Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Papierausgabe Süddeutsche vom 9. Januar 2020.
Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Papierausgabe Süddeutsche vom 13. Januar 2020.
Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Papierausgabe Süddeutsche vom 10. Januar 2020.
Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Papierausgabe Süddeutsche vom 15. Januar 2020.
Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Papierausgabe Süddeutsche vom 27. Januar 2020
Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Papierausgabe Süddeutsche vom 27. Januar 2020
Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Papierausgabe Süddeutsche vom 8. Februar 2020.
Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Papierausgabe Süddeutsche vom 13. Februar 2020, Seite 41

Krisenplan

Mit einem Krisenplan will Kultusminister Piazolo die Personallücke an Schulen auffangen. Die Lehrer wollen dafür eine Gegenleistung. Sarah Ritschel in Augsburger ONLINE vom 13. Februar 2020 >> LINK

Mehr…

Jede Woche eine Lehrerdemo – das gab es in Bayern noch nie. An diesem Freitag machen bayerische Lehrkräfte ihrem Ärger über das Krisenpaket gegen Lehrermangel in Augsburg Luft. Sie werden aus ganz Schwaben kommen.

Worum geht es konkret? Weil im kommenden Schuljahr bis zu 1400 Lehrer fehlen, hat Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) Mehrarbeit an Grund-, Mittel-, und Förderschulen angeordnet. Die betroffenen Lehrer dürfen bis auf Weiteres keine Anträge auf einen vorzeitigen Ruhestand vor dem Ende ihres 65. Lebensjahres stellen, Sabbatjahre werden vorübergehend ebenfalls nicht genehmigt.

Lehrermangel trifft Grundschulen besonders

Für Lehrer an Grundschulen sieht der Minister noch mehr Notfallmaßnahmen vor: Sie sollen ab Herbst Zusatzstunden übernehmen. Vollzeit-Lehrer stehen künftig 29 statt 28 Schulstunden pro Woche im Klassenzimmer. Grob geschätzt geht mit jeder davon eine Stunde Vor- und Nachbereitung einher. Teilzeitkräfte trifft es teils deutlich härter. Sie müssen künftig mindestens 24 Stunden in der Woche unterrichten – auch, wenn sie vorher einen Vertrag mit nur 16 oder 17 Stunden hatten. Lehrer, die wegen ihrer Kinder nicht voll arbeiten oder Angehörige pflegen, sind von der neuen Regel ausgenommen.

Allen betroffenen Lehrern sollen ihre Zusatzstunden auf einem Arbeitszeitkonto gutgeschrieben werden. Geht der Plan des Ministers auf, bekommen sie sie in ein paar Jahren zurückerstattet und dürfen dann früher Feierabend machen. Piazolo sieht keine besseren Alternativen zu seinem Plan: Klassen zu vergrößern, sei für Schüler deutlich schlechter. Andere Bundesländer setzen auf Quereinsteiger aus anderen Berufen, doch auch das komme für Bayern nicht infrage.

Lehrermangel: Extrastunden kommen nach und nach

Die Extrastunden gelten zunächst einmal für Lehrkräfte zwischen 50 und 56 Jahren. Sie sind die Ersten, die ab Herbst mehr arbeiten müssen. Das soll sicherstellen, dass sie vor ihrem Ruhestand auch definitiv ihr Arbeitszeitkonto wieder ausgleichen können. Jüngere Lehrer folgen nach und nach.

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft rufen zu Protesten auf, seit Piazolo seinen Krisenplan vorgestellt hat. Sie wollen als Ausgleich eine Entlastung in der Verwaltungsarbeit. Zusätzlich fordert der BLLV kurz vor dem Zeugnistag an diesem Freitag, dass die Zwischenzeugnisse an Grundschulen so schnell wie möglich von zwei Seiten auf eine verkürzt werden. BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann erklärt das so: Für die ausführlichen Zeugnisse bräuchten Lehrer viel Zeit. „Zeit, die sie angesichts der personellen Situation nicht mehr haben.“

3000 Lehrer sollen befördert werden

Ein Stück weit ist Piazolo den Wünschen schon entgegengekommen. Er verspricht, 3000 Lehrer an Grund- und Mittelschulen zu befördern und entsprechend besser zu bezahlen. Trotzdem verdienen sie weiter weniger als ihre Kollegen an Realschulen und Gymnasien. Piazolo will auch weniger Proben in der vierten Klasse schreiben lassen und zusätzliches Personal für die Sekretariate einstellen. Hochrechnungen zufolge soll der Notfallplan 1080 zusätzliche Stellen bringen – immer noch 320 zu wenig. Das Schulministerium will deshalb ältere Lehrer animieren, ihren Ruhestand noch ein wenig hinauszuschieben und Teilzeitkräfte dazu bringen, ihre Stunden auch freiwillig zu erhöhen.

Weniger…

Mehrarbeit: Lehrer protestieren weiter

Verbandsmitglieder im Augsburger Land sagen: Das ist kaum zu schaffen

„So nicht!“ ist das Motto von Protesten von Lehrkräften im Berufsverband BLLV gegen die Sofortmaßnahmen zur Unterrichtssicherung von Kultusminister Michael Piazolo. Jetzt haben sie deshalb im Landkreis Augsburg dagegen protestiert. Augsburger Allgemeine ONLINE vom 14. Februar 2020 >> LINK

Kommentar

Mehrarbeit für Lehrer? Schluss mit den Stammtisch-Parolen

von Sarah Ritschel: Lehrer sind nicht nur Pädagogen, sondern auch Ersatzeltern, Integrationshelfer, IT-Experten. Ihr Ärger über Mehrarbeit ist verständlich. Man hat sie schon im Ohr, die immer gleichen Stammtisch-Argumente. Lehrer haben eine Jobgarantie, arbeiten vormittags ein paar Stunden und haben monatelang Ferien. Das war vielleicht vor einem halben Jahrhundert richtig, als die Welt noch analog war und Frauen hauptberuflich Mütter. Wer immer noch so argumentiert, hat verschlafen, was Bildung heute bedeutet.

Bildung ist ebenso essenziell für ein gutes Leben Es ist nachvollziehbar und richtig, dass Lehrer gegen die von oben verordneten Notfallpläne auf die Straße gehen. Man lädt ihnen mehr und mehr Verantwortung auf – und das seit Jahren. Gesehen wird das kaum – was man allein schon daran merkt, dass das uralte Vorurteil vom arbeitsscheuen, ständig jammernden Gutverdiener sich hält. Interessanterweise hört man aber fast genauso oft den Satz: „Ich würde kein Lehrer sein wollen!“ Schwant den Kritikern etwa doch, dass der Lehrerberuf fordernder ist, als sie zugeben? Als Anfang Februar Ärzte auf die Straße gingen und warnten, dass sie ihre Arbeit vor lauter Zusatzaufgaben bald nicht mehr gewissenhaft ausführen können, waren Verständnis und Betroffenheit groß. Es ging ja um das wertvolle Gut der Gesundheit. Aber Bildung ist ebenso essenziell für ein gutes Leben.

Lehrer sind immer öfter auch Erzieher Lehrer, gerade an Grund-, Mittel- und Förderschulen, sind heute Erzieher für Schüler mit gleichgültigen Eltern oder Verhaltensauffälligkeiten. Sie sind Integrationshelfer in Klassen mit 30 Schülern und manchmal ebenso vielen Nationalitäten. Sie müssen Computerexperten sein und Schülern beibringen, wie sie sich gegen Manipulatoren im Internet schützen. Das ist eine Aufgabe, von der die politische Entwicklung abhängt, denn Extreme profitieren vor allem von Menschen, die nichts hinterfragen. Und Lehrer haben ein Privatleben. Wer wollte schon, dass der Staat da ohne Vorwarnung hineinpfuscht? Wenn Grund-, Mittel- und Förderschullehrer an diesem Freitag in Augsburg demonstrieren, geht es ihnen gar nicht um die Mehrarbeit allein – die bei mancher Teilzeitkraft deutlich mehr als eine Zusatzstunde bedeutet. Lehrer wissen, dass die Lücke von 1400 Vollzeitstellen ab Herbst irgendwie gefüllt werden muss. Aber sie wollen dabei mitreden, wie das geschieht. Deswegen protestieren sie. Das würde jeder Arbeitnehmer genauso machen.

Digi-Ausgabe:https://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/Mehrarbeit-fuer-Lehrer-Schluss-mit-den-Stammtisch-Parolen-id56740116.html

Sog. Kommentar

Mehrarbeit für Lehrer? Das Gejammer ist unerträglich

von Markus Bär: Grundschullehrer sollen eine Stunde pro Woche mehr arbeiten? Das ist ihnen durchaus zuzumuten - gerade wenn man sich ansieht, wie viel andere arbeiten müssen. Mit einem Sturm der Entrüstung haben Pädagogen in Bayern auf die Pläne von Kultusminister Michael Piazolo reagiert, wonach – unter anderem – Grundschullehrer eine Stunde mehr pro Woche unterrichten sollen, um dem Lehrermangel zu begegnen. Das heißt: als Vollzeitbeamter statt 28 dann 29 Unterrichtsstunden. Dass die Betroffenen davon nicht begeistert sind, ist verständlich. Doch einmal mehr stehen große Teile der Bevölkerung fassungslos daneben. Und fühlen sich in ihren üblichen Vorurteilen bestätigt, dass es sich bei „den Lehrern“ um eine überbezahlte, überversorgte, überanspruchsvolle Berufsgruppe handelt, der jeglicher Bezug zur sonst üblichen Wirklichkeit des Berufslebens fehlt.

Die Stunde wird ja ohnehin gutgeschrieben Schauen wir nur aufs Geld. Zwar sind Gehälter schwer zu vergleichen. Zumal, wenn es um Beamte und Angestellte geht. Dennoch soll dieser Versuch unternommen werden. Bemüht man etwa das viel genutzte Portal oeffentlicher-dienst.info, dann verdient ein kinderloser, unverheirateter, verbeamteter Grundschullehrer 2020 in Bayern als Einstiegsnetto nach Abzug eines Selbstanteils für die private Krankenversicherung um die 3000 Euro. Ein in einer kommunalen Klinik angestellter Assistenzarzt – auch Berufseinsteiger, kinderlos, unverheiratet – geht netto mit 2660 Euro heim. Letzterer hat wesentlich länger studiert und ebenso einen sehr verantwortungsvollen Job. Ein Arzt arbeitet pro Woche oft deutlich mehr als 40 Stunden, ohne dass das auch nur ein Achselzucken hervorrufen würde. Bei den Wochenstunden der Lehrer sprechen wir von Dreiviertelstunden. Der Assistenzarzt hat sechs Wochen Urlaub pro Jahr, arbeitet auch nachts. Der Grundschullehrer hat in vielen Fällen fast doppelt so viel Urlaub und arbeitet – selbst mit Vor- und Nachbereitung – oft sicher keine vollen Tage.

Manche werden diesen Vergleich viel zu ungenau, schäbig und populistisch finden. Nur: Er haut trotzdem im Großen und Ganzen einfach hin. Die sich entrüstenden Lehrerverbände sollten darum endlich mit ihrem unerträglichen Gejammer aufhören, mit dem sie nur weiter Vorurteile schüren. Grundschullehrern ist es zuzumuten, dass sie über einige Jahre hinweg eine Stunde länger arbeiten müssen. Die Stunde wird ja ohnehin auf einem Arbeitszeitkonto gutgeschrieben.

Digi-Ausgabe: https://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/Mehrarbeit-fuer-Lehrer-Das-Gejammer-ist-unertraeglich-id56740111.html

Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Münchner Merkur vom 17. Februar 2020
Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Papierausgabe Süddeutsche vom 24. Februar 2020, Seite 31
Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Papierausgabe Süddeutsche vom 24. Februar 2020, Seite 31
  • Fließtext als PDF >> Link
  • Süddeutsche >> LINK

Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). 4. Juli 2020, Oberbayerisches Volksblatt vom 4./5. Juli 2020, Seite 7

Piazolo will Mehrarbeit für Grundschullehrer

4. Juli 2020, Oberbayerisches Volksblatt vom 4./5. Juli 2020, Seite 7

München – Mehrarbeit, Verschiebung des Ruhestands, kein Sabbatjahr mehr – mit einem ganzen Bündel an Maßnahmen will Kultusminister Michael Piazolo (FW) der Personalnot an Grund-, Mittel- und Förderschulen begegnen. Am Dienstag steht (voraussichtlich) die tragende rechtliche Säule all dieser Pläne zur Verabschiedung auf der Tagesordnung des bayerischen Ministerrats: die Verordnung zur Einführung eines Arbeitskontos für Grundschullehrer. Dies ist notwendig, weil die Lehrer ab dem kommenden Schuljahr 2020/2021 eine Unterrichtsstunde mehr arbeiten sollen – 29 statt bisher 28 Stunden. Betroffen sind alle Lehrer, die nicht älter als 58 sind.
Diese Stunde soll auf einem Arbeitszeitkonto gutgeschrieben und später zurückgegeben werden. Allerdings recht spät: Erst „ab dem Schuljahr 2028/2029 beginnt die Rückgabephase“, heißt es in den Erläuterungen zur Ministerratsbehandlung. Die Zeit eilt – denn schon am 1. August soll die Verordnung in Kraft treten.
Der Lehrerverband BLLV ist bestürzt, dass der Minister an den Notmaßnahme trotz aller Kritik festhält. Vor allem fehle „ein Signal“, sich im Gegenzug um eine Angleichung der Gehälter zu bemühen. Grundschullehrer erhalten A12, Lehrer am Gymnasium A13 – ein Unterschied von einigen hundert Euro.
Piazolo hatte als Freier Wähler im Wahlkampf versprochen, für eine Gleichbezahlung aller Lehrämter zu kämpfen. Im Schreiben an Söder erteilt er diesem Ziel jedoch eine Absage: „Der hinter der Besoldung stehende Gedanke der funktionsgerechten Besoldung sowie die Unterschiede in der Ausbildung sprechen gegen eine solche Angleichung.“ BLLV-Chefin Simone Fleischmann sagte unserer Zeitung: „Das ist ein Schlag ins Gesicht der Lehrer.“
In seinem Schreiben an Söder rechtfertigt Piazolo die Mehrarbeit mit der jüngsten Lehrerbedarfsprognose. Bis zum Jahr 2024 würden an Grundschulen circa 1400 Vollzeitkapazitäten fehlen. Die Lücke könne auch nicht durch die Umschulung von Realschul- und Gymnasiallehrern („Zweitqualifikation“) geschlossen werden.
Neben der Mehrarbeit gibt es weitere Maßnahmen: So gibt es für die Lehrer künftig ein Sabbatjahr mehr, also eine unbezahlte Auszeit. Das hatten zuletzt über 1500 Lehrer in Anspruch genommen. Außerdem wurden die Kriterien für Teilzeitarbeit verschärft – Förderlehrer müssen künftig mindestens 23 Stunden (früher 20) arbeiten, Grundschullehrer 24 Stunden (bisher 21). Der Ruhestand wird künftig nur mehr ab dem vollendeten 65. Lebensjahr gewährt. Es gab, so stellt es das Ministerium dar, zudem „deutliche Appelle“ an Lehrer, ihre Teilzeitarbeit zu erhöhen oder den Ruhestand hinauszuschieben. Zudem wurden neue Studienplätze geschaffen.
Dass Piazolo mit seinen Plänen bei den Lehrerverbänden keine Jubelstürme auslösen würde, war von vorneherein klar. Sowohl BLLV als auch GEW protestierten nun erneut im Vorfeld der Kabinetts-Befassung. Ungewöhnlich aber: Auch der Hauptpersonalrat des Ministeriums verfasste eine scharf ablehnende Stellungnahme. Der Vorsitzende Gerd Nitschke befürchtet, dass Grundschullehrer als „Lückenbüßer“ künftig verstärkt in Mittel- und Förderschulen einspringen müssten. DIRK WALTER