"Man muss das Leben tanzen."

Mathematik

SZ vom 4. August

 

Sinus und Sinnlichkeit

"In Mathe war ich nie gut" - das ist in Deutschland kein Eingeständnis, sondern eine Art Auszeichnung. Und wem Rechnen, Geometrie oder gar "perfektoide Räume" nicht fremd sind, der hat den Ruf weltfremder Verschrobenheit. Zu Unrecht: Mathematische Knobeleien machen Spaß.
Patrick Illinger, Ressortleiter, Wissen, geboren 1965, studierte Physik in München. Nach einer Promotion über Antimaterie am Europäischen Forschungszentrum Cern bei Genf wandte er sich dem Journalismus zu. Beim Bayerischen Rundfunk absolvierte er ein Hörfunk- und Fernsehvolontariat, wo er unter anderem einen Dokumentarfilm über den Bosnien-Krieg drehte. Daraufhin arbeitete er zwei Jahre als Redakteur für Forschung und Technik beim Magazin Focus. 1997 kam Illinger zur Süddeutschen Zeitung, wo er zunächst für Computer- und Technikthemen verantwortlich war. Nachdem er von 1999 bis 2001 als Chefredakteur von sueddeutsche.de den Online-Auftritt der SZ aufgebaut hatte, übernahm er 2002 die Leitung des Ressorts Wissen der SZ.

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Peter Scholze, der erst 30 Jahre alte deutsche Mathematiker, löste diese Woche weithin Bewunderung aus. Vielfach war es aber die Bewunderung, die man einem seltsamen Wesen entgegenbringt. Einer Art Alien.
"In Mathe war ich nie gut" - dieser Spruch ist immer wieder von durchaus intelligenten Zeitgenossen zu hören. Oft ist die Aussage jedoch nicht als Eingeständnis eines Makels gemeint, sondern gar als Auszeichnung. Als Merkmal eines vermeintlich sinnlich, kulturell oder sprachlich orientierten Geistes. Man gefällt sich darin, keiner dieser Karohemden-Nerds zu sein, denen man schon in der Schule aus dem Weg gegangen ist.
Dabei ist die weit verbreitete Vorstellung klar getrennter Begabungen oder gar unterschiedlich gebauter Gehirne Unsinn. Ja, es gibt sogenannte Inselbegabungen. Kein Normalmensch wird mit noch so viel Mühe je Schach spielen wie Magnus Carlsen, musizieren wie Kamasi Washington oder sich in "perfektoiden Räumen" bewegen wie der Fields-Preisträger Peter Scholze. Aber jeder, dessen IQ ausreicht, um eine Fremdsprache zu lernen oder ein Geschichtsbuch zu lesen, kann auch Mathe. Auch Albert Einsteins Gehirn hat, als man es in Scheiben schnitt, keine besonderen Areale offenbart. Im Übrigen war er, so wie viele Physiker und Mathematiker, ein hervorragender Musiker, dem Sprachen leicht fielen.
Wer die Skepsis überwindet, kann Erstaunliches erleben
Was ist es bloß, das der Mathematik ihren befremdlichen Ruf verleiht, ihr Image des Unsinnlichen? Wer die Skepsis überwindet und sich hineinfuchst in die Welt der Kreisbögen, Polynome und Integrale, kann Erstaunliches erleben: Es macht nicht nur so viel Spaß wie ein intelligentes Brett- oder Kartenspiel oder das Erlernen eines Musikinstruments. Es spart am Ende auch viel Arbeit. Sind die Grundkonzepte einmal verstanden, bleibt viel Zeit für den Badesee, während die Mitschüler aus dem Sozialkundeseminar noch dicke Bücher wälzen.
Doch vielen Menschen kommt das Selbstvertrauen bereits in der Kindheit abhanden. Nicht selten raubt es einem der Elitismus eines schlechten Lehrers, oder ein vorlauter Angeber aus dem Elektronikkurs. Längst ist zum Beispiel nachgewiesen, dass Mädchen in Mathetests schlechter abschneiden, wenn sie annehmen, qua Geschlecht minderbegabt zu sein. Eine selbsterfüllende Prophezeiung.
Hinzu kommt das in Deutschland besonders ausgeprägte Mathematiker-Image weltfremder Verschrobenheit. In Südeuropa, von Portugal über Italien bis Griechenland, ist das Ansehen der Mint-Fächer (Mathe, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) völlig anders - ebenso wie der Anteil weiblicher Studierender. Mathematik ist eben, wie Kunst oder Französisch, reine Einstellungssache.
Der Spaß daran kann mit Knobeleien im Elternhaus beginnen und sollte natürlich in der Schule nicht enden. "Die Wurzel aus a ist diejenige nicht-negative Zahl, deren Quadrat a ergibt." So beginnt oft die Lektion zum Wurzelziehen - fachlich korrekt, aber abstrakt. Lehrer könnten auch 36 Spielsteine auf einen Tisch schütten und die Schüler bitten, die Steine als Quadrat zu arrangieren. Jene Steine, die dann eine Seite des Quadrats bilden, sind die Wurzel aus 36: sechs Stück. Gibt man den Schülern danach 49 Steine, haben sie das Konzept bereits verinnerlicht - und nicht nur eine abstrakte Definition an der Tafel.

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