"Man muss das Leben tanzen."

Das Ende der Tinte

Wer hat im vergangenen Jahr auch nur einen handgeschriebenen Brief erhalten? Vermutlich kaum jemand. Das Schreiben mit Stift aufPapier ist eine sterbende Kulturtechnik. Das könnte unsere motorischen und kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigen
von Katrin Blawat, Süddeutsche vom 10. März

Das Englische hat seine Tücken, erst recht an diesem grauen Mittwochmorgen. Bestimmter und unbestimmterArtikel, welche Regeln gelten dafür? Alexander Betz hat viele erhobene Arme vor sich, die 13 Jungen und Mädchen seiner achten Klasse machen gut mit. Konzentriert blicken sie auf die Übungssätze, die ein Beamer an die Wandwirft. Davor steht Betz an seinem Laptop und hantiert mit der Fernbedienung. Er unterrichtet in einem ungewöhnlichen Klassenzimmer in einer ungewöhnlichen Schule: Beamer-Projektionen statt Wandtafel, Teppich statt Linoleum auf dem Boden, etwas abseits steht ein Whiteboard. Auf dem steht unter anderem die Frage: „Wie kann man die Situation der Proletarier verbessern?“

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Der Satz springt ins Auge in Schloss Neubeuern, einem Internat nahe Rosenheim, wo die Eltern 3175Euro Gebühren im Monat bezahlen. Und wo Digitalisierung die Antwort sein soll auf viele Fragen, diedas Lernen und das Leben überhaupt betreffen. Das betrifft auch eine Kulturtechnik, die bisher zur Schule gehört wie Hausaufgaben und Pausengong: das Schreiben von Hand mit Stift auf Papier. In Neubeuern haben sie den Willen und das nötige Geld, um mit diesem Relikt der analogen Ära abzuschließen. Lehrer Betz führt die Achtklässler gerade an die sogenannte digitale Tinte heran. Wer einenSatz mit dem korrektenArtikel ergänzt hat, geht vor zum Laptop des Lehrers und schreibt die Lösung mit einem digitalen Stift auf. Er ähnelt dem, mit dem man beim Paketboten unterschreibt. Manche Schüler malen die Buchstaben noch recht unbeholfen auf die ungewohnte Schreiboberfläche, doch Betz und seine Kollegen wissen, wie schnell sich die Jugendlichenumgewöhnenwerden.
Mit der digitalen Tinte – in Neubeuern benutzen sie nur den englischen Ausdruck „inking“ – will die Schule die Vorteile des Handschreibens mit denen der digitalen Welt verbinden. Von der neunten Klassean können sich die Schüler dafür entscheiden, ganz auf Papier zu verzichten und nur noch mit dem digitalen Stift zu schreiben. Längere Texte tippen sie auch, doch „mit der Tastatur allein lässt sich Schule nicht abbilden“, wie Jörg Müller sagt, der Stiftungsvorstand des Internats. Auch deshalb nicht, weil das bayerische Kultusministerium getippte Abiturklausuren verbietet, da die Schüler durch die schnellere Schreibgeschwindigkeit einen Vorteil gegenüber anderen Prüflingen hätten. „Ohne Inking wird es kein digitales Konzept geben“,sagt Müller. Zudem habe man sich bewusst dafür entschieden, die „papierlose Schule“erst von der neunten Klasse an einzuführen: „Für Fünftklässler wäre uns das zu scheuklappig ausgerichtet.“ Was sich an diesem Vormittag in der Englischstunde abspielt, zeigt womöglich eine Zukunft, die uns allen bevorsteht. So wie die Mädchen und Jungen der achten Klasse in Schloss Neubeuern befindet sich die ganze Gesellschaft im Übergang von Tintenfüller, Textmarker und Tipp-Ex (ja, das gibt es noch) zu Tippen und digitaler Tinte. Wie eine vom Aussterben bedrohte Tierart, die nur noch in abgeschiedenen Ecken ihres einst ausgedehnten Lebensraums überlebt, so behauptet sich auch das Handgeschriebene nur noch in wenigen Winkeln des Alltags. Der Einkaufszettel, ein gekritzeltes Post-it am Computerbildschirm und vielleicht noch die Urlaubspostkarte an ältere Familienmitglieder erinnern an die Zeit, in der jeder immerzu Stift und Zettel parat hatte. Oder in Kursen zum Handlettering, der modernisierten VariantederKalligrafie.Dochauchdasist ein Symptom: Die Handschrift wird zum Hobby – oder zu einer „Marketing-Entscheidung“, wie Müller sagt. Er schickt ehemaligen Schülern, viele von ihnen inzwischen im Rentenalter, handgeschriebene Geburtstagskarten: „Weil sie das sehr schätzen.“ Privat hingegen schreibe er keine drei Sätze im Jahr von Hand. Damit ist er nicht allein. Bereits im Jahr 2012 gab in einer Umfrage unter 2000 Briten jeder Dritte an, im vergangenen halben Jahr nichts mit der Hand geschrieben zu haben. Wer doch hin und wieder zum Stift gegriffen hatte, wollte meist nur etwas notieren. Oder den Großeltern entgegenkommen, die sich mit E-Mails nicht anfreunden können. Es liegt nahe, dem Handschreiben den Untergang zu prophezeien. Weniger klar ist jedoch, was dieser Verlust bedeutet. Leidet nicht zumindest die persönliche Note im Umgang, wenn kaum noch jemand mit Stift auf Papier schreibt? „Wir Menschen sind mehr als Funktion. Das Schreiben von Hand hat eine Wertigkeit, die ich nicht missen möchte“, sagt etwa Christian Marquardt vom Schreibmotorik-Institut in Heroldsberg bei Nürnberg.
Doch ob jemand ausladende oder zierliche Buchstaben aufs Papier setzt, ob er jede Möglichkeit für einen Schnörkel nutzt oder Druckbuchstaben nebeneinander reiht – solche Vorlieben gehören nicht mehr zu dem, was einen Menschen ausmacht. Als Philip Hensher, Autor des Buches „The Missing Ink“, bemerkte, dass er die Handschrift seines besten Freundes nichterkennenwürde,fanderdaranvorallembemerkenswert,dassihm dieser Umstand nie zuvor aufgefallen war. Und wenn schon, meinen andere Experten. Der Freund, der früher für seine unleserliche Handschrift bekannt war, fällt jetzt vielleicht durch einen kreativen Einsatz von Emojis auf. Die Zeiten ändern sich,dieTechnikauch –warum der Handschrift hinterherweinen? Ließe sich nicht getrost verzichten auf unleserliches Gekrakel, auf Tintenflecken und auf schmerzende Finger, die sich in Klausuren stundenlang um einen Stift krampfen? Warum es sich schwermachen, wenn es doch Tastaturen gibt? „Was soll’s?“, fragt auch Anne Trubek, Autorin des Buches „The History and Uncertain Future of Handwriting“. Sie sieht im Niedergang der Handschrift zwar einenVerlust–jedoch einen, der sich verschmerzen lasse. Die Debatte sei vorallem kulturell und ideologisch motiviert: Die Alten kommen nicht damit klar, dass sich
Zeit und Technik ändern. Dabei habe die Menschheit schon ganz andere technologische Umwälzungen überstanden .„Man bedenke nur, wie selten die Leute heutzutage noch Wörter in Steine ritzen oder Federn in Tintenfässer tauchen. Schon immer hätten die Menschen schnellere Schreibtechniken angestrebt. „Warum also einen Schritt zurück gehen?“, fragtTrubek.
Und vielleicht gäbe es nach der Umstellung auf die Tastatur auch weniger Opfer des sogenannten Handschriften-Effekts. Demnach schließen Lehrer aus einer schludrigen Handschrift auch auf inhaltliche Mängel des Textes. Wie der Erziehungswissenschaftler Steve Graham von der Arizona State University in Florida gezeigt hat, bewerten Lehrer den selben Aufsatz unterschiedlich – je nachdem, ob sie ihn in sauberer oder hingeschmierter Schrift zu lesen bekommen. Ein wichtiges Argument, wenn man bedenkt, dass sich nach einer Umfrage des SchreibmotorikInstituts jedes dritte Mädchen und jeder zweite Junge in Deutschland schwertut mitdem Handschreiben.
Die Debatte über das Für und Wider der Handschrift ist nicht wirklich neu. Schon im Jahr1965 beklagte der Schreiblehrer E. A. Enstrom aus Pennsylvania den „Niedergang der Handschrift“ in The Elementary School Journal. Er kritisierte die „Laissezfaire-Haltung“, die viele Schulen in den USA von den1930er-Jahren an gegen über der Handschrift zeigten, und warnte vor einem daraus folgenden „Bündel an Schwierigkeiten“. Selbst über die Art der Schreibschrift wurde und wird bis heute heftig gestritten. In den USA galt die sogenannte Palmer-Methode mit ihrer effizient anmutenden Schrift als passender für die Industrialisierung als die bis dahin verbreitete geschwungene Spencer-Schrift. Nebenbei sollten Schüler mittels der nüchternen Schrift gläubigere Christen, patriotischere Amerikaner und generell bessere Menschen werden. In Deutschland hingegen waren Schnörkel vor allem in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts hoch angesehen. Also lernten Kinder die sogenannte Lateinische Ausgangsschrift – bis diese sich als motorisch zu kompliziert herausstellte. Von den 1970er-Jahren an standen daher zwei Optionen auf dem Stundenplan: in der DDR die „Schulausgangsschrift“, im Westen die „Vereinfachte Ausgangsschrift“. Nach der
Jahrtausendwende kam eine vierte Variante auf, die Grundschrift. Bei ihr sind nur wenige Buchstaben miteinander verbunden. Ihren Befürwortern gilt sie als leicht erlernbar und ergonomischer. Daher hat sich unter anderem der Deutsche Grundschulverband im Rahmen seiner Kampagne „Schluss mit dem Schriften-Wirrwarr!“ für die Grundschrift ausgesprochen. Kritiker bemängeln das nüchterne Schriftbild, das wenig Raum für persönliche Entfaltung lasse. Herauskam ein großes Durcheinander: Jedes Bundesland entscheidet für sich, wie Kinder schreiben lernen.
Doch neben solchen, manchmal eher ästhetischen Diskussionen, befürchten einige Experten, dass mit dem Ende der Schreibschrift tatsächlich auch wichtige Fertigkeiten verloren gehen könnten. So fördert das Schreiben per Hand unumstritten die feinmotorischen Fähigkeiten. Um einen Stift zu führen, müssen viele Körperregionen zusammenspielen. Die End- und Mittelgelenke der Fingerbeugen und strecken sich, das Handgelenk ermöglicht eine leichte Drehung, auch Arm und Schultergürtel sind beteiligt. Sogar die Aufrichtung imRumpf und der Muskeltonus im Oberkörper müssen stimmen. Um flüssig schreiben zu können, spielt außerdem der passende Stift eine wichtige Rolle. Für Anfänger eignen sich dicke Stifte. Füller überfordern anfangs viele Kinder, weil man sie nur sehr leicht aufsetzen darf. Kugelschreiber bereiten das gegenteilige Problem, sie verlangen einen starken Druck. Handschreiben ist also Präzisionsarbeit, die sich wahrscheinlich sogar auf den Geist auswirkt. Jean-Luc Velay und Marieke Longcamp von der Aix-Marseille Université zufolge gilt das bereits für das Erlernen des Alphabets. In einer Studie der beiden Forscher fiel es Kindern leichter, die Buchstaben d und p sowie b und q auseinander zu halten, wenn sie Buchstaben-Abfolgen mit der Hand schrieben statt sie zu tippen. Dies sei ein Beleg dafür, dass von Hand Geschriebenes „plurimodal gespeichert“ werde: Das Gehirn verbindet die Bewegungen der Hand und das Gefühl, wie der Stift übers Papier gleitet mit den erlernten Buchstaben. Damit sind diese mi tphysischen Erfahrungen verknüpft – eine Art körperliche Eselsbrücke. „Die physischen Bewegungen, die mit dem Handschreiben einhergehen, sind Teil des Denkprozesses“, argumentieren auch die britischen Erziehungswissenschaftler Jane Medwell und Davis Wrayin einer Übersichtsarbeit aus dem vergangenen Jahr. Und wie Karin James und Laura Engelhardt in den Trends of Neuroscience and Education berichten, aktivierte das Handschreiben Bereiche in den Gehirnen ihrer jungen Probanden, die beim Tippen von Buchstaben unbeteiligt blieben.
Womöglich leidet sogar der schulische Erfolg insgesamt, wenn das Training der Hand eingestellt wird. Das vermuten Laura Dinehart von der Florida International University und Louis Manfra von der University of Missouri, die feinmotorische Fähigkeiten und Schullaufbahnen von mehr als 3000 Kindern untersuch thaben. Demnach deutet eine saubere Handschrift in jungen Jahren auf spätere schulische Erfolge. Auch für andere fein motorische Aktivitäten wie Zeichnen, exaktes Ausschneiden und das Spielen mit Bauklötzchen fand sich dieser Zusammenhang. Doch nirgendwo war er so stark ausgeprägt wie bei der Handschrift. Wer Probleme mit dem Stift hatte, tat sich auch schwerer, längere Texte zu formulieren und Gedanken klar zu artikulieren. Schön formulierte es die Jugendbuch-Autorin Cornelia Funke: „Eine fließende Handschrift bringt die Gedanken zum Fliegen.“ Darüber hinaus fördert sie deren Struktur, wie eine Studie der Psychologen Pam Mueller und Daniel Oppenheimer ergeben hat.  hat. Studenten der Princeton University sahen ein Video mit einer halbstündigen Vorlesung. Eine Gruppe sollte sich dabei von Hand Notizen machen, eine andere mit der Tastatur. Die reinen Fakten konnten beide Gruppen hinterher gleichermaßen wiedergeben. Doch wer einen Stift benutzt hatte, dem fiel es leichter, komplexe Zusammenhänge aus der Vorlesung zu erklären. Vermutlich lag das an der Arbeit ,die diese Probanden schon vor der Niederschrift geleistet hatten: Da sich mit der Hand nicht jedes Wort mitschreiben lässt, ist man gezwungen, das Wichtigste auszuwählen. Man muss den Stoff zumindest grob durchdrungen haben. Wer hingegen in Sprechgeschwindigkeit tippt, kann mitschreiben ohne mitzudenken. „Beruflich muss ich vieltippen“, sagtder Psychologe Marquardt vom Schreibmotorik-Institut. Doch wenn er Ideen sammeln oder sich in ein Thema einarbeiten will, setzt er auf handschriftliche Skizzen. „Es ist verblüffend, wie das funktioniert. Die Ideen kommen mit der Handbewegung beim Schreiben. Es strukturiert die Gedanken.“ Das sagt auch die Schülerin Carolin, die in Schloss Neubeuern lernt: „Wenn ich mich auf Klausuren vorbereite, schreibe ich alles mit dem Stift auf Zettel. Dann kann ich es mir besser merken.“ In den Prüfungen selbst verzichtet sie ebenfalls auf die digitale Variante – wie etwa die Hälfte der Schüler. „Was auf Papier steht, bleibt ewig“, sagt die Elftklässlerin. Tradition oder Technik – immer wieder geht es um diese beiden Pole. Doch vielleicht ist diese Polarisierung auch überholt. „Die Frage ist, wie sich die Handschrift in ein digitales Umfeld einfügen wird“, sagt Marquardt. „Da fehlt uns heute vielleicht noch die Fantasie.“ Jörg Müller aus Neubeuern hält zum Beispiel auch Spracherkennungs-Systeme für eine mögliche Alltagslösung. Dann wäre jegliches Schreiben überflüssig. Welche Technik sich schließlich durchsetzen wird, weiß auch Schülerin Carolin nicht. Doch für sie steht eine Tatsache fest: „Der Mensch wählt immer den einfachsten Weg.“

Weniger…
Die deutsche Sütterlinschrift wurde ab 1915 in Preußen eingeführt, in den 20er Jahren auch in den anderen deutschen Ländern. Der Grafiker Ludwig Sütterlin hatte sie entwickelt, um Schulkindern das Schreibenlernen zu erleichtern. Üblich war damals die Gleichzugfeder, deren kugelige Spitze Rundzüge bei gleichbleibender Strichstärke erlaubte.
Am 1. September 1941 verboten die Nazis die Sütterlinschrift, ab dem Schuljahr 1941/42 sollte nur noch die neue Deutsche Normalschrift (rechts oben) in den Schulen unterrichtet werden. Kurz zuvor waren auch bei gedruckten Schriften alle sogenannten gebrochenen Formen untersagt worden, bei denen es abrupte Richtungswechsel in den Bögen der Buchstaben gibt, so wie bei der Fraktur.
Schreibdidaktiker entwickelten nach dem Krieg aus der Deutschen Normalschrift die Lateinische Ausgangsschrift (rechts), die den lebendigen, rhythmischen Charakter des Schreibens betonen sollte. Sie wurde am 4. November 1953 von der Kultusministerkonferenz in den meisten Bundesländern verbindlich eingeführt, nur Bayern folgte erst 1966.
Die offizielle sogenannte Schreibschriftvorlage der DDR von 1958 (rechts) war von der westdeutschen Lateinischen Ausgangsschrift kaum zu unterscheiden. Schreibdidaktiker und Grafiker des Landes kritisierten aber schon bald gestalterische Mängel, außerdem seien die Großbuchstaben unzweckmäßig mit Schwüngen und Schleifen ausgestattet und deshalb schwer von den Schülern zu erlernen.

AKTUELLES LEXIKON

SZ 13.4.2019, Seite 4, Handschrift

Laut Brockhaus ist die Handschrift das „Resultat der durch Gehirnimpulse gesteuerten Schreibbewegung“. Dieses trage schon bei Schülern, die Schreiben lernen, individuelle Züge, was die Handschrift zu einem „Phänomen des Persönlichkeitsausdrucks“ erhebt. Aufgabe der Lehrer war es stets, die Persönlichkeit der Schüler so weit zu bändigen, dass ihre Handschrift zumindest leserlich wurde. Im Fach „Schönschrift“ malte man je nach Bundesland die Buchstaben der Lateinischen, der Vereinfachten oder einer anderen Ausgangsschrift nach. Seit 2011, „Schönschrift“ war da schon abgeschafft, erproben einige Länder das Konzept der „Grundschrift“, die sich Schüler quasi freihändig aneignen. Ob es Vorbilder im Schriftbild noch braucht, ist streitbar geworden, seit Laptop und Whiteboard in die Klassenzimmer einzogen; auch Erwachsene schreiben kaum noch mit der Hand. Selbst Liebesbriefe kommen heute per E-Mail. Angesichts der Marginalisierung des analogen Schreibens wundert es nicht, dass bayerische Lehrer nun beklagen, dass die Handschrift ihrer Schüler sich deutlich verschlechtert habe und hier eine „Basiskompetenz“ verloren gehe. Indes: Womöglich verliert sich die Handschrift gar nicht, man erlernt sie heute nur später. Die Hobbykurse für „Handlettering“ besuchen hauptsächlich Erwachsene. KJAN

Ungeübte Hand

SZ 14.4.2019, Seite 5, Schreiben fällt Kindern schwer

Probleme? Anne Deimel spricht lieber von Herausforderungen, aber davon gibt es beim Thema Handschreiben aus ihrer Sicht eine ganze Menge. Damit meint die 52-Jährige, die seit 15 Jahren eine Grundschule in Arnsberg, Nordrhein-Westfalen, leitet, nicht das schöne oder richtige Schreiben, sondern das Schreiben an sich: Wie halte ich den Stift, wie fest muss ich aufdrücken, wie schreibe ich fließend und unverkrampft, sodass noch Konzentration für den Inhalt übrig bleibt? „Wir merken, dass es immer mehr Kinder gibt, denen es sehr schwerfällt“, sagt Deimel.
Schüler können immer schlechter mit der Hand schreiben – dieser Meinung ist nicht nur Deimel, dieser Meinung ist einer Umfrage zufolge auch die überwältigende Mehrheit der Lehrer in Deutschland. Die Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE) hat mehr als 2000 Lehrer befragen lassen und die Ergebnisse am Dienstag in Berlin vorgestellt. 86 Prozent der Lehrer gaben an, die Handschrift der Schüler habe sich verschlechtert. Jedes dritte Mädchen hat ihrer Einschätzung nach Schwierigkeiten mit der Handschrift – und sogar jeder zweite Junge.
Als Gründe sehen die Lehrer vor allem fehlende Routine und die Digitalisierung. Schulleiterin Anne Deimel, die auch stellvertretende Landesvorsitzende des VBE in Nordrhein-Westfalen ist, sagt, dass sich die Bedingungen besonders an den Grundschulen in den letzten Jahren stark verändert hätten. Die familiären Hintergründe der Kinder werden immer unterschiedlicher, während die Zeit, sich um ihre Bedürfnisse zu kümmern, immer weniger wird. Es brauche mehr Personal an den Schulen.
Deimel betont aber auch, dass die Schule Entwicklungen auffangen müsse, die sie kaum beeinflussen könne. So sei es für viele Kinder heute schon vor der Grundschule normal, „zu wischen und zu tippen“. Körperliche Bewegung falle vielfach weg: Kneten, Spielen, Fußball. „In vielen Familien fehlt heute die Zeit, Dinge zu machen, für die die Hände gebraucht werden“, sagt Deimel. Sie sieht deshalb nicht nur die Schulen, sondern auch die Eltern in der Pflicht – und sei es, indem sie beim Kauf des ersten Füllers genau hinschauen, was ihre Kinder brauchen.Paul Munzinger