Fehlschlüsse im Bestseller

Das Werk „Corona Fehlalarm?“ führt seit Wochen die Buchverkäufe an. Darin argumentieren die Autoren gegen weltweite Versuche, die Pandemie einzudämmen. Doch welchen Wahrheitsgehalt hat das Werk? Ein Faktencheck

von Alexandra Bröhm und Felix Straumann, Süddeutsche vom 14. September 2020

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In Deutschland und der Schweiz steht das Buch „Corona Fehlalarm?“ des Ehepaars Sucharit Bhakdi und Karina Reiss seit Wochen auf Platz eins der Bestsellerlisten. Bhakdi ist emeritierter Professor für Mikrobiologie an der Universität Mainz, Reiss Professorin für Biochemie an der Universität Kiel. Bhakdi veröffentlichte schon im März Youtube-Videos, in denen er die Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung in Deutschland kritisierte. Wenige Wochen später gab er Ken Jebsen, der verschiedene Verschwörungserzählungen unter anderem zu Covid-19 propagiert, ein viel beachtetes Interview.

  „Corona Fehlalarm?“ ist in polemischem, anklagendem Grundton verfasst, in zehn Kapiteln enervieren sich Bhakdi und Reiss über die weltweiten Versuche, die Pandemie in Schach zu halten. Dabei zitiert das Autorenpaar nur einzelne Studien, die größtenteils aus den Anfangszeiten der Pandemie stammen. Wichtige wissenschaftliche Arbeiten zu den gleichen Themen bleiben unerwähnt. Die Universität Kiel hat sich inzwischen mit einem offiziellen Statement von dem Buch distanziert: „Das Buch enthält tendenziöse Aussagen, die die wissenschaftliche Sorgfalt medizinischer Forschung in Deutschland und international infrage stellen“, heißt es in der Stellungnahme der medizinischen Fakultät. Wir überprüfen einige Hauptaussagen des Buches auf ihren Wahrheitsgehalt.

Behauptung 1: Das Virus ist nicht besonders gefährlich und mit der Grippe zu vergleichen

Bei dieser Frage beziehen sich die Autoren vor allem auf eine Studie, die vor fast sechs Monaten erschienen ist und nur Fälle bis zum 2. März erfasst, als die Pandemie in Europa erst richtig begann. Sie kritisieren die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die von einer viel zu hohen Sterblichkeit ausgehe. Doch auch hier stammt der zitierte Bericht aus den ersten Märztagen, als man noch wenig wusste. In den letzten sechs Monaten sind unzählige neue Erkenntnisse dazugekommen. Sie werden nicht erwähnt.

  Zur Gefährlichkeit des Virus weiß man heute Einiges mehr. „Unabhängig voneinander und mit unterschiedlichen Methoden bekommen wir aus immer mehr Regionen Studien, die ganz klar zeigen, dass Covid-19 eine viel ernstere Krankheit ist als die saisonale Grippe“, sagt Epidemiologe Andrew Azman, der an der Universität Genf und der Johns-Hopkins-Universität in den USA forscht. Azman war an einer Studie beteiligt, die im April aufzeigte, wie viele Menschen in Genf bereits Antikörper gegen das Virus hatten. Die meisten Forscher gehen im Moment von einer Infektionssterblichkeit – also nicht nur bestätigte Fälle, sondern die Dunkelziffer mit eingerechnet – von 0,5 bis 1,0 Prozent aus. Bei den jährlichen Grippeepidemien liegt dieser Wert durchschnittlich bei 0,1 Prozent. An der Grippe erkranken jährlich fünf bis 20 Prozent der Bevölkerung, bei Covid-19 kann dieser Wert ohne Gegenmaßnahmen bei 50 bis 60 Prozent liegen,wie beispielsweise in Bergamo, wodurch auch mehr Menschen insgesamt sterben.

  Dass immer wieder Vermutungen aufkommen, Covid-19 sei nicht besonders gefährlich, hat auch mit der großen Bandbreite der Symptome zu tun. Bei der Grippe erkranken die meisten Menschen in ähnlichem Maße, bei Covid-19 nicht. Für das Gesundheitssystem ist Covid-19 zudem belastender, weil die schwer Erkrankten im Gegensatz zur Grippe Wochen, manchmal Monate auf der Intensivstation verbringen müssen. Und obwohl das Alter ein wichtiger Risikofaktor für einen schweren Verlauf ist, waren es beispielsweise am Universitätsspital Zürich vor allem die 55- bis 70-Jährigen, die mit Covid-19 auf der Intensivstation lagen. Schließlich ist immer noch ungeklärt, wie häufig bei Sars-CoV-2 schwere Langzeitfolgen auch nach milden Verläufen sind.

Behauptung 2: Die meisten sterben nicht an Covid-19, sondern mit dem Virus

„Fahre ich zum Test ins Krankenhaus und verunglücke später tödlich beim Autounfall, gerade als mein positives Testresultat vorliegt – bin ich ein Corona-Toter“, schreiben Bhakdi und Reiss. Tatsächlich ist es nicht immer einfach zu unterscheiden, ob das Coronavirus bei Verstorbenen die Todesursache war. Doch mit ihrem Beispiel liegt das Autorenpaar ziemlich daneben. Um in die Covid-19-Statistik zu kommen, muss ein Bezug zur Sars-CoV-2-Infektion beziehungsweise entsprechende klinische Symptome vorliegen.

  Um ihre These zu stützen, zitieren Bhakdi und Reiss gerne auch mal verkürzt oder gar falsch. Etwa aus einem Artikel im Telegraph vom März, wonach 88 Prozent der italienischen Corona-Toten nicht ursächlich an den Coronaviren gestorben seien. Die Zahl entspricht jedoch dem Anteil der Opfer mit Vorerkrankung. In der aktuelleren wissenschaftlichen Literatur, zum Beispiel in einer Übersichtsarbeit vom Juli im Fachblatt Jama, ist die Rede von 60 bis 90 Prozent der Covid-Toten im Krankenhaus mit Vorerkrankung. Doch mit Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht und anderen Covid-19-Risikofaktoren lässt sich gut und lange leben. Umgekehrt sind beispielsweise schwere Krebserkrankungen, die gerade bei den über 80-Jährigen rund ein Drittel der Todesfälle ausmachen, bei Covid-19-Opfern als Vorerkrankung untervertreten (6 bis 8 Prozent).

Behauptung 3: Masken bringen nichts und sind sinnlos

 „Wie dumm kann man eigentlich sein – möchte man fragen“, heißt es im Buch, gefolgt von einer Liste mit Falschbehauptungen: Es gebe keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass symptomfreie Menschen ohne Husten und Fieber die Erkrankung verbreiteten; einfache Masken würden Viren nicht zurückhalten, und sie würden bekanntermaßen auch nicht vor Ansteckung schützen.

 Auch hier: Vieles ist nicht eindeutig bewiesen, der Nutzen von Masken für Träger und Gegenüber mag bei Sars-CoV-2 im Alltag niedriger sein als geglaubt, vielleicht aber auch höher. Das räumt übrigens auch eine viel zitierte Metaanalyse im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation ein. Dennoch rechtfertigen die derzeit vorhandenen Daten den Einsatz von Masken.

  Unbestritten ist, dass symptomfreie Menschen ansteckend sind, insbesondere kurz bevor die Erkrankung ausbricht. Inwieweit nach Abklingen der Symptome oder bei Asymptomatischen eine Ansteckung möglich ist, wurde noch nicht restlos geklärt. Die Indizien sind jedoch deutlich genug, um das Risiko ernst zu nehmen.

  Und natürlich können Masken Viren zurückhalten, auch einfache chirurgische Masken und selbst aus Textil, je nach Material und Verarbeitung. All das lässt sich unter Laborbedingungen gut zeigen.    

Behauptung 4: Der Lockdown war überflüssig

Nicht nur der Lockdown sei überflüssig gewesen, schreiben die Autoren, sogar das Absagen von Großveranstaltungen habe „nichts gebracht“. Jedoch sind sich Experten einig, dass der Lockdown in vielen europäischen Ländern Tausende Todesfälle verhindert hat. Auffällig sind auch die Todesstatistiken aus Schweden, wo es gewisse Maßnahmen, aber keinen Lockdown gab. Dort starben in den ersten sechs Monaten dieses Jahres so viele Menschen wie seit 150 Jahren nicht mehr. Es ist die Ironie dieser Pandemie, dass sich manche Menschen gegen die Maßnahmen wehren, gerade weil sie gewirkt haben.

Behauptung 5: Der Schaden einer Corona-Impfung wäre größer als jeder denkbare Nutzen

Immerhin, Bhakdi und Reiss sind keine Impfgegner. „Wir halten fest: Es gibt sehr viele Impfungen, die sinnvoll sind“, schreiben sie. Eine mögliche Impfung gegen Sars-CoV-2 will ihnen dennoch nicht in den Kram passen. Zum einen bemängeln sie das hohe Tempo bei der Entwicklung und Zulassung von Impfstoffen, was tatsächlich beträchtliche Risiken birgt und von vielen kritisiert wird. Bei den anderen Kritikpunkten argumentieren sie mit vermeintlichen Fakten, die aber alles andere als geklärt sind. Zum Beispiel, dass viele durch eine Kreuzreaktivität mit saisonalen Coronaviren bereits geschützt seien. Darüber rätseln seriöse Wissenschaftler allerdings bis heute. Auch behaupten Bhadki und Reiss fälschlicherweise, dass Impfstoffe die zelluläre Immunantwort grundsätzlich nicht verstärken könnten. Versuche mit verschiedenen Covid-19-Impfstoffkandidaten haben das längst widerlegt.

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