GRUNDSCHULE IN GEFAHR

Plötzlich ist der Wurm drin Deutschlands Grundschulen sind in Gefahr: Es fehlen Tausende Lehrer, und die Leistungen brechen ein. Wie konnte es so weit kommen? VON MARTIN SPIEWAK Illustration: Elena Xausa für DIE ZEIT; Quelle: Ländervergleich des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

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An der Berliner Charité operieren aufgrund des Ärztemangels ab sofort auch Nichtmediziner. Die Seiteneinsteiger in den Chirurgenberuf hätten meist Biologie oder Tiermedizin studiert, erklärte die Berliner Gesundheitsbehörde. Die Operationskunst würden sie in Abendkursen nachholen.

Das Land Brandenburg hat Richter aus Polen eingestellt. Bei den Verhandlungen komme es mitunter zu Missverständnissen, berichten die Lokalzeitungen. Die neuen Richter arbeiteten jedoch eifrig an ihren Deutschkenntnissen.

In Schleswig-Holstein unterstützen neuerdings Hilfskräfte ohne Ausbildung die Polizei. Die Vertretungspolizisten sollen eigentlich nur im Innendienst eingesetzt werden. Aufgrund der Personalnot gehen sie aber auch auf Streife, die Dienstwaffe im Holster, heißt es in Polizeikreisen.

Alle drei Nachrichten sind falsch – doch eigentlich nur, was den Schauplatz betrifft. Verlegt man das Szenario von Klinik, Gericht oder Streifendienst in die Schule, setzt als Beruf Lehrer ein und passt die Details an, stimmt jede Nachricht.

Deutschlandweit fehlen Tausende Lehrkräfte. Besonders in Not sind die Grundschulen. Ob in Thüringen und Bremen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, überall gibt es auf frei werdende Stellen keine passenden Bewerber. Was in anderen Professionen undenkbar ist, wird an immer mehr Grundschulen zur Praxis: Seiteneinsteiger ohne pädagogischen Abschluss ziehen in die Schulen ein und bringen den Jüngsten Lesen, Schreiben und Rechnen bei.

Bis 2025 werden laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung 35 000 Lehrer fehlen. Angesichts von rund 600 000 Vollzeitstellen, so behaupten viele Kultusminister, sei das nicht dramatisch. Doch das ist falsch. In vielen Ländern spitzt sich die Lage dramatisch zu. Die Qualität der Grundschulen ist in ernster Gefahr.

• In Brandenburg kann die Hälfte der ausscheidenden Pädagogen nicht ordentlich ersetzt werden.

• In Sachsen sind 62 Prozent aller Lehrer, die im vergangenen Schuljahr eingestellt wurden, Seiteneinsteiger. In der Oberlausitz sind es 75 Prozent – trotz einer Provinzzulage von 300 Euro im Monat.

• An Berliner Grundschulen haben 55 Prozent der neu eingestellten Lehrer keine »volle Lehrbefähigung«.

Der Pädagogikprofessor Jörg Ramseger, der 30 Jahre lang Lehrer ausbildete und dem Beirat des Grundschulverbands angehört, sagt: »Wir beobachten eine Deprofessionalisierung, die wir bis vor Kurzem nicht für möglich gehalten haben.«

Die Personalnot erwischt die Grundschulen zum ungünstigsten Zeitpunkt. Kein anderer Lernort in Deutschland steht stärker unter Druck. Die Grundschule ist die einzige Schule für alle Kinder; ihre Lehrerinnen und Lehrer nehmen viele Entwicklungen zuerst wahr: Dass die Gesellschaft auseinanderdriftet. Dass zu den einheimischen Migranten Hunderttausende Flüchtlinge hinzukommen. Dass sich in einem Teil der Elternschaft pädagogisches Analphabetentum breitmacht. Dass Inklusion viel schwieriger ist als bisher gedacht. Die Grundschulen sind ein Frühwarnsystem für Erfolg oder Misserfolg der Schule insgesamt.

Im übernächsten Jahr wird die Grundschule hundert Jahre alt. Seit Beginn der Weimarer Republik ist sie die Pflichtschule für alle Kinder ab sechs und legt damit die Basis für den späteren Schulerfolg. Grundschullehrerinnen – 90 Prozent in diesem Job sind Frauen – sind Multitaskerinnen. Sie unterrichten nicht nur fast alle Fächer, sie legen auch die Grundlage für Weltneugier und Frustrationstoleranz. Je weniger Eltern ihre Kinder erziehen, desto öfter springen die Lehrerinnen ein: Oft sind sie Ersatzmütter, Sprachtrainerinnen und Integrationslotsinnen.

Bislang haben die Lehrkräfte diese Aufgaben gut gemeistert. Die Grundschule gilt als Klassenprimus unter den Schulformen: sich stets verändernd, bei Kindern und Eltern gleichermaßen beliebt. Während sich Eltern in den Gymnasien ihrer Kinder immer noch oft fühlen wie in ihrer eigenen Schulzeit, erkennen sie das Lernen ihrer Kindheit in den heutigen Grundschulen nicht wieder.

In der einen Ecke arbeitet ein Kind an seinem Lesetagebuch, in der anderen löst ein Klassenkamerad Rechtschreibaufgaben, während bei der Lehrerin eine Gruppe die Hausaufgaben durchgeht. Wochenpläne, Stationenlernen, Werkstattunterricht – an keiner anderen Schulform ist die didaktische Vielfalt so groß wie in den Klassen eins bis vier.

Bislang stimmten sogar die Leistungen: In den Grundschulvergleichen schnitt Deutschland stets besser ab als im Pisa-Test, der die Fähigkeiten von 15-Jährigen misst. Das Fundament des Bildungshauses, so hieß es bislang, steht fest und solide.

Doch jetzt bröckelt dieses Fundament. Vergangenen Herbst diagnostizierte das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) erstmals einen Leistungsabfall. Im Bundesschnitt können Viertklässler heute schlechter lesen, schreiben und rechnen als Gleichaltrige fünf Jahre zuvor. In einigen Bundesländern sogar deutlich schlechter. Im einstigen Bildungsmusterland Baden-Württemberg brachen die Leistungen dramatisch ein.

Dann gaben die Forscher der internationalen Iglu-Studie ein ähnliches Alarmsignal: Grundschüler aus benachteiligten Familien können immer schlechter lesen. »Wer in der Grundschule nicht richtig lesen kann, wird das bis zum Schulabschluss kaum nachholen«, warnt die Kinderbuchautorin Kirsten Boie, die seit Jahren an Grundschulen unterwegs ist, in einem Gastbeitrag (siehe S. 63).

Gleichzeitig mehren sich Berichte über Rüpeleien und Disziplinlosigkeit an den Grundschulen, Schilderungen, die man bislang nur aus Haupt- oder Gesamtschulen in sozialen Brennpunkten kannte. Eine Grundschule in Berlin-Schöneberg engagierte sogar einen privaten Wachdienst (ZEIT Nr. 11/18). »Grundschule brutal« oder »Schule der Gewalt« titelten Zeitungen. Die Lehrkräfte stoßen vielerorts an ihre Grenzen. »Lange dachte man, um die Grundschule müsse man sich nicht besonders kümmern, die läuft schon«, sagt IQB-Direktorin Petra Stanat. »Das war ein Fehler.«

Wie konnte die Grundschule in diese Not geraten? Tragen ihre pädagogischen Konzepte nicht mehr? Schwindet ihre Integrationskraft?

Zuvörderst zeigt sich an den Grundschulen, wie rasant sich die deutsche Gesellschaft wandelt:

• In ganz Deutschland haben laut IQB mittlerweile 34 Prozent der Grundschüler Migrationshintergrund, neun Prozentpunkte mehr als vor fünf Jahren.

• In Baden-Württemberg stieg der Anteil der Kinder aus Einwandererfamilien besonders stark, von 30 auf 45 Prozent. Gleichzeitig brachen die Leistungen so stark ein wie sonst nirgendwo.

• In Bremen verfehlen 35 Prozent der Schüler die Mindestanforderungen in Mathematik, 25 Prozent in Deutsch. Am Ende der vierten Klasse lesen und rechnen diese Kinder auf dem Niveau von Erst- oder Zweitklässlern. Nirgendwo sind Schülerleistungen so miserabel, nirgendwo ist die Schülerschaft so bunt. Die Migrationsquote in Bremen liegt inzwischen bei 52,5 Prozent, die Inklusionsquote bei 90 Prozent.

Angesichts dieser Befunde müsste man denken, dass die Grundschulen bildungspolitisch Priorität haben. Dass die Besten in den Grundschulen unterrichten. Dass neben Lehrern überall »multiprofessionelle Teams« im Einsatz sind, von Sozialpädagogen bis zu Trainern. Doch stattdessen hält sich die Illusion, in der Grundschule zu arbeiten sei ein Kinderspiel. So als sei, wer lesen und rechnen kann, automatisch geeignet, Kindern das Alphabet oder das Einmaleins beizubringen. Wer sich in der Bildungsrepublik umtut, stößt auf bemerkenswerte Fälle pädagogischen Abenteurertums: Referendare werden als Klassenleiterersatz angeheuert; Akademiker, die vorher noch nie vor einer Klasse standen, sollen plötzlich Migrantenschülern die Feinheiten der deutschen Schriftsprache nahebringen (siehe die Protokolle auf der folgenden Seite). In Ländern wie Schleswig-Holstein kommen seit geraumer Zeit sogar Krankenschwestern, Köche und Freizeitpädagogen ohne Studium zum Einsatz. Eigentlich sollen sie den Schulbetrieb nur unterstützen. Wenn sich die Krankheitsfälle im Kollegium aber häufen, müssen die Laienlehrer als Vertretung ran – mitunter mehrere Monate lang. Die Eltern der Schüler sind über die Notmaßnahme meist nicht informiert.

»Die Situation ist paradox«, urteilt die Bielefelder Erziehungswissenschaftlerin Susanne Miller. In der Vergangenheit sei die Ausbildung für Grundschullehrer immer anspruchsvoller geworden. Die Studierenden bleiben heute genauso lange an der Universität wie Gymnasiallehrer und sollen in dieser Zeit Deutsch, Mathe und ein drittes Fach studieren. Spezialkurse in Sprachförderung und Inklusion sind an vielen Universitäten Pflicht. »Jetzt scheint das alles plötzlich nicht mehr wichtig zu sein«, kritisiert Miller.

Denn was können die Seiteneinsteiger? Mit dem Fachwissen für die erste bis vierte Klasse haben sie selten Probleme. Schwer fällt es ihnen jedoch, daraus interessante Aufgaben zu kreieren – und zwar für verschiedene Leistungsniveaus. Während sich der eine Erstklässler noch mit 7 + 5 abmüht, knobelt der andere bereits daran, ob 127 + 76 mehr ist als 240 – 37.

Noch anspruchsvoller ist das Umgehen mit Misserfolgen. »Auf die Frage, warum ein Schüler am Ende der zweiten Klasse noch keinen zusammenhängenden Satz lesen kann, gibt es ein halbes Dutzend möglicher Antworten«, sagt Jörg Ramseger vom Grundschulverband. Vielleicht spricht das Kind zu Hause kein Deutsch, vielleicht kann es keine Silben unterscheiden, vielleicht kann es sich nicht konzentrieren. »Von alledem haben die meisten Quereinsteiger noch niemals etwas gehört«, sagt Ramseger.

Solange lernwillige Kinder vor der Tafel sitzen, kommen die Neulinge einigermaßen klar. Sobald Probleme auftauchen, geraten sie ins Schwimmen. Die Schüler werden unruhig, die Lehrkraft weiß nicht, wie sie reagieren soll. »Einige Seiteneinsteiger greifen dann auf Sanktionen zurück, die eher an schwarze Pädagogik erinnern«, sagt ein Berliner Schulrat. »Die Lehrer fangen an zu schreien, Kinder werden beschämt, vor die Tür gestellt.«

Der Schulrat, der aus Furcht vor Sanktionen namentlich nicht genannt werden will, macht folgende Rechnung auf: Zehn bis zwanzig Prozent der Seiteneinsteiger fügen sich als Naturtalente problemlos in den Schulbetrieb ein. Sechzig Prozent der Neulinge bräuchten Coaching und Fortbildungen, wofür im Schulbetrieb kaum Zeit sei. Der Rest erweise sich als »völlig ungeeignet«. Noch nie habe er so viele Beschwerden von Eltern und Schulleitern auf dem Tisch gehabt wie in den vergangenen zwölf Monaten, berichtet der Schulrat. Die Abmahnungen häufen sich.

Dabei haben sich die Kultusminister die Lehrerlücke selbst eingebrockt. Weil die Schülerzahlen zurückgingen, haben die Bundesländer die Lehrerausbildung zurückgefahren. Die Plätze wurden rar, in Münster, Berlin oder München brauchte man im Abitur eine Eins vor dem Komma, um Grundschullehramt zu studieren. Besonders drastisch sparte man in Ostdeutschland, wo sich die Geburtenrate nach dem Mauerfall halbiert hatte. Nun gehen viele Tausend Lehrer in den Ruhestand. »Wir haben das Ministerium seit Jahren auf die drohende Pensionierungswelle hingewiesen«, sagt Axel Gehrmann vom Zentrum für Lehrerbildung an der TU Dresden. »Doch die Politik hat uns ignoriert.«

Auch die Universitäten hatten – Stichwort Exzellenzinitiative – andere Prioritäten. An der FU Berlin gab es früher zwölf Professuren in der Grundschulausbildung. Zuletzt waren es drei.

Verschärft wurde die Situation durch den Schülerzuwachs. Im Vergleich zu 2011 kamen zuletzt fast hunderttausend Babys mehr zur Welt. Dass diese Kinder nach sechs Jahren vor einem Schultor stehen, so weit reichte der Erkenntnishorizont der Politik nicht. »Ist der Staat zu doof zum Rechnen?«, fragte kürzlich die Bild-Zeitung. Die Antwort muss lauten: Ja. Statt sich auf den Schüleranstieg vorzubereiten, freuten sich die Kultusbehörden über eine »demografische Dividende« durch die sinkenden Schülerzahlen und hielten an einer Rechnung aus dem Jahr 2013 fest. Erst vor vier Wochen korrigierte die Kultusministerkonferenz ihre Schülerprognose.

»Es ist haarsträubend, wie die Politik die Wirklichkeit verdrängt hat«, sagt der Bildungswissenschaftler Klaus Klemm, der eine Analyse zum Lehrerbedarf für die Bertelsmann-Stiftung erstellt hat. Für seine eigene Studie bediente sich Klemm unter anderem bei der Firma Milupa. Um die Nachfrage nach Babybrei vorherzusagen, befragt das Unternehmen regelmäßig die großen Geburtskliniken des Landes. »Die Zahlen liegen immer sehr nah an der späteren offiziellen Statistik«, sagt Klemm. Es ist schon seltsam: Ein Babybreihersteller hat mehr Wissen über zukünftige Schülerströme als die Politik.

Nun sind die Kultusminister endlich aufgewacht. In Sachsen, Berlin und Schleswig-Holstein setzen sie die Gehälter für die Grundschullehrer hoch. Sie sollen in Zukunft so viel verdienen wie ihre Kollegen im Gymnasium und können schnell auf 5000 Euro brutto im Monat kommen. Das Grundgehalt eines Nachwuchsprofessors liegt nicht viel höher. Andere Länder wie Thüringen versprechen Jobsicherheit, indem sie ihre Lehrer wieder verbeamten.

Ein bisschen erinnert die Hilflosigkeit der Minister an die sechziger Jahre. Damals rief der nordrhein-westfälische Bildungsminister Paul Mikat (CDU) arbeitslose Ingenieure sowie Hausfrauen, die »von den Aufgaben in der Familie nicht mehr voll in Anspruch genommen werden«, in die Schulen. Immerhin mussten die »Mikätzchen« oder »Mikater«, wie man sie nannte, eine Kurzausbildung absolvieren, bevor sie vor die Klasse traten. In Berlin dagegen müssen die Seiteneinsteiger bislang nicht einmal das vorweisen. In Sachsen lernen die Seiteneinsteiger in einem dreimonatigen Crashkurs, wie man eine Klasse führt oder wie man Noten vergibt. Die eigentliche Ausbildung erfolgt später – neben dem Unterricht.

Die Professorin Susanne Miller warnt gemeinsam mit anderen Grundschulforschern vor den »unabsehbaren Folgen für den zukünftigen Bildungserfolg der Kinder«. Zumindest das erste Schuljahr, verlangen die Schulforscher in einem Papier der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, solle für die Quereinsteiger »tabu bleiben«.

Doch in vielen Städten Deutschlands sind solche Forderungen schon hinfällig. In Duisburg, wo die Migrationsquote an manchen Schulen 80 Prozent beträgt, waren im vergangenen Halbjahr 62 Stellen frei. Ganze sieben Seiteneinsteiger trauten sich hier einen Job zu. Bewerbungen von regulär ausgebildeten Lehrern gab es – keine einzige.

# Bildungs- Verlierer

22,1 %

der Viertklässler können nicht richtig schreiben. Sie erfüllen nicht die Mindeststandards und machen in jedem Satz Fehler. In Bremen tun dies laut sogenanntem IQB-Ländervergleich 40,2 Prozent, in Bayern 12,5 Prozent.

10,8 %

der Viertklässler verfehlen den Mindeststandard im »Kompetenz- bereich Zuhören« im Fach Deutsch, den die Forscher untersucht haben – in Bremen sind es 20,8 Prozent, in Bayern dagegen 6,5 Prozent.

15 % der Grundschüler können am Ende der vierten Klasse kaum rechnen. Sie können einfachste Aufgaben nicht lösen

Weniger…

Lesen

Wer liest, verbessert die Welt.

Menschen, die gerne und viel lesen, haben eine ausgeprägtere Sozialkompetenz. Eine Studie der NEA (National Endowment for the Arts) hat ergeben, dass sie dreimal häufiger für gute Zwecke spenden oder gemeinnützige Arbeit leisten als Menschen, die nicht lesen.

Wer liest, erweitert sein Vokabular und schreibt damit bessere Texte.

Das Lesenlernen hat noch immer keine Priorität.

Grundschüler sollen Programmieren lernen, so wünscht sich das Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitalisierung – weil es »so wichtig (ist) wie Lesen und Schreiben«? Ich bin bisher ganz gut durchs Leben gekommen, ohne programmieren zu können, und viele andere offensichtlich auch. Ginge es uns ähnlich, wenn wir nicht lesen und schreiben könnten?

Original aus der ZEIT: LINK

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Der Börsenverein für den deutschen Buchhandel hat herausgefunden, dass der deutsche Publikumsmarkt zwischen 2012 und 2016 sechs Millionen Käufer verloren hat. Im selben Zeitraum fiel die Zahl der Menschen, die einmal pro Woche ein Buch in die Hand nehmen, laut Allensbach-Studie um sieben Prozent, und das betraf vor allem die jüngeren Leser. Das Zeitbudget ist knapper geworden, die Fülle der Medienangebote konkurriert mit immer weniger Freizeit. Schon 25 Prozent der Acht- bis Neunjährigen haben heute ein Smartphone. Bei den Älteren, den 12- bis 19-Jährigen, sind es weit über 90 Prozent. Das Buch – ganz gleich, ob gedruckt oder als E-Book – hat es so schwer wie nie zuvor. Vor allem das Lesen von narrativen Texten geht zurück.
Warum weinen?, könnten wir jetzt sagen. Orale Formen der Literatur sind ausgestorben, als sie durch das neue Medium Buch ersetzt wurden, und jetzt stirbt eben das Buch: Kulturellen Wandel wird es immer geben. Und gelesen wird ja nach wie vor: Tweets und Wikipedia, WhatsApp-Nachrichten und Instagram.

Was verlieren wir denn, wenn niemand mehr Bücher liest?
Eine ganze Menge. Wer Geschichten liest, schult seine Fähigkeit und Bereitschaft, komplexe Zusammenhänge zu verstehen; populistische Vereinfachungen haben es darum bei Lesern schwerer. Zudem organisieren wir Menschen unser Denken narrativ. Unsere Erinnerungen sind als Geschichten in unserem Gedächtnis gespeichert. Wir konstruieren sie aus unseren Erlebnissen und geben ihnen damit einen Sinn. Sie erlauben uns, Vergangenes so zu erzählen, dass wir damit leben können. Und im Licht späterer Erfahrungen werden unsere Geschichten immer wieder korrigiert: Der erste Liebeskummer wird von der Tragödie, die ein Weiterleben sinnlos erscheinen lässt, wenige Jahre später zur Komödie.
Wir alle sind ständig dabei, uns unser Leben als Geschichte mit uns selbst als Hauptperson zu erzählen, Leser wie Nichtleser. Aber die Leser haben einen Vorteil: Bücher sind nicht nur Folien dafür, wie wir unser Leben nachträglich interpretieren, sie geben auch Hilfestellung bei Entscheidungen für die Zukunft. Je mehr Geschichten ich kenne, desto mehr Verhaltens- und Lösungsmöglichkeiten, aber auch Risiken habe ich kennengelernt.
Leisten Filme so etwas nicht?
Nur zum Teil. Denn jeder Film zeigt mir die handelnden Personen nur von außen. Was sie denken und fühlen, muss ich als Zuschauer aus ihren Handlungen, aus Mimik und Gestik erschließen. In einem Roman dagegen tauche ich seitenweise ein in die Gedanken und Gefühle einer Person, und von Buch zu Buch lerne ich die Innenwelt einer ständig wachsenden Zahl von Menschen kennen. Wer sich in den Gedanken und Gefühlen so unterschiedlicher Menschen wie gestresster Börsenmakler, südamerikanischer Kaffeepflücker und brutaler Mörder tummelt, kann das Verhalten anderer besser verstehen. All das steckt hinter der Aussage, Lesen erhöhe die Empathiefähigkeit.
Weil sich der Leser bei der Lektüre ständig mit seinen eigenen Erfahrungen, auch Gefühlen auseinandersetzen muss, kann jede Lektüre die Wirkung einer kleinen Psychotherapie entfalten.
Diese Art des Lesens aber, das sogenannte deep reading, setzt eine ausgeprägte Lesefertigkeit voraus. Denn damit dieser Prozess bei der Lektüre tatsächlich ablaufen kann, darf der technische Lesevorgang keine Schwierigkeiten mehr bereiten. Erst wenn meine Konzentration nicht mehr auf die reine Entschlüsselung eines Textes gerichtet sein muss, habe ich die Möglichkeit, bei jedem Wort und jedem Satz mit meinem eigenen Erinnerungs- und Gefühlsmaterial einzusteigen. Genau diesen Punkt aber erreichen immer weniger Menschen.
Aus den angelsächsischen Ländern kennen wir Programme, mit denen Schulen das deep reading fördern wollen. Verpflichtende Lektüren für die Ferienzeit; Leserallyes, bei denen die Kinder eine bestimmte Mindestzahl von Büchern lesen müssen und mit anderen Klassen in Wettbewerb treten; die Verpflichtung, auch in Fächern wie Geografie, Biologie, Ethik oder Geschichte zu jeder Unterrichtseinheit ein frei gewähltes Buch zu lesen und zu erklären, was es mit dem Thema zu tun hat. Ginge das bei uns auch? »Das wäre dann ja Zwang!«, höre ich Eltern schon rufen. »Lesen soll doch Spaß machen!« Aber wenn die Kinder sonst vielleicht gar nicht lesen? Sollten wir ihnen nicht zumindest die Chance geben, bei einem Buch plötzlich zu hoffen, dass es bitte, bitte nicht so schnell zu Ende sein möge?
Jede komplexe Tätigkeit erfordert Übung, da ist Lesen nicht anders als Skifahren, Tennis oder Fußballspielen. Diese Übung sollte die Schule allen Kindern anbieten. Großbritannien übrigens hat in den letzten Jahren so viel in Leseförderung und Leseclubs investiert, dass es im internationalen Iglu-Ranking weit vor Deutschland liegt. Die britischen Jungen haben aufgeholt und können nun fast so gut lesen wie die Mädchen; Kinder aus Migrantenfamilien lesen so gut wie Einheimische.
In Deutschland hat die Bundesregierung im Jahr 2015 die Dekade der Alphabetisierung ausgerufen: 180 Millionen will sie investieren, um einigen der derzeit 7,5 Millionen erwachsenen Analphabeten im Land doch noch das Lesen beizubringen. Das ist zu begrüßen. Noch mehr zu begrüßen wäre es aber, wenn in Zukunft solche Programme überflüssig würden.
Und wenn Politiker jetzt protestieren und aufzählen, was sie schon alles für das Lesen getan haben? Dann tun sie das. Aber offensichtlich reicht es nicht aus! Denn sonst müssten wir davon ausgehen, dass fast ein Fünftel unserer Kinder schlicht zu dumm ist, um lesen zu lernen. Ich bin gespannt, wer es wagt, so zu argumentieren.
# Lesen, nur lesen!
Kirsten Boie hat 100 Bücher geschrieben, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Die 67-Jährige engagiert sich seit vielen Jahren für Leseförderung.

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