Mehrarbeit an Grundschulen in Bayern

So kann man den Lehrernachwuchs auch abschrecken


Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Gegen die staatlich verordnete Mehrarbeit haben Grundschullehrerinnen und -lehrer auch in München demonstriert. Foto: Robert Haas

SZ-Leser finden, dass es sich das Kultusministerium zu leicht macht mit seinem Plan, der einige Pädagogen allzu hart treffen werde 

Zum Kommentar "Nicht knausern" vom 27. Januar und "Lehrer müssen mehr arbeiten" vom 8. Januar:


Minister macht es sich zu leicht

Im Augenblick bricht wieder Volkes Wut über die faulen Lehrer herein. Zu Recht? Da braucht man kein Lehrer zu sein, um zu sagen: Leider nein! Es geht überhaupt nicht darum, ob Lehrer bereit sind, eine Stunde mehr Dienst zu machen. Die meisten machen sie eh schon. Die Geschichte zeigt uns etwas ganz anderes: In grauer Vorzeit waren alle Lehrer Beamte, ohne jede Rechte, sich gegen die Anordnungen des Staates zu wehren (kein Streikrecht!). Dann gingen die Schülerzahlen zurück, weil Deutschland nicht mehr so geburtenfreudig war (Einkindehe). Da hat man statt der Beamten, die so sündhaft teuer sind, lieber Angestellte (mit Streikrecht) eingestellt, über die man freier verfügen kann, meinte der Staat. Er stellte also bedarfsgerecht nur Lehrer mit sehr guten Noten ein, also nicht alle, die eine Lehrerausbildung gemacht hatten. Die Nichteingestellten mussten sich damals in andere Jobs im freien Markt verkrümeln. Als dann aber der Staat wieder Lehrer brauchte, meinte er, er müsse nur mit dem Finger schnippen, dann kämen alle aus ihren neuen Berufen wieder angerannt. Taten sie aber nicht, die undankbaren Pseudolehrer. Da sich aber gegenwärtig die Deutschen wieder stärker vermehren, was aber statistisch schon länger belegt ist, mangelt es urplötzlich an Schulräumen und den dazugehörigen Lehrern. Diesen vom Kultusministerium/Schulamt verursachten Mangel, der aus Schülerzahlen früherer Jahre nur hochgerechnet wurde, der also nicht auf aktuellen Schülerzahlen basiert (man hat ja nach der Geburt nur sechs Jahre Zeit zu reagieren), sollen jetzt die vorhandenen Lehrer ausbaden. Das heißt, die Fehleinschätzung und die Versäumnisse des Kultusministeriums/Schulamts sollen jetzt Lehrer, wenn es geht, ohne Bezahlung ausgleichen. Schön blöd, wenn das die angestellten Lehrer machen würden! Veröffentlich in der Süddeutschen: Wolfgang Hensle, Schwabhausen

Abschreckend für den Beruf

Nun will Kultusminister Piazolo das aufarbeiten, was die bayerische Kultusbürokratie in der Vergangenheit versäumt hat: auf zukunftsgerichteten Bedarf im Schulwesen zielführend Vorsorge zu treffen. Er liegt richtig, wenn er eine Vergrößerung von Klassen als keine Option sieht. Er hat recht, wenn er eine Lösung des Problems mittels Quereinsteigern kritisch und allenfalls in Teilbereichen als machbar sieht. Es ist sicherlich realistisch, wenn er die eigentlich längst überfällige Gleichstellung in der Bezahlung von Grund- und Mittelschullehrern als derzeit politisch nicht durchsetzbar einschätzt. Freilich dürfte die dadurch bedingte Demotivation auch durch seine Zusicherung, da weiter an einer Lösung zu arbeiten, kaum beseitigt werden. Fakt ist aber auch, dass die von ihm geplanten Maßnahmen die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte noch mehr vergrößern, dass dies sicherlich auch bei vielen Lehrkräften gesundheitliche Folgen zeitigen wird, dies alles mit dem Ergebnis zusätzlicher Unterrichtsausfälle. Nun räumt endlich selbst der Minister ein: Der Freistaat benötigt doch viel mehr Lehrkräfte. Wenn dann aber sogleich behauptet wird, es sei "Tatsache", dass man eigentlich "genügend Lehrer" habe, diese jedoch nicht im Unterricht seien, und dass die Lehrer ob vieler zugelassener Wünsche in der Vergangenheit "verwöhnt" seien, dann zeigt mir das doch den Unwillen oder die Unfähigkeit, die tatsächliche Problemlage wirklich aufgreifen zu wollen. Die Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte haben sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert, Belastungen und Zusatzaufgaben haben zugenommen. Ich befürchte, dass mit den geplanten Belastungen vor allem eines erreicht wird: Bei den gegenwärtig recht guten Berufschancen auf dem Arbeitsmarkt werden sich junge Menschen wohl kaum vom immer unattraktiver werdenden Berufsfeld "Schule" angezogen fühlen. Veröffentlicht in der Süddeutschen: Joachim Buchenau, Tussenhausen

Einige trifft es richtig hart

Bei den Protesten vieler Lehrkräfte gegen die von Minister Piazolo angekündigten Maßnahmen geht es nicht allein um die eine Stunde Mehrarbeit, die Abschaffung des Sabbaticals oder die Verschiebung des Ruhestandseintrittsalters - wobei dies schon genug wäre. Vielmehr geht es darum, dass eine seit Jahren verfehlte Schul- und vor allem Personalpolitik auf dem Rücken einiger Weniger ausgetragen wird. Richtig ist, dass voraussichtlich nur ein kleiner Teil der Lehrkräfte davon betroffen sein wird. Aber genau das ist das Problem. Die Hauptbetroffenen dieser Maßnahmen sind nämlich unter anderem ältere Lehrkräfte nach der Familienphase, die von der familienpolitischen Teilzeit in die Antragsteilzeit wechseln. Obgleich viele von ihnen bereits an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit sind, worauf Sie in Ihrem Kommentar zurecht hinweisen, wird für diese Personengruppe die Teilzeit von derzeit durchschnittlich 15 auf 24 Stunden erhöht, plus eine Stunde Arbeitszeitkonto. Dies bedeutet für viele ältere Lehrkräfte eine Erhöhung um teilweise mehr als zehn (!) Unterrichtsstunden pro Woche, Zeiten für Unterrichtsvor- und -nachbereitung noch nicht eingerechnet. Genau um diese Personengruppe geht es, wenn Herr Piazolo davon spricht, dass nur eine kleine Gruppe betroffen ist. In Ihrem Kommentar werden diese Hauptbetroffenen nicht erwähnt. Hätten Sie sich umfassend informiert, hätten auch Sie zu dem Ergebnis kommen können: Es ist doch so schlimm, wie manche tun! Veröffentlicht in der Süddeutschen: Martina Tanzhaus, Langenbach

WIR sind weder frustriert nocht wütend ...

Nicht veröffentlicht

Bayerns Grundschullehrer, Mittelschullehrer und Förderschullehrer – sie heißen schon länger nicht mehr Volksschullehrer - sind weder frustriert noch wütend, noch ereifern sie sich, noch sind sie die von Ihnen beschrieben Claqueure. Beamte drohen auch nicht mit Krankmeldungen, sie wissen nämlich, wer die Vertretungsstunden hält. Natürlich tangiert sie die nicht nur von den Verbänden seit Jahren angemahnte Fehlplanung des Ministeriums. Bei den von Ihnen beschriebenen Vorteilen gegenüber der nicht vorhanden „freien Wirtschaft“ vergessen Sie zufälligerweise das Streikverbot für Beamte. Wenn Sie denn das Schreiben des Ministeriums vom 7. Januar 2020 mit dem Zeichen III.3 – BP 7060-4b.703 gelesen hätten, würde Sie nicht den Eindruck von einer Stunde (???) Mehrarbeit erwecken wollen. Was Sie schreiben ist nicht nur unverschämt und unverfroren, es entspricht auch nicht den Tatsachen: bei der Anhebung des Mindesstundenmaßes auf 24 Wochenstunden bei Antragsteilzeit wird es Lehrkräfte mit fünf und manche mit acht Stunden treffen. Es treffen auch keine Milieus aufeinander. Für Grundschulkinder stellte das ohnehin nie ein Problem dar, zumal Grundschullehrer auch Pädagogen sind. Und nebenbei: bei mehr Unterrichtsarbeit in den von Ihnen noch weiter genannten Problemfeldern (Inklusion, Integration…) geht es wirklich nicht um „Fairness“, sondern um Wertschätzung und Respekt. Und dann wiederholen Sie auch noch kritiklos die Androhung „Was wäre denn die Alternative?“ des Ministers von „jetzt red i“ vom 22. Januar 2020.

  • Kinder beschäftigen sich selbst oder Ganztagsunterricht wird abgeschafft
  • Klassen wachsen auf 40 Schüler an, wodurch Unterrichten und Lernen strapaziöser würde Stundenpläne kürzen
  • Schulen schließen

So ein ausgemachter Unsinn! Nicht nur, dass Bauvorschriften überhaupt keine 40 Kinder in den normierten Klassenzimmern zulassen, der Herr Minister kennt seine eigene Deckelung nicht, die für sämtliche Schularten in Bayern gilt. Ganztagsunterricht wird auch nicht über ein Ministerium finanziert. Warum sollte man zur Not nicht eine Stunde Religion und eine Stunde HSU in der 4. Klasse kürzen? Und ob die 3. und 4. Klassen von sog. „Zwergschulen“ mit Klassen von 12 bis 15 Kindern größeren Grundschul-Verbünden zugeschlagen werden, wäre allemal überlegenswert. Aber dann machen die dort wohnenden Eltern eine „Lichterkette“ für den Schulerhalt im Dorf und diese Wähler will der Minister nicht verlieren.

Verehrte Anna Günther, m.E. sind Sie wie auch in Ihrem unsäglichen Artikel vom 9. Januar „Lehrer müssen mehr arbeiten“ über Ihren Insider ohne Namen vollkommen fehlinformiert. Die Süddeutsche hat eine derartige Redakteurin nicht verdient.

Wurde als Leserbrief nicht veröffentlicht in der Süddeutschen: 27. Januar 2020 an Forum@sueddeutsche.de & Anna.guenther@sueddeutsche.de & bayernredaktion@sueddeutsche.de

 

Höhepunkt noch nicht erreicht

Nicht veröffentlichter Leserbrief zu Artikel „Protest der Lehrer gegen Mehrarbeit dauert an“ vom 8./9. Februar 2020, Seite 70, Nr.32

Der Protest hat seinen Höhepunkt bestimmt noch nicht erreicht: am kommenden Freitagnachmittag, Zeugnistag, geht es weiter. Als ehemaliger Schulleiter einer GMS (fast 800 Kinder in 33 Klassen) kann ich ruhigen Gewissen schreiben, die derzeitige Zuteilung kann als ausreichend bezeichnet werden und: Schulleiter gehen mit gutem Beispiel voran und arbeiten zwei Stunden mehr. Die externe Evaluation kann komplett wegfallen. Die Staatsbediensteten, die mit dieser Aufgabe betraut wurden, halten als Beurteiler sicherlich ausgezeichneten Unterricht. Die Grundschulzeugnisse, wenn sie denn individuell abgefasst wurden, haben sich bewährt, ebenso die Lernentwicklungsgespräche. Sollte sich hier das schlechte Gewissen des Ministers rühren? Das sog. Arbeitszeitkonto ist nichts Neues: WIR Volksschullehrer durften unter Ministerin Hohlmeier um die Jahrtausendwende herum 13 Jahre das Konto erfolgreich umsetzen. Das Minimum von acht Stunden gibt es schon seit über 20 Jahren nicht mehr. Als Argument, die Lehrer können ihre Arbeitszeit selbst bestimmen, ist es ganz schön daneben! Die Materie ist kompliziert: Grundschulen werden sog. Budgets zugewiesen, die zunächst das Pflichtstundenmaß der einzelnen Jahrgangsstufen abdecken. Eine erste Klasse muss (!) beispielsweise 23 Stunden und eine vierte Klasse 29 Stunden unterrichtet werden und das eben zu regulären Zeiten. Jede Klasse braucht also einen Kopf. Wenn die Unterrichtsversorgung mit dem Stammpersonal nicht abgedeckt werden kann, kommen die sog. Achtstünder zum Zug, beispielsweise für Religion, Sport, Werken und Gestalten. Es kommt bei Fachlehrkräften (Stundenmaß 30) regelmäßig vor, an zwei oder auch drei Arbeitsstellen zu unterrichten. Die Schulstandorte liegen dann auch schon mal 20 Km auseinander, die nahtlosen Stundenpläne und unterschiedlichen Anfangs- und Pausenzeiten möchte ich nicht ins Spiel bringen. Und jetzt wird es spannend: "Die Idee des Beamtentums ist eigentlich, Vollzeit zur Verfügung zu stehen, alles andere sind Ausnahmen", sagte Piazolo. Gerade an den Grundschulen seien diese aber eher die Regel. Etwa ein Drittel der Lehrer arbeitet in Vollzeit, … „Damit wird suggeriert, an den Grundschulen sei der Personalmangel selbst verschuldet. Tatsache ist, über 90% Lehrkräfte an den Grundschulen sind eben Frauen. Die Frage, der Männeranteil vor allem an den Grundschulen wird wie üblich nicht beantwortet.

Verschwiegen wird:

  • an den Realschulen (Anteil Frauen 67,5%) arbeiten 9698 von 17285 voll und
  • an den Gymnasien (Anteil Frauen 59,5%) arbeiten 12699 von 37113 voll
Quelle: Zahlen aus „Bayerns Schulen in Zahlen 2018/2019“ ISSN 1437-0662 (Reihe A), Herausgeber: Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus, 80327 München, Auswertungen und Tabellengestaltung: Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus, Referat für Bildungsstatistik, Statistische Ausgangsdaten: Bayerisches Landesamt für Statistik (sofern nicht anders angegeben), Schriften des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus Reihe A Bildungsstatistik Heft 67, München, Dezember 2019

 

Immer noch wird suggeriert, es ginge ja nur um eine Stunde Mehrarbeit.

 

Tatsache ist,

  • wenn 1400 Stellen fehlen sind das über 39000 Unterrichtsstunden
  • wenn 14% der 37000 Grundschullehrkräfte von Mehrarbeit betroffen sind,
  • betrifft das rund 5200 Personen,
  • die wenigsten sieben Stunden mehr arbeiten.
  • lt. Minister Piazolo würden die Maßnahme nur 14% der Lehrkräfte betreffen
  • Prof. Dr. Gerhard Waschler, MdL, Vorsitzender des Arbeitskreises für Bildung und Kultus, mit Schreiben vom  06.02.2020:  „Durch das Arbeitszeitkonto sind im nächsten Schuljahr nur ein Viertel der Grundschullehrkräfte betroffen.“ Aus >> LINK

Ja, was stimmt denn nun?

Mehr…

Wurde als Leserbrief nicht veröffentlicht: 10. Februar 2020 an Forum@sueddeutsche.debayernredaktion@sueddeutsche.de

Weniger…

Unter Niveau "populistisch"

Bisher nicht veröffentlichter Leserbrief an

Sehr geehrte Redakteure und Redakteurinnen der Augsburger Allgemeinen,

meine Zeilen beziehen sich auf die ZEILEN von Markus Bär, „Mehrarbeit für Lehrer? Das Gejammer ist unerträglich“, 13. Februar 2020.

Mehr…

Können Sie mir bitte darlegen, welchen Abschluss ein Redakteur Markus Bär haben muss, welches Gehalt Sie als Arbeitgeber für ihn vorhalten, damit eine derartig miserable, schlecht recherchierte und unter dem Niveau "populistisch" an zu siedelnde "Schreibe" publiziert wird.

Er hat sich nicht mal die Mühe gemacht eine offizielle Seite der bayerischen Verwaltung zu finden, noch hat ER auf der Seite https://www.beamtenbesoldung.org/beamtenbesoldung/bayern.html die entsprechenden Zeilen gefunden. Er sucht die erste Seite raus, die GUUUGL ihm anbietet, und auch noch eine INFO-Seite. Wie erbärmlich! Ich denke auch, die Bemühungen seiner Lehrer bezüglich Prozentrechnen – Steuerberechnung – und Tabellenauslesen haben "ungenügende" Erfolge erzielt.

Sein VERGLEICH mit einem Assistenzarzt ist TOTAL falsch: dieser Assistenzarzt wird sich innerhalb kurzer ZEIT in einer ganz anderen Gehalts-LIGA bewegen dürfen, während GRUNDSCHUL-LEHRKRÄFTE dort bleiben, wo sie gestartet sind … die gedeckelten 20% A13er sind ja noch nicht einmal erreicht.

Dass es sich eben nicht nur um eine Stunde Mehrarbeit handelt, sollte wenigstens bei den VERANTWORTLICHEN Redakteuren angekommen sein. Auch Ihre Kollegin Sarah Ritschel hat kommentarlos die „3000 neue A13er Stellen“ als „Entgegenkommen“ des Herrn Ministers bezeichnet. Diese Stellen wurden bereits im Jahre 2017 beschlossen und stehen in keinerlei Beziehung zum Desaster von nach Weihnachten.

Die übrigen Zeilen sind es nicht wert, kommentiert zu werden. Da sind mir doch die respektablen Antworten der Bayerischen Politiker, einschließlich der FREIEN WÄHLER, lieber. Nachzulesen unter http://www.hoyer-augsburg.eu/GS-Antworten.html.

Wg  » tl;dr « Vorsicht: viel TEXT.

Wurde als Leserbrief nicht veröffentlicht: 13. Februar 2020 an Redaktion@augsburger-allgemeine.de & online-redaktion@augsburger-allgemeine.de & leserbriefe@augsburger-allgemeine.de & Redaktion@allgaeu.life

Weniger…
Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Stefan Rank, BLLV, Eichstätt, erschienen im Donaukurier, zugesandt von Sigrid Glemnitz

Warum sind Sie nicht Grundschullehrer geworden

Sehr geehrter Herr Bär,

mit Interesse las ich Ihren Artikel „Mehrarbeit für Lehrer? Das Gejammer ist unerträglich“.

Ich denke, Sie haben gut recherchiert, vielleicht sogar einen Lehrer/ eine Lehrerin in Ihrem näheren sozialen Umfeld, um solche Aussagen treffen zu können. Ich möchte Ihnen als Insider noch Einiges hinzufügen, das Sie übersehen haben:

„Die Stunde wird ja ohnehin gutgeschrieben“ – das gab auch bereits schon. Die Lehrkräfte leisteten schon einmal unbezahlt fünf Jahre eine Stunde (Was ist das schon?) „Mehrarbeit“ und freuten sich danach, diese Überstunde einfach unbezahlt beizubehalten, weil sie das nun so gewöhnt waren.

Mehr Gehalt dafür wollen sie sowieso nicht, im dankbaren Wissen, dass sie ohnehin zu den Spitzenverdienern zählen. Wie Sie es darstellen, noch über den Ärzten! Und das bei einem so kurzen anspruchslosen Studium, das ohnehin unnötig wäre für den „Job“, den ein Grundschullehrer* hinterher zu machen hat.

Danke auch für Ihre Info über das „Einstiegsnetto eines kinderlosen, verbeamteten Grundschullehrers“ über 3000 Euro.  Vielleicht schicken Sie dies einmal an die Besoldungsbehörde, die zahlen immer falsche Beträge aus.

Und ja, die anderen Arbeitnehmer arbeiten von vornherein „mindestens 40 volle Stunden“ und Lehrer nur 28 Dreiviertelstunden!!! Und diese Dreiviertelstunden kann man ohnehin nicht „Arbeit“ nennen. Muss ein Grundschullehrer doch nur am Pult sitzen und den in der Regel 25 braven, wohlerzogenen, gleichmäßig begabten und fleißigen Kinderchen zuschauen, wie sie ihre Hefte vollschreiben. Ab und zu mal eine Note machen fürs Zeugnis, das ist es dann auch schon. Und dazwischen kann er mit seinen Kindern noch an der frischen Luft in den Pausen spielen oder an „Ausflugstagen“ (die sind von der Arbeit auch noch abzuziehen!) sich einen schönen Lenz machen. Und mittags nach Hause!

Und selbst das bisschen „Vor-und Nachbereitung“ (Was ist da eigentlich zu tun? Sicher nicht derlei Dinge wie im Büro oder bei der Zeitung, wo die Angestellten außerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit Informationen einholen, Akten durchsehen,  ihre Arbeit sachlich grundlegen -so vorbildlich wie Sie in Ihrem Artikel!- , Material besorgen, Telefonate führen, schriftliche Arbeiten analysieren, an Konferenzen teilnehmen, sich weiterbilden, Gespräche mit Betroffenen führen…) macht „keinen vollen Tag“ aus, wie Sie schreiben. Das würde nämlich heißen, dass ein Grundschullehrer pro Tag am Nachmittag oder Abend noch dreieinhalb Stunden „Arbeit“ hätte. Bei freiem Wochenende selbstverständlich. Das ist wirklich unvorstellbar. Und – falls Sie nachrechnen – ich habe generös bei meiner Rechnung noch 2 „volle“ Stunden dazugerechnet, weil der Grundschullehrer ja täglich eine Viertelstunde vor den Kindern da sein muss und eine Sprechstunde für die Eltern ist auch noch „verordnet“, obwohl das eigentlich auch keine „Arbeit“ ist, sondern nur anregendes Vergnügen.   

Sie sehen: Ich finde Ihren Vergleich nicht „zu ungenau, schäbig und populistisch.“ Ja, es reicht mir, wenn Artikel in einer Tageszeitung wie Ihrer, im „Großen und Ganzen einfach hinhauen“! Deshalb habe ich sie auch nicht abonniert. Gestatten Sie mir eine private Frage zum Schluss: Warum sind Sie nicht Grundschullehrer geworden?

Mit besorgten Grüßen

Sabine Hoyer, Seminarrektorin i.R. 

)*Ich bleibe bei Ihrer ausschließlich männlichen Form „Grundschullehrer“, ist das doch heute ein Beruf, den überwiegend Männer ergreifen, weil man mit diesem Traumgehalt locker eine Familie ernähren kann.

Wurde als Leserbrief noch nicht veröffentlicht

... gewinnbringende Kommunikation

 

Sehr geehrter Herr Pschierer,

ich bedanke mich für Ihre persönliche, unglaublich freundliche und verständnisvolle Antwort. So stelle ich mir eine gewinnbringende Kommunikation, so stelle ich mir Bürgernähe vor! Da Sie mich gebeten haben, Ihnen keine langen Briefe mehr zu senden, werde ich versuchen, mich kurz zu fassen. Aufgrund der Vielzahl an falschen Annahmen Ihrerseits könnte es aber doch wieder ein längerer Text werden.

- Zunächst einmal muss ich Ihnen sagen, dass ich sehr überrascht bin, dass Sie nur auf unsere Forderung nach A13 eingehen. So weit ich mich erinnere, haben wir auf den ersten beiden Seiten unseres Schreibens deutlich und ausführlich erläutert, welche Maßnahmen akut gegen den Lehrermangel ergriffen werden könnten ( Umgestaltung Ganztag, Flexibilisierung mobile Reserve, Boni für Klassleitung, neue Teilzeitmodelle etc.) Schade, dass Sie diesen Teil nicht gelesen zu haben scheinen?!

- Sie möchten keinen Einheitslehrer - ich notiere: Sie möchten also lieber Lehrer 1. Klasse und Lehrer 2. Klasse, in welchem Szenario die Kinder reicher Menschen den "besseren" Lehrer verdient haben, die kleineren Kinder und die aus ärmeren Familien aber mit dem Lehrer 2. Klasse vorlieb nehmen dürfen. Aha.

- Ihre Aussage, dass im Laufe der Berufslaufbahn schließlich alle Grundschullehrer bzw. Mittelschullehrer in den "Genuss" A12Z bzw. A13 kommen werden, hat uns alle in schallendes Gelächter ausbrechen lassen. Davon wissen 90 Prozent der älteren KollegInnen zwischen 55 und 65, die seit vielen, vielen, vielen Jahren im Schuldienst sind, nichts?! Vielleicht sollten Sie sich besser informieren und die Zahlen des KM genauer analysieren, bevor Sie sich in dieser Art äußern.

- Überhaupt scheinen Sie über die Studien- und Berufsbedingungen der Lehrkräfte der einzelnen Schularten nicht wirklich gut informiert zu sein. Wussten Sie etwa, dass ein Realschullehrer, ebenso wie ein zukünftiger Gymnasiallehrer- beispielsweise an der gleichen Uni in den gleichen Kursen sitzt wie ein Grund- oder Mittelschullehrer, und dass die Mindest- bzw Regelstudienzeit des Realschullehrers - wie im GS/MS- Bereich- bei 7/ 9 Semestern liegt? Wussten Sie, dass ein Gymnasiallehrer bis zu FÜNF Unterrichtsstunden pro Woche weniger unterrichten muss, weil man damit seiner wissenschaftlichen Ausbildung entgegen kommt? Damit sollten die lediglich 2 Semester, die hier im Gym-Bereich länger studiert wurden, bei Weitem aufgewogen sein. Berechnet man diesen Unterschied des Stundendeputats auf ein Berufsleben bzw. eine Dienstzeit von 40 Jahren, hat der Gymnasiallehrer etwa 5000(!) Unterrichtsstunden weniger gehalten als ein Grundschullehrer. Ich denke, das gleicht 2(!) Semester längeren Studiums bei Weitem aus. Es ist keinesfalls zusätzlich notwendig, den Kolleginnen an GS und MS - wieder gerechnet auf 40 Dienstjahre- insgesamt 200 000 € (!!!!!) NETTO weniger zu bezahlen als den Kollegen an den Realschulen und Gymnasien! Und bitte argumentieren Sie nun nicht mit der Arbeitsbelastung der Kolleginnen und Kollegen dort. Wir alle sind uns bewusst, dass insbesondere die Kollegen in einer Fächerverbindung mit Deutsch oder Fremdsprachen viel zu korrigieren haben, vor allem in der Oberstufe. Wird man sich aber darüber klar, dass ein Grundschullehrer beispielsweise in der 4. Klasse bis zum Übertritt 22 etwa drei- bis vierseitige Proben zu korrigieren hat - neben den täglichen Korrekturen der Hefteinträge in allen Fächern, versteht sich - ist dieses Argument nicht mehr haltbar. Ganz abgesehen von den zahlreichen Aufgaben, die ein Grund- und Mittelschullehrer sonst noch übernehmen darf, und auf die ich detailliert in meinem ersten , "langen" Brief an die Abgeordneten eingegangen bin, den Sie aber scheinbar auch nicht sorfältig zu lesen bereit waren.

- Über Ihre Forderung an mich, bei Unzufriedenheit meinen Beruf aufzugeben, muss ich ehrlich gesagt eher weinen als lachen. Ist diese Empfehlung Ihre Lösung, um dem akuten Lehrermangel an Grund- und Mittelschulen Herr zu werden? Sollen nun alle Lehrkräfte, die sich aufgrund der extrem gestiegenen Anforderungen an unseren Beruf in den letzten Jahren am Rande der Belastungsgrenze fühlen und sich deshalb an die Politik wenden, den Job an den Nagel hängen? Ich könnte mir vorstellen, dass DAS - hochqualifizierte und dringend benötigte Grundschullehrer hinauszudrängen - im Sinne einer ausreichenden Unterrichtsversorgung nun so gar nicht zielführend ist.

Können Sie sich eigentlich vorstellen, wie viele ältere Kolleginnen, die plötzlich statt 16, 17, 18 Stunden 24 Stunden unterrichten müssen, darüber nachgedacht haben, nach mehr als 25 Jahren im Schuldienst aufzugeben? Angesichts des Verlustes der bereits erworbenen Pensionsansprüche natürlich absolut undenkbar. Vielmehr sollten Sie überlegen, einfach um Ihrer eigenen Berufszufriedenheit Willen, ob Sie nicht vielleicht die Branche wechseln möchten.

So weit ich weiß, gehört es zur Berufsbeschreibung eines Politikers, den Sorgen und Nöten der Bürger Gehör zu schenken, diese ernst zu nehmen und zumindest so zu tun, als zeige man Verständnis und Mitgefühl- auch, wenn man mit etwas "längeren" Anregungen und Bedenken konfrontiert wird.

"Sollten Sie mit dem von Ihnen frei gewählten Beruf und den damit verbundenen Arbeitsbedingungen nicht zufrieden sein, müssen Sie selbst die Konsequenzen ziehen und sich eine andere Tätigkeit suchen" ( Zitat aus Ihrem Schreiben).

Mit diesen Worten verbleibe ich hochachtungsvoll

Julia Petry

22. Februar 2020