wunderte man sich, warum die erste große Coronavirus-Welle Japan später erwischte als andere. Erst nach geraumer Zeit enthüllte Shigeru Omi, der leitende Virologe im Coronavirus-Beirat der Regierung, das Prinzip der japanischen Coronavirus-Abwehr: Demnach identifizierten Experten früh die Art, wie sich das Virus verbreitet. Sie verstanden, dass nur wenige Infizierte mehrere Menschen anstecken und sogenannte Infektionscluster auslösen. Auf solche Infizierte konzentrierten sich die epidemiologischen Ermittlungen. Die Fahnder testeten nicht nur Kontaktpersonen solcher Infizierten. Sie verfolgten auch die Wege der Infizierten zurück, um mögliche Quellen für Infektionscluster auszumachen. Aus den Erkenntnissen entstand die nationale Sanmitsu-Kampagne. "San" heißt drei, "mitsu" Enge. Durch die Kampagne wissen alle, dass man Räume, Plätze und Situationen meiden soll, in denen Menschen zu engen Kontakt haben.

      

Mit relativ wenigen Tests erreichten Japans Coronavirus-Bekämpfer eine relativ träge Ausbreitung. "Dadurch verzögerte Japan den Höhepunkt des Ausbruchs und gewann Zeit, um sich darauf vorzubereiten", heißt es in einem offiziellen Informationspapier.

      

Aber ohne die Vorsicht der Menschen im Inselstaat wäre der Erfolg nicht möglich gewesen. Die japanische Tendenz zu Selbstschutz, Gehorsam und Hygiene ist für viele Ausländer gewöhnungsbedürftig. In der Pandemie ist sie ein Vorteil. Maske trug man hier schon vorher gegen Grippe oder Allergien. Umarmungen und Küsschen sind nicht verbreitet. Große Protestdemonstrationen? Keine. Japans Regierung kam während des siebenwöchigen Notstands im April und Mai ohne harten Lockdown aus. Und die Immunabwehr der Japaner scheint stark zu sein. Experten spekulieren darüber, dass dazu die Tuberkulose-Impfung beiträgt, die Japans Kleinkinder bekommen.

      

Auf die Disziplin im Volk kann sich Japans Regierung verlassen. Sie hat sogar damit zu kämpfen, wenn es darum geht, die Wirtschaft anzukurbeln. Es gibt Kritik an der staatlichen Go-to-Travel-Kampagne, die in Zeiten harter Einreisebeschränkungen den Fremdenverkehr unter Landsleuten fördern soll. Und von der Aussicht, dass 2021 Olympia kommen soll, sind viele Japaner gar nicht begeistert.

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Mit harter Hand

In China gibt es seit Monaten nur noch wenige Corona-Neuinfektionen. Kann man von dem autokratischen Staat etwas für den Kampf gegen den Erreger lernen?  

München/Peking - Es ist nicht schwierig herauszufinden, was China in der Corona-Krise alles richtig gemacht hat. Die chinesische Regierung bringt Journalisten die 125-seitige Antwort ungebeten vor die Tür, in einem Karton mit zehn Exemplaren ihres Weißbuchs über die eigene Corona-Politik. Doch auch unabhängig von der Propaganda, die der Welt die Überlegenheit des chinesischen autokratischen Systems weismachen soll, gibt es keinen Zweifel: China hat die Corona-Lage rund elf Monate nach Entdeckung des Virus in Wuhan größtenteils im Griff. Kinder gehen in die Schule, Kinos sind geöffnet, Restaurants und Clubs sind voll. Seit Monaten gibt es im Land, in dem ein Fünftel der Weltbevölkerung lebt, selten mehr als ein paar Dutzend Neuinfektionen am Tag. Kann man von China also etwas lernen?     

Rein theoretisch vielleicht schon, in der Praxis liegen zwischen den demokratischen Gesellschaften und der Autokratie des chinesischen Staates Welten. Dazu genügt der Blick auf Chinas Kernstrategie, seine Lockdowns. Sie haben wenig mit den Kontaktbeschränkungen zu tun, wie man sie in Deutschland kennt. Seit der Abriegelung der 11-Millionen-Stadt Wuhan im Januar hat die Volksrepublik immer wieder Millionen Menschen für Wochen in ihre Wohnungen gesperrt.

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Zwischen Januar und März befanden sich 780 Millionen Menschen in einem strengen Lockdown     

Das Ziel des ersten Lockdowns in Wuhan und der 60-Millionen-Provinz Hubei war noch gewesen, die Virus-Ausbreitung in andere Regionen zu stoppen. Doch Ende Januar gab es in allen Provinzen Corona-Fälle mit Verbindung nach Wuhan. Peking ließ die Maßnahmen kurz darauf ausweiten. Jeder Bürger musste bleiben, wo er gerade war - und wenn er sich gerade auf Geschäftsreise oder im Urlaub befand. Zwischen Januar und März befanden sich schätzungsweise 780 Millionen Menschen in einem strengen Lockdown. Oft durften sie ihre Wohnungen nicht einmal für Spaziergänge verlassen. Das galt auch für Teile des Landes, die nur marginal vom Ausbruch betroffen waren.     

Durch diesen landesweiten Lockdown sanken die Neuinfektionszahlen im Frühjahr auf wenige Dutzend am Tag. Erst als die Infektionszahlen pro Tag landesweit bei fast null lagen, öffneten die meisten Einkaufszentren, Restaurants und Kinos wieder, Schulen und Unis starteten zu einem großen Teil im Sommer wieder mit Präsenzunterricht. Und seither wird alles getan, um in der Nähe der Null zu bleiben. Parteichef Xi Jinping hat den Kampf gegen das Virus zur Toppriorität erklärt. Kommt es zu lokalen Ausbrüchen, drohen Verantwortlichen wie Bürgermeistern oder Leitern von Gesundheitsämtern politische Konsequenzen. Viele Behörden versuchen, durch besondere Strenge ihre Linientreue gegenüber Peking unter Beweis zu stellen.     

Hinzu kommt die extrem restriktive Einreise- und Quarantänepolitik Chinas. Chinesische Staatsbürger dürfen zwar einreisen, der Grenzverkehr ist durch die geringe Anzahl von Flügen aber massiv eingeschränkt. Einreisende müssen 14 Tage in staatliche Quarantäne, Ausländern wird nur in Ausnahmefällen eine Einreise gestattet. Sie müssen größtenteils zusätzlich innerhalb von 48 Stunden vor dem Abflug einen negativen Corona-Test und einen negativen Antikörper-Test vorweisen. Sie werden nach der Ankunft in China erneut mehrmals getestet.     

Auch Verdachtsfälle werden in zentralen Quarantänestationen untergebracht.    

Verdachtsfälle und Infizierte isoliert China in zentralen Quarantäne-Stationen, bis das Virus nicht mehr nachgewiesen werden kann. Die zentrale Unterbringung ist eine Lehre aus Wuhan. Dort starben anfangs viele Menschen zu Hause. In China leben häufig drei oder vier Generationen zusammen, so dass die Gefahr besteht, dass Jüngere nicht nur ihre Eltern, sondern auch ihre Großeltern infizieren. Vor vielen Gebäudeeingängen gibt es Temperaturmessstationen. In Teilen Chinas sind sogar Erkältungsmedikamente nicht mehr frei verkäuflich. Damit soll verhindert werden, dass sich Menschen mit einer möglichen Infektion zu Hause "verstecken".     

China hat gleichzeitig die Testkapazitäten soweit hochgefahren, dass es in der Lage ist, bei lokalen Ausbrüchen innerhalb von zwei Wochen Millionenstädte komplett durchzutesten. Möglich wird das durch ein sogenanntes Pooling: Man führt Teile von bis zu 30 Proben zusammen und testet nur die gemischte Probe. Fällt der Tests negativ aus, sind alle Mitglieder des Pools coronafrei. Ist er positiv, können die Einzelproben noch einmal nachgetestet werden.     

Gerade in Bevölkerungen mit niedriger Inzidenz, also wenigen Fällen, ist so ein Screeningverfahren sinnvoll, um Testkapazitäten einzusparen und dennoch einzelne Fälle aufzuspüren. Allerdings wird auch die Sensitivität des Tests geringer, je mehr Proben gemeinsam untersucht werden, sprich: Es werden Infektionen übersehen. In Deutschland sind Pooltestungen bisher deshalb vornehmlich in Krankenhäusern üblich, um das Personal regelmäßig auf das Virus screenen zu können. China dagegen testet so praktisch seine ganze Bevölkerung.     

Ist das verhältnismäßig? Das wird wie alle anderen Maßnahmen im Weißbuch nicht infrage gestellt. Entsprechend gehen die Behörden bei neuen Ausbrüchen stets nach dem gleichen Muster vor: Städte oder Stadtteile werden abgeriegelt, Verdachtsfälle und Infizierte zentral isoliert und die gesamte Bevölkerung getestet. Die 4-Millionen-Stadt Urumqi und die Umgebung in der Region Xinjiang musste im Juli für mehr als fünf Wochen in den Lockdown, nachdem eine Handvoll Neuinfektionen entdeckt wurden, inoffiziell verlängerten einige Regionen die Beschränkungen noch. Tianjin rief nach nur einem Fall den "Kriegsmodus" aus.     

Ob diese radikale Orientierung hin zur "schwarzen Null" epidemiologisch Sinn ergibt, ist derweil umstritten, denn das neue Coronavirus tötet seltener als sein Vorgänger, Sars-CoV-1. Zirkuliert es auf sehr niedrigem Niveau in der Bevölkerung, lassen sich gefährdete Gruppen noch schützen, ohne gleich alles dichtzumachen. Dagegen verlangt die Null entsprechende Härte - oder einen extrem langen Atem, wie beispielsweise in Australien. Auch auf dem demokratisch regierten Kontinent sind die Infektionszahlen inzwischen fast bei Null. Dafür war allerdings ein viermonatiger, für westliche Verhältnisse auch nicht gerade weicher Lockdown nötig.     

Fast jede Provinz hat ihre eigene Corona-App - alle greifen auf viele Daten der Handynutzer zu

So besonders rigoros die Lockdowns nun aber in China sind, einheitliche Corona-Maßnahmen gibt es ansonsten kaum. In dem zentralistisch organisierten Land hat sich vielmehr ein kafkaeskes System widersprüchlicher Anweisungen entwickelt. Besonders Reisende wissen selten, was sie in einer anderen Stadt oder Provinz erwartet; einige Städte stecken Auswärtige auch mal ohne Warnung für zwei Wochen in eine zentrale Quarantänestation. Manche halten an ihrem Unterkunftsverbot für Ausländer fest, in manchen Regionen braucht es einen aktuellen Corona-Test, um Zug zu fahren, in einigen müssen Menschen von außerhalb zuerst aus dem Flugzeug steigen, anderswo dürfen weiter keine Feiern veranstaltet werden, während in der nächsten Stadt Zehntausende auf ein Konzert gehen.     

Fast jede Provinz hat zudem eine - oder sogar mehrere - eigene Corona-Apps. Wie nutzbringend die verpflichtenden, aber untereinander nicht vernetzen Apps wirklich sind, ist schwer zu sagen. Sie sollen der Kontaktverfolgung dienen und können auch Alarm schlagen, wenn Nutzer sich in einer Region aufgehalten haben, in der es zu einem Ausbruch gekommen ist. Dafür greifen sie aber auch auf zahlreiche Daten der Handynutzer zu, darunter Standort und Personalausweisdaten.     

In der Praxis spielt die digitale Überwachung aber eine geringere Rolle als die soziale Kontrolle durch die - in China üblichen - Blockwarts in den Nachbarschaften. Sie sind vielfach dafür verantwortlich, wenn Menschen gewaltsam in ihre Wohnungen gesperrt werden. Sie überwachen die Einhaltung von Quarantänevorschriften und stellen auch eigene Regeln auf. Wer gegen Maßnahmen verstößt, wird bloßgestellt. Einige Aufseher ketteten Einwohner in Urumqi als Strafe an Laternenpfähle, die Regierung hat immer wieder auch zum Denunziantentum aufgerufen.     

Und dennoch, die Maßnahmen gegen das Virus werden in China weitestgehend von der Bevölkerung unterstützt. Das hat, wie in anderen asiatischen Ländern auch, viel mit den früheren Erfahrungen zu tun: Die Bilder aus Wuhan riefen bei vielen Erinnerungen an die Jahre 2002 und 2003 wach, als das erste Sarsvirus in China grassierte. Die Bereitschaft, alles zu tun, um das Virus wieder in den Griff zu kriegen, war und ist deshalb groß. Viele Chinesen wünschten sich sogar noch strengere Maßnahmen. Die Abriegelung Wuhans sahen die meisten als notwendiges Opfer, um den Rest des Landes zu retten.     

Bis heute käme zudem kaum jemand auf die Idee, die Maskenpflicht infrage zu stellen, Corona zu leugnen oder zu behaupten, die chinesische Regierung hätte ein Interesse daran, das Virus gefährlicher darzustellen, als es ist. Anfangs, auf dem Höhepunkt der Krise in Wuhan, wurde durchaus im Netz debattiert. Für Wut sorgte aber vor allem der Versuch der örtlichen Behörden, den Ausbruch in Wuhan zu vertuschen. Die Proteste waren so massiv, dass die Zensoren zunächst mit der Kontrolle überfordert waren. Inzwischen wird sämtliche Kritik wieder gelöscht, die Regierung lässt auch Falschnachrichten über das Virus entfernen.     

Opfer der harten Maßnahmen haben kaum Möglichkeiten auf eine Entschädigung, Versuche, sich rechtlich gegen das Vorgehen der Behörden zu wehren, werden gewaltsam unterdrückt. Menschen, die zum Beispiel durch den Lockdown in ihrer Region lebensnotwendige Behandlungen in Krankenhäusern nicht antreten konnten, oder Arbeiter, die monatelang an Orten feststeckten, ihre Jobs oder Unternehmen verloren haben, sagen häufig, sie hätten eben Pech gehabt. Andere sagen aber auch, sie hätten noch Glück gehabt. Sie lebten noch - außerdem sei das Virus jetzt ja unter Kontrolle.     

Der chinesischen Regierung hilft dabei, dass die Lage im Ausland so viel düsterer aussieht - besonders in den USA. Nach den Massenprotesten im Februar, als Millionen die Regierung für die anfängliche Vertuschung in Wuhan kritisierten, setzt Peking heute alles daran, vor allem den Sieg über das Virus zu betonen. Die Helden der Krise werden gefeiert, die Opfer spielen kaum eine Rolle. Viele Kritiker sind in den vergangenen Monaten verhaftet worden oder verschwunden. Auch Journalisten befinden sich darunter.

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