"Man muss das Leben tanzen."

Die „Fibel“ führt zu besserer Rechtschreibung

Studie der Uni Bonn: Psychologen verglichen die Leistungen von über 3.000 Grundschulkindern in NRW

Universität Bonn, 10. September 2018

Mehr…

Der „Fibelunterricht“ führt bei Grundschülern zu deutlich besseren Rechtschreibleistungen als mit den Methoden „Lesen durch Schreiben“ oder „Rechtschreibwerkstatt“. Das haben Psychologen um Prof. Dr. Una Röhr-Sendlmeier von der Universität Bonn in einer groß angelegten Studie herausgefunden. Der „systematische Fibelansatz“ führt schrittweise und unter Anleitung einzelne Buchstaben und Wörter ein. Die Ergebnisse werden am 17. September auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Frankfurt am Main vorgetragen. Seit etlichen Jahren machen sich viele Eltern Sorgen, weil ihre Kinder auch im dritten und vierten Schuljahr kaum die Regeln der Rechtschreibung beherrschen. „Sie fragen, ob dies auch mit der eingesetzten freien Lehrmethode zusammenhängen könnte, nach der die Kinder nur nach ihrem Gehöreindruck schreiben sollen“, berichtet Prof. Dr. Una Röhr-Sendlmeier von der Abteilung Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie der Universität Bonn. Zusammen mit Mitarbeiter Tobias Kuhl hat die Wissenschaftlerin mit einem größeren Team die Rechtschreibleistungen von mehr als 3.000 Grundschulkindern aus Nordrhein-Westfalen systematisch untersucht. Die Wissenschaftler verglichen dabei die Rechtschreibleistungen der Kinder, die mit drei unterschiedlichen Methoden das Schreiben erlernt haben. Der „systematische Fibelansatz“ führt schrittweise einzelne Buchstaben und Wörter ein. Gesprochene Wörter werden unter Anleitung in Einzellaute zerlegt und jeder Laut einem Buchstaben zugeordnet. Fibeln sind so aufgebaut, dass die Kinder die Schriftsprache in einem fest vorgegebenen, strukturierten Ablauf vom Einfachen zum Komplexen erlernen und einen schriftsprachlichen Grundwortschatz aufbauen. Hilfestellungen und Korrekturen durch die Lehrperson gehören dazu. Beim Ansatz „Lesen durch Schreiben“ (von Jürgen Reichen) werden Kinder angehalten, möglichst viel frei zu schreiben – das Lesen soll über das Schreiben mitgelernt werden. Korrekturen falsch geschriebener Wörter sollen unterbleiben, da so die Schreibmotivation der Kinder beeinträchtigt würde. Auch die „Rechtschreibwerkstatt“ (von Norbert Sommer-Stumpenhorst) gibt den Schülern keine feste Abfolge einzelner Lernschritte vor, sondern stellt lediglich Materialien zur Verfügung, die die Kinder selbstständig in individueller Reihenfolge und ohne zeitliche Vorgaben bearbeiten. Die Wissenschaftler der Universität Bonn testeten die Erstklässler kurz nach der Einschulung auf ihre Vorkenntnisse und nachfolgend an fünf weiteren Terminen bis zum Ende des dritten Schuljahres mit der Hamburger Schreib-Probe. Sie erfasst als Standardverfahren die Rechtschreibleistungen von Schülern in Form eines Diktats. „Die Fibelgruppe hat sich gegenüber den beiden anderen Didaktikgruppen als überlegen erwiesen. Zu allen fünf Messzeitpunkten haben die Fibelkinder bessere Rechtschreibleistungen erbracht“, fasst der Doktorand Tobias Kuhl die Ergebnisse zusammen. So machten Kinder, die mit „Lesen durch Schreiben“ unterrichtet wurden, am Ende der vierten Klasse im Schnitt 55 Prozent mehr Rechtschreibfehler als Fibelkinder. In der „Rechtschreibwerkstatt“ unterliefen den Schülern sogar 105 Prozent mehr Rechtschreibfehler als Fibelkindern. „Die Studienergebnisse weisen klar darauf hin, dass alle Kinder gleichermaßen vom Einsatz einer Fibel im Unterricht profitieren“, sagt Röhr-Sendlmeier. Die Überlegenheit des Fibelansatzes zeige sich sowohl bei Kindern mit deutscher Muttersprache als auch mit anderen früh erlernten Sprachen. Die Wissenschaftler der Universität Bonn haben ihre Studienergebnisse bereits der nordrhein-westfälischen Bildungsministerin mitgeteilt. Beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Frankfurt am Main werden sie die Studie am 17. September vorstellen.

Prof. Dr. Una Röhr-Sendlmeier

  • Institut für Psychologie
  • Universität Bonn
  • Tel. 0228/734269
  • E-Mail: uroehr@uni-bonn.de
Weniger…

Fibel führt zu besseren Rechtschreibleistungen als andere Methoden

 11. September 2018 – 09:18, http://paedagogik-news.stangl.eu/

 Das lange übliche Fibel-Lernen ist in den Grundschulen vor allem vom Lesen durch Schreiben nahezu verdängt worden, wobei es von Anfang an Kritik daran gab, auf diese Methode zu verzichten. Die Idee am Lesen durch Schreibe war, dass Schüler möglichst viel frei schreiben und das Lesen dabei mitlernen sollen. Korrekturen falsch geschriebener Wörter waren aus dieser Perspektive heraus unerwünscht, da diese die Kinder demotivieren könnte, eine positive Beziehung zu Sprache und Schrift zu entwickeln.

Mehr…

 In einer Untersuchung (Kuhl & Röhr-Sendlmeier, 2018) verglich man nun die Rechtschreibleistungen von Kindern, die mit drei unterschiedlichen Methoden das Schreiben erlernt haben.

  • Der „systematische Fibelansatz“ führt schrittweise einzelne Buchstaben und Wörter ein. Gesprochene Wörter werden unter Anleitung in Einzellaute zerlegt und jeder Laut einem Buchstaben zugeordnet. Fibeln sind so aufgebaut, dass die Kinder die Schriftsprache in einem fest vorgegebenen, strukturierten Ablauf vom Einfachen zum Komplexen erlernen und einen schriftsprachlichen Grundwortschatz aufbauen. Hilfestellungen und Korrekturen durch die Lehrperson gehören dazu.
  • Beim Ansatz „Lesen durch Schreiben“ werden Kinder angehalten, möglichst viel frei zu schreiben – das Lesen soll über das Schreiben mitgelernt werden. Korrekturen falsch geschriebener Wörter sollen unterbleiben, da so die Schreibmotivation der Kinder beeinträchtigt würde.
  • Auch die „Rechtschreibwerkstatt“ gibt den Schülern keine feste Abfolge einzelner Lernschritte vor, sondern stellt lediglich Materialien zur Verfügung, die die Kinder selbstständig in individueller Reihenfolge und ohne zeitliche Vorgaben bearbeiten.

 

Man teste die Erstklässler kurz nach der Einschulung auf ihre Vorkenntnisse und nachfolgend an fünf weiteren Terminen bis zum Ende des dritten Schuljahres mit der Hamburger Schreib-Probe. Sie erfasst als Standardverfahren die Rechtschreibleistungen von Schülern in Form eines Diktats. Die Fibelgruppe hat sich gegenüber den beiden anderen Didaktikgruppen als überlegen erwiesen, denn zu allen fünf Messzeitpunkten haben die Fibelkinder bessere Rechtschreibleistungen erbracht. So machten Kinder, die mit „Lesen durch Schreiben“ unterrichtet wurden, am Ende der vierten Klasse im Schnitt 55 Prozent mehr Rechtschreibfehler als Fibelkinder, in der „Rechtschreibwerkstatt“ unterliefen den Schülern sogar 105 Prozent mehr Rechtschreibfehler als Fibelkindern. (Stangl, 2018). Verwendete Literatur Stangl, W. (2018). Fibel führt zu besseren Rechtschreibleistungen als andere Methoden. Werner Stangls Pädagogik News. WWW: http://paedagogik-news.stangl.eu/ (2018-09-24). Tipp: Lernen mit Lernpostern & Vokabelpostern: http://lernposter.lerntipp.at/

Weniger…

Lob der Fibel

Wie lernen Schüler am besten schreiben? Die Autoren einer neuen Studie sagen: mit der herkömmlichen Methode. Das wird Folgen für den Unterricht haben
Süddeutsche vom 19. September 2018

Mehr…

München – Kindern lesen und schreiben beizubringen ist vielleicht die wichtigste Aufgabe der Schule. Entsprechend umstritten ist die Frage, wie das am besten gelingt. Auf die klassische Art, mit der Fibel, die den Kindern Buchstabe für Buchstabe beibringt, mit Struktur und System? Oder mit reformpädagogischen Konzepten, nach denen sich die Kinder das Schreiben selbst aneignen sollen, möglichst frei und kreativ? Eine Studie von Bonner Forschern gibt auf diese Frage nun eine erstaunlich klare Antwort – und schlägt damit Wellen bis ins politische Berlin.
Anhand der Rechtschreibleistungen von mehr als 3000 Grundschülern in Nordrhein-Westfalen haben die Forscher um die Psychologin Una Röhr-Sendlmeier drei Methoden verglichen: einerseits die Fibel, andererseits die Konzepte „Lesen durch Schreiben“ und „Rechtschreibwerkstatt“. Das Ergebnis: Kinder, die mit der Methode „Lesen durch Schreiben“ gelernt haben, machten am Ende der vierten Klasse 55 Prozent mehr Fehler als Kinder, die mit der Fibel unterrichtet wurden; bei der „Rechtschreibwerkstatt“ waren es sogar 105 Prozent mehr Fehler.
Die Studie zu diesen Zahlen liegt noch nicht vor. Bislang gibt es nur die Ergebnisse, über die zunächst Spiegel Online berichtet hatte. Sie werden nun heftig diskutiert, bestätigen sie doch die massive Kritik, der die Methode „Lesen durch Schreiben“ seit Jahren ausgesetzt ist. Vielen gilt sie als eine Ursache für das schlechte Abschneiden deutscher Schüler bei Lese- und Schreibtests. Jeder Fünfte erreicht in der Rechtschreibung die Mindestanforderungen nicht; fast ebenso viele können am Ende der Grundschule nicht richtig lesen, Tendenz steigend. Auch deshalb dürfen Lehrer in Schleswig-Holstein „Lesen durch Schreiben“ seit diesem Schuljahr nicht mehr anwenden, so wie bereits in Baden-Württemberg und Hamburg. Nordrhein-Westfalen will die Methode nur noch in der ersten Klasse erlauben.
Der Deutsche Lehrerverband fordert nun ein bundesweites Verbot. „Es geht jetzt darum, möglichst schnell weiteren Schaden von unseren Grundschulkindern abzuwenden“, sagte dessen Präsident Heinz-Peter Meidinger. Selbst Bundesbildungsministerin Anja Karliczek meldete sich zu Wort. Die Ergebnisse der Studie müssten nun schnell in der Praxis Anwendung finden, forderte die CDU-Politikerin.
„Lesen durch Schreiben“, auch „Reichen-Methode“ genannt, wurde in den 80er-Jahren von dem Pädagogen Jürgen Reichen entwickelt. Er propagierte ein Ende des Buchstabenbüffelns. Die Kinder sollten sich das Schreiben selbst erschließen, indem sie Sprache in Schrift verwandeln. Zentrales Hilfsmittel ist die Anlauttabelle. Sie zeigt für jeden Buchstaben ein Bild: einen Affen für A, einen Hund für H. Fehler sollen die Lehrer nicht verbessern, um die Kinder nicht zu demotivieren. Die „Rechtschreibwerkstatt“ dagegen stellt den Kindern Material zur Verfügung, das sie individuell und ohne Zeitvorgaben bearbeiten.
In Reinform komme die Reichen-Methode allerdings kaum zum Einsatz, sagt der emeritierte Siegener Bildungsforscher Hans Brügelmann. Er ist selbst ein Befürworter des freien Schreibens – in Anlehnung an, aber auch in Abgrenzung von Reichen, weil dessen Ansatz die Rechtschreibung vernachlässige. In der Praxis werde heute auch auf Fehler hingewiesen. Auch beim Lernen mit der Fibel herrschten Mischformen vor. Beispiel Hamburg: Dort ist die Reichen-Methode zwar verboten, die Anlauttabelle aber laut Bildungssenat „gut und gewünscht“.
Es sei verantwortungslos, sagt Brügelmann, dass die Forscher Zahlen in die Welt setzten, aber nicht die Studie. So bleibe unklar, wie die Methoden unterschieden würden; auch sei nichts über die Schüler bekannt. Studienautorin Röhr-Sendlmeier hält dagegen: Die Schulen seien selbst gefragt worden, nach welcher Methode sie lehrten. Und die Ausgangslage der Schüler habe man durchaus berücksichtigt – mit dem Ergebnis, dass die Fibel gerade Kindern mit geringen Vorkenntnissen helfe: „Es werden weniger Kinder abgehängt.“ Die Studie soll in den nächsten Wochen veröffentlicht werden.

Paul Munzinger

Weniger…

Alles über Dinos

George, 5, britischer Prinz, beschert seinen Eltern neues Fachwissen. „Er ist wie besessen von Dinosauriern“, sagte sein Vater, Prinz William, 36, bei einem Wohltätigkeitstermin. „Wir lernen gerade alles über sie.“

Süddeutsche vom 21. September 2018

SPIEGEL Nr. 39, Seite 114f