Warum hat jeder eine Meinung zu Lehrern – und fast nie eine gute? Eine Spurensuche von Nadja Schlüter, Magazin jetzt der Süddeutschen. LINK Online seit 25. April 2017
Es passiert ständig. Jemand sagt: „Lehrer sind faul.“ Oder: „Lehrer
haben so viel Freizeit und Urlaub wie keine andere Berufsgruppe.“ Oder:
„Lehrer sind überfordert.“ Oder: „Ich hatte nur beschissene Lehrer.“
Manchmal ist der Lehrer-Diss auch subtiler, etwa wenn jemand über eine
Person sagt, sie sei „wie eine Lehrerin“. Gilt als Beleidigung. Und auch
Lehramtsstudenten sind eine der unbeliebtesten Gruppen an Universitäten – wer einen Germanistik-Master studiert, hält sich im Vergleich zu den Lehramtlern meist für den intellektuelleren Studenten.
Warum dieses ewig
negative Lehrerbild? Warum diese Respektlosigkeit? Um diesen Fragen ein
bisschen auf den Grund zu gehen, habe ich eine kleine Umfrage auf
Facebook gestartet („Was haltet ihr von Lehrern und warum?“) und
außerdem Michael Veeser-Dombrowski interviewt, Religionslehrer an einer
Berufsschule und Coach und Supervisor, unter anderem für Lehrer. Und
daraus habe ich fünf Gründe destilliert, die zusammen vielleicht eine
Antwort auf obige Fragen sein können. Und einen sechsten Punkt mit einem
Lösungsansatz.
Laura liebt ihren Job und ihre Klasse – musste aber auch schon mal
eine Schülerin anzeigen, die sie mit einem Messer angegriffen hat. LINK
Andreas ist happy mit seinem Beruf – auch wenn ihm niemand sagte,
dass das Lehrerwerden mit Deutsch und Englisch ziemlich schwierig ist. LINK
1. Jeder kennt Lehrer
„Ich würde nie auf die
Idee kommen, meinem Zahnarzt zu sagen, wie er meine Lücke füllen soll“,
sagt Michael Veeser-Dembrowski am Telefon. Bei Lehrern sei das anders.
„Jeder Bundesbürger war in der Schule und es stellt sich das gleiche
Phänomen ein wie beim Fußball: Zuschauer und Zuschauerinnen bilden sich
ein, sie könnten fachlich Position beziehen.“
Wie sehr das stimmt,
merke ich, als ich mir vorstelle, ich hätte auf Facebook die Frage „Was
haltet ihr von Ingenieuren?“ gestellt. Da hätten doch direkt mehrere
Menschen „Jeder Ingenieur ist anders“ oder „Keine Ahnung, kenne keinen
Ingenieur“ kommentiert. Aber nach einer Meinung zu Lehrern kann man
fragen. Weil jeder eine hat.
Dass diese Meinung
so oft negativ ausfällt, hat viel damit zu tun, wie wir uns erinnern.
Nämlich meistens an die blöden Lehrer. Die Langweilerin, die seit 20
Jahren die gleichen Klassenarbeiten aufsetzt. Der Anzügliche, der
Oberstufenschülerinnen anflirtet. Die Cholerikerin, die beim Schreien
spuckt. Der Überforderte mit den nervösen roten Flecken am Hals. Eine
frischgebackene Abiturientin schrieb mir auf Facebook geradeheraus: „Ich
denke über meine Lehrer nicht viel Positives.“
Und jeder hat neben
den allgemeinen „Das waren blöde Lehrer“-Erinnerungen noch mindestens
eine, in der er persönlich unter der Willkür oder Unfähigkeit eines
Lehrers gelitten hat. „Ich kenne niemanden, der sagt: Meine Lehrer sind
nur gut mit mir umgegangen“, sagt auch Michael Veeser-Dembrowski. Auf
meine Facebook-Umfrage antwortete ein Freund, er habe „leidvolle
persönliche Erfahrungen mit verbeamteten Vollversagern“ gemacht.
Nun könnte man
sagen: Lasst doch die Vergangenheit ruhen! Ist doch vorbei! Aber das
Problem ist, dass es eben nicht vorbei ist. „Die Institution Schule ist
mächtig und wichtig“, sagt Veeser-Dembrowski. „Erst kann ich mich als
Kind nicht rausziehen und später als Elternteil ebenfalls nicht.“ Lehrer
stehen damit immer unter Beobachtung. Ein bisschen wie Politiker. Und
auf die wird ja auch dauernd geschimpft.
2. Die Erwartungen an Lehrer sind zu groß
Wer unter Beobachtung
steht, von dem wird viel erwartet und dessen Fehler fallen natürlich
eher auf. Eine ehemalige Lehramtsstudentin schrieb mir, dass sie immer
viel Respekt vor Lehrern hatte – bis sie Praktika gemacht und ein Jahr
an einer Schule gearbeitet hat. „Mein Respekt ist immer noch da, denn
die Arbeit ist wirklich wichtig und wirklich schwer“, schrieb sie. „Aber
ich habe leider auch festgestellt, dass ich Lehrer*innen als solche
doch nicht mag. Dass mir da zu viele Berufskranke rumlaufen und zu
viele, die ihrerseits keinen Respekt haben vor den tollen jungen
Menschen vor ihnen oder auch nur vor anderen Lehrer*innen.“ Michael
Veeser-Dembrowski sagt, er kenne ebenfalls Lehrer, die sich kein Bein
ausreißen und Arbeitsblätter von vor zehn Jahren verwenden. Aber eben
auch solche, die sich sehr stark engagieren. „Und sogar die können nicht
immer guten Unterricht machen!“
Es ist also wie
immer im Leben: Es gibt die Guten und die Schlechten. Und selbst die
Guten sind manchmal schlecht (und zwar öfter, als die Schlechten gut).
Das ist eigentlich eine banale, akzeptierte Tatsache. Nur bei den
Lehrern, da erwartet jeder Höchstleistung und Berufung, weil – gern
gebrauchte Wendung – „die auf Kinder losgelassen werden“. „Auf die
Lehrerrolle werden immer noch zwei, drei Anforderungen mehr drauf
geschaufelt“, bestätigt auch Michael Veeser-Dombrowski. „Drogenproblem
in der Stadt, Medienmissbrauch, kulturelle Konflikte – immer heißt es:
‚Da müssen die Lehrer doch was machen!‘“ Dabei sind die halt auch nur
Menschen. Sie können leider nicht alles machen.
3. Lehrer sind wirklich überfordert
Michael
Veeser-Dombrowski kann aus Erfahrung berichten, dass Lehrer meist zu ihm
in die Beratung kommen, weil sie „mit der Arbeitsfülle nicht mehr
klarkommen“. Und dass das meistens gar nicht bedeutet, dass sie zu viel
Arbeit und zu wenig Zeit haben. Sondern, dass sie gestresst sind, weil
sie, wie er es nennt, „Beziehungsprobleme“ haben, also Ärger mit
respektlosen Schülern, mit einer aufmüpfigen Klasse.
Den Grund dafür
sieht Veeser-Dombrowski in einem Defizit in der Ausbildung: „Lehrer
werden ausgebildet, Einzelpersonen in ihrem Lernprozess zu begleiten –
und dann stehen sie vor einem Rudel von 30 pubertierenden Schülern. Wer
dafür nicht ausgebildet ist, scheitert daran.“ Und wie, fragt
Veeser-Dombrowski, soll der Lehrer sich von diesem Stress richtig
erholen? Supervision, wie er sie anbietet, gehört nicht zum
Standardprogramm. Es gibt nicht an jeder Schule jemanden, der sich
regelmäßig mit den Lehrern hinsetzt. Aber wer seinen Frust nicht abbauen
kann, trägt ihn oft mit in die Klasse. Und ist dann natürlich kein
guter Lehrer.
4. Das Beamtentum hat einen schlechten Ruf
Neulich sprach ich für unsere Textreihe über Berufe mit einer Förderschullehrerin,
die verbeamtet ist. In der Leser-Diskussion zum Artikel auf Facebook
ging es viel darum, wie fürstlich sie doch verdiene, wie bequem ihr
Status sei. Vor allem angestellte Lehrer, die meist weniger verdienen
und auch ansonsten weniger umfassend abgesichert sind als Lehrer im
Staatsdienst, klagten darüber.
Darum trägt das mit
der Verbeamtung der Lehrer (die in manchen Bundesländern bereits
abgeschafft wurde) gleich aus zwei Gründen zum Lehrerhass bei. Zum einen
ist eben die Gruppe der Lehrer selbst gespalten. Da gibt es Neid,
Missgunst, Sticheleien. Und manchmal auch einen Konflikt, der auf
unterschiedlichen Prinzipien beruht: Angestellte Lehrer sind manchmal
aus Überzeugung Angestellte, weil sie den Beamtenlehrer für einen
Anachronismus halten.
Zum anderen hat das
Beamtentum an sich keinen guten Ruf. Wir erinnern uns an den Freund, der
etwas von „verbeamteten menschlichen Vollversagern“ schrieb –
„verbeamtet“ klingt da wie ein Schimpfwort und ich denke, das war
Absicht. Das Beamtenklischee umfasst: Bezahlung fürs Nixtun, ausruhen
auf der Sicherheit, Ambitionslosigkeit. Und viele werfen verbeamteten
Lehrern vor, genau aus diesen Gründen ihren Beruf gewählt zu haben,
statt aus „Berufung“.
Ambitionslosigkeit
wird darum auch oft schon denen vorgeworfen, die ein Lehramtsstudium
anstreben oder gerade absolvieren. Manchmal wohl auch zurecht. Ein
Bekannter schrieb: „Früher, sagt man, wurden die Besten eines
Abi-Jahrgangs Lehrer (die anderen dann Buchhalter, Ärzte, Rechtsanwälte
etc.). Das ist nicht mehr so. Leider. Aus meinem eigenen Lehramtsstudium
weiß ich, dass die Mehrzahl der Mitstudierenden, die ich mir als
exzellente Lehrer vorstellen konnte, dann doch keine geworden sind.“ Und
die Abiturientin: „Ich habe Freunde, die sagen, ich kann malen und bin
gut in Englisch, ich studiere einfach Kunst und Englisch auf Lehramt,
Kunst wird immer gesucht. Sind das wirklich die Lehrer, die wir unsern
Kindern wünschen? Die Menschen, die nicht wissen, was sie mit ihrem
Abitur anfangen sollen, und dann Lehrer werden?“
5. Keiner weiß, was Lehrer machen – manchmal nicht mal Lehrer
Das ist eigentlich
eine Spiegelung von Punkt 1: Alle denken, dass sie wissen, was Lehrer
machen, aber eigentlich weiß es keiner. Und darum haben viele ein völlig
falsches Bild von diesem Job. Manchmal sogar die Lehrer selbst. „Es
gibt sehr viele verschiedene Gruppen in der großen Gruppe der Lehrer“,
sagt Michael Veeser-Dombrowski. Der Job eines Gymnasiallehrers
unterscheide sich von dem eines Lehrers an einer Grund- oder
Förderschule, das Gehalt eines Grundschullehrers unterscheidet sich von
dem eines Gymnasiallehrers, das eines Beamten von dem eines
Angestellten. Und so weiter. Keiner weiß also so genau, was der andere
macht und unter welchen Umständen er arbeitet, glaubt aber, es zu
wissen. Konsequenz: Gymnasial- disst Grundschullehrer. Gleiches Problem
wie draußen also auch innerhalb der Lehrerschaft.
6. Und was machen wir jetzt dagegen?
Die Antwort steckt
eigentlich schon in Punkt Nummer 5: Um dem Lehrerhass beizukommen,
müssten mehr Menschen wissen, was Lehrer wirklich machen. In den letzten
Jahren habe es zwar immer häufiger Dokumentationen über den Beruf
gegeben, sagt Michael Veeser-Dombrowski. „Aber da lag der Fokus leider
meist auf Burnout oder Stress.“ Er wünscht sich, dass ein realistisches
Bild vom Lehrer gezeigt wird, statt immer nur Probleme abzubilden. Seine
Forderung: „Die Blackbox Klassenzimmer muss geöffnet werden. Damit viel
mehr Menschen da reinschauen können.“ Auch Schüler und Schülerinnen,
die Lehrer werden wollen. Damit keiner mehr diesen Job wählt, weil er
sich davon ein bequemes Leben erhofft.