Herzen und Hirne

Die deutsche Bildungspolitik ist bequemlich und hat den falschen Fokus. Fünf Ideen für eine klügere Schule.

Schon bevor die enttäuschenden Ergebnisse der Pisa-Studie bekannt wurden, hatte eine Reihe von Vergleichsstudien in den vergangenen Monaten bestätigt, was schon länger bekannt ist: Trotz hoher Investitionen tritt das Bildungssystem auf der Stelle. Die Leistungen stagnieren. Das Einzige, was sich als erfolgreich erweist, ist Beständigkeit. Reformen hingegen verpuffen.

Süddeutsche vom 13.12.2019, Seite 5, Von Klaus Zierer

Mehr…


   In mindestens fünf Feldern lassen sich Gründe des Scheiterns finden. Genau dort findet man auch Ideen, wie Schulen nicht nur tatsächlich gebildete Bürgerinnen und Bürger hervorbringen, sondern auch mehr Chancengerechtigkeit.
   Erstens die "Digitalisierte Gesellschaft": Auch wenn es in vielen Bereichen unumgänglich erscheint, die Digitalisierung voranzutreiben, für unser Zusammenleben, für unsere Kultur, für unsere Bildung ist sie nicht nur positiv zu bewerten. So wissen wir, dass nahezu alle Jugendlichen ein Smartphone besitzen und mit diesem durchschnittlich vier Stunden am Tag im Internet unterwegs sind. Alles kein Problem für die Schule? Doch, denn das Ablenkungspotenzial ist immens, Mobbing erhält eine neue Dimension, die Zeit fürs Lernen wird reduziert, und die Zugangsweisen zum Lernen verändern sich. Dadurch wird nicht nur erschwert, dass Jugendliche heute Goethe und Schiller verstehen. Es wird auch erschwert, dass Jugendliche heute Goethe und Schiller überhaupt lesen können. Sodann geht der Bildungswert der Langeweile verloren: Wer keine Sekunde seines Lebens mehr nachdenken muss, was sich mit dem Leben so anfangen lässt, weil ständig und jederzeit eine Ablenkung möglich ist, der kommt nicht auf dumme Gedanken - und ebenso wenig auf kluge. Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Heute ist nicht alles schlechter. Aber heute ist vieles anders. Und das erfordert, dass wir genauer hinschauen: Nicht jeder muss programmieren lernen, vielmehr bedarf es einer Koalition aus Schule und Elternhaus, die sich einer aufgeklärten, engagierten Medienerziehung annimmt.

Die Unterrichtsqualität wird nicht gleich besser, wenn alle Lehrkräfte ein Tablet und mehr Geld erhalten

   Zweitens "Ablenkungspolitik". Seit Jahren geht Bildungspolitik den Weg des geringsten Widerstandes. Urteilskraft und Tatendrang werden schmerzlich vermisst, wenn es nach einem Wahlsieg wieder einmal lautet, dass Schule durch höhere Lehrergehälter oder mehr digitale Klassenzimmer verbessert werden soll. Diese Vorschläge haben ihre Berechtigung, aber sie lenken auch ab. Denn die Unterrichtsqualität ist entscheidend und sie wird eben nicht automatisch dadurch verbessert, dass Lehrpersonen mehr Geld verdienen oder alle ein Tablet bekommen. Strukturen schaffen und Menschen stärken, muss es heißen. Das Erste wird mit Vorliebe gemacht, weil es einfacher ist und schneller geht. Das Zweite muss hinzukommen und bedeutet: Schulische Handlungsräume schaffen, in denen es nicht um Einzelkämpfer geht, sondern um Teamspieler.
   Drittens "Verkopfung von Schule": Wer weiß, wie viele Halligen es gibt? Wer weiß, wie viele Wirbel der Lendenbereich hat? Und wer weiß, aus wie vielen Büchern die Bibel besteht? Die Antworten auf solche Fragen stehen im Zentrum der Schulbildung, prasseln sie als Stegreifaufgaben auf Lernende herab. Und so lautet eines der dramatischsten Ergebnisse der letzten Jahre: Während Lernende in der ersten Jahrgangsstufe noch zu 99 Prozent angeben, gerne zur Schule zu gehen, sinkt die Zustimmung kontinuierlich bis zu einem Wert von etwa 35 Prozent in der neunten Jahrgangsstufe. Die nach dem Autor der Studie benannte Jenkins-Kurve veranschaulicht eindringlich, dass Schule ihr zentrales Ziel umfassend verfehlt: Schülern Freude am Lernen zu vermitteln. Lernende, die nicht wissen, warum sie etwas lernen, finden keinen Sinn darin. Lehrpläne heute sind mit Wissen überfüllt, das aus fachlicher Sicht wichtig sein mag, für den Bildungsweg eines Menschen aber unnütz ist. Eine bekannte Feststellung, gewiss, die aber deswegen nicht überholt ist. Eine Entrümpelung der Lehrpläne ist unabdingbar - nicht um Schule leichter zu machen, sondern herausfordernder, weil sinnvoller. Und mehr Kunst, Musik und Sport auf Kosten der Kernfächer.
   Viertens "Professionalisierung der Lehrerbildung": Lange Zeit ging es bei den Reformen im Bildungsbereich darum, an den Strukturen zu drehen. Heute weiß man es besser - entscheidend für Bildungserfolg ist Lehrerprofessionalität. Konsequenterweise wird nun dank der Qualitätsoffensive kräftig in die Lehrerbildung investiert. So erfreulich das ist, vieles, was auf den Weg gebracht wird, verfehlt das Ziel. Denn immer mehr mutieren Lehramtsstudierende zu Nachwuchsforschenden und lernen von der Pike auf, was es heißt, Forschung zu betreiben. Dabei wird übersehen: Lehrpersonen müssen keine Forschende sein, wohl aber Evaluatoren. Sie müssen beispielsweise nicht Messinstrumente entwickeln können, was Aufgabe der Wissenschaft ist, sondern diese einsetzen können, um tagtäglich ihre Wirksamkeit sichtbar zu machen. Insofern zeigt sich Professionalität nicht an einem Mehr oder Weniger an Forschung oder Praxis. Es sind Haltungsfragen, die entscheidend sind: Was verstehe ich unter Bildung, was unter einer guten Schule und was ist meine Vision von einer demokratischen Gesellschaft? Professionalität von Lehrpersonen hat folglich einen ethischen Kern, der in der Lehrerbildung immer und immer wieder anzusprechen ist.

Der Nutzen von Forschung für die Gesellschaft muss deutlicher werden - damit Schülerinnen und Schüler ihn verstehen

   Fünftens die "Wissenschaft im Elfenbeinturm": Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine scheinbar bahnbrechende Studie publiziert wird. Die Forschungsaktivitäten sind selbst für Insider kaum zu überblicken. Zur Verdeutlichung: "Visible Learning" von John Hattie, einst als Meilenstein der Erziehungswissenschaft gefeiert, weil es den großen Forschungsfundus zusammenfasste, basierte 2009 auf über 800 Meta-Analysen mit über 50 000 Einzelstudien. Heute, zehn Jahre später, umfasst der Datensatz 1600 Meta-Analysen mit über 95 000 Einzelstudien. Forschung geht immer stärker in die Tiefe, und die Erkenntnisse werden immer spezieller. Allerdings ist Folge dieses Bestrebens ein Transferdefizit: Je spezialisierter und detailreicher Forschung ist, desto weniger lässt sie sich übertragen. Der Nutzen wird vertagt. Damit können Lehrpersonen wiederum nichts anfangen, weil sie tagtäglich unterrichten müssen. Solange aber die Veröffentlichung eines Artikels in einem Top-Journal mit einer Handvoll Lesern eine größere Reputation zur Folge hat als eine Lehrerhandreichung mit einer Zehntausender-Auflage, so lange wird sich in diesem Punkt nichts ändern. Die Frage des Transfers als Teil von Wissenschaft zu sehen, ist ebenso notwendig wie Hochschullehrende in der Schulpädagogik mit Schulerfahrung aus erster Hand - damit sie das, worüber sie schreiben, nicht nur aus Büchern kennen und die Sprache der Praxis vor Augen haben, wenn sie forschen.

Schule sollte nicht Forschung unterrichten, sondern zeigen, wozu Forschung gut ist

   Wie lässt sich also ein Erfolg der hohen Investitionen herbeiführen? Wir brauchen eine gesamtgesellschaftliche Vision von Bildung - die im Kern gar nicht so neu, wohl aber in Vergessenheit geraten ist. Denn schon in der Bayerischen Verfassung heißt es: Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden.
Klaus Zierer ist Professor für Erziehungswissenschaften und Ordinarius an der Universität Augsburg.

Weniger…

Digitalisierung der Schule

Showtime
Die digitale Revolution des Lernens durch moderne Technik ist bislang eher ein Wunschtraum als Realität. Die große Ausnahme nennt sich "Flipped Classroom".

SZ Montag, 25. November 2019, Anna Günther & Paul Munzinger

Mehr…

Wer wissen will, was sich hinter dem "Flipped Classroom" verbirgt, der kann bei Wikipedia nachschauen oder einen Experten anrufen. Ganz altmodische könnten es auch mit einem Buch versuchen, einem Englisch-Lexikon zum Beispiel. Dann würden sie schon mal herausfinden, dass ein Flipped Classroom wörtlich ein auf den Kopf gestelltes Klassenzimmer ist. Im Sinne des Erfinders ist aber eigentlich nur ein Weg, um die Frage zu beantworten: Computer an, Youtube auf, Video gucken.
Sebastian Schmidt, Mathelehrer an einer Realschule in Neu-Ulm und einer der engagiertesten Vertreter der Methode an deutschen Schulen, nimmt sich für seine Einführung 3:45 Minuten Zeit. "Der Flipped Classroom", erklärt er mit bayerisch breit gerolltem R in die Kamera, "dreht den traditionellen Unterricht wortwörtlich um." Statt 25 Schülern in der Klasse wieder und wieder das Gleiche zu erklären, um sie dann am Nachmittag mit den Hausaufgaben alleine zu lassen, befassen sich die Schüler nach der Schule selbst mit dem Stoff - zum Beispiel in Form eines Videos, das sie je nach Bedarf anhalten, zurückspulen oder auch mehrmals schauen können. Am Vormittag gewinnt der Lehrer oder die Lehrerin so Zeit - um sie in die Schüler zu investieren. "Sie werden es nicht bereuen", verspricht Schmidt seinen Zusehern.
Bildungsforscher Klaus Zierer sieht die Methode positiv - doch es gebe auch "Fallstricke"
Vergangene Woche hat der 37-Jährige gemeinsam mit neun Kollegen den Deutschen Lehrerpreis für innovativen Unterricht gewonnen. Es ist eine Auszeichnung, die einmal mehr bestätigt, dass der Flipped Classroom die bislang wohl vielversprechendste Idee ist, wie die Digitalisierung das Lernen zum Besseren verändern könnte. Schmidt und Co. wurden für ihr Projekt "Lernbüro digital-kooperativ" ausgezeichnet. Vor zwei Jahren schlossen sich die Pädagogen zusammen, um die Bücher für den neuen bayerischen Lehrplan gemeinsam ins Digitale zu übersetzen. Es ist die Basis für den Flipped Classroom.
Die Idee ist nicht neu, Pädagogen im englischsprachigen Raum experimentieren damit seit den Neunzigerjahren. Doch digitale Medien, Videos vor allem, machen die Methode erst heute massentauglich. Manche Hochschullehrer setzen sie seit Jahren ein, der Heidelberger Mathematiker Christian Spannagel etwa oder der Sprachwissenschaftler Jürgen Handke in Marburg. An Schulen treiben Lehrer wie Schmidt die Entwicklung voran, sie sammeln Erfahrungen und vernetzen sich untereinander - auf eigene Faust, ohne dass ein Kultusministerium ihnen den Weg vorgeben würde.
Schmidt und sein Kollege Ferdinand Stipberger, 47, kannten sich längst aus dem digitalen Raum, als sie vor zwei Jahren beschlossen, gemeinsam Videos, Prüfungsaufgaben und Zusatzübungen für die neuen Schulbücher in Bayern zu erstellen. Sie animierten acht Kollegen zum Mitmachen und teilten die Kapitel auf. "Das macht weniger Arbeit und noch mehr Spaß für jeden", sagt Schmidt. Dazu kommen mitunter "schmerzhaftes" Feedback und neue Ideen. Die Materialien werden auf die Online-Plattform Mebis gestellt, die an Hunderten bayerischen Schulen genutzt wird. Mittlerweile arbeiten 36 Lehrer aus sieben Realschulen mit den Videos und Unterlagen des Lernbüros. Drei Schulen probierten gerade aus, ob sie mit dem Material zurecht kommen, sagt Schmidt.
Es gibt nicht wenige Menschen, die sich vom Einsatz moderner Technik eine Neuerfindung des Unterrichts erwarten. Die Wissenschaft hat diese Hoffnungen bislang nur in Ansätzen rechtfertigen können. Der Augsburger Bildungsforscher Klaus Zierer, der seit einigen Jahren gemeinsam mit dem Australier John Hattie dessen berühmte Studie zu den Ursachen erfolgreichen Lernens fortführt ("Auf den Lehrer kommt es an!"), legte Anfang des Jahres eine sehr skeptische Zwischenbilanz zur Digitalisierung in der Schule vor. Das Fazit, etwas verkürzt: Bringt nicht viel, kostet aber viel Zeit. Zu den positiven Ausnahmen zählte der Flipped Classroom. "Insgesamt positiv, aber nicht revolutionär", sagt Zierer.
Flipped Classroom, betont er, sei "kein Selbstläufer". Er sieht eine Reihe von "Fallstricken". Zum einen zeige seine Forschung, dass der positive Effekt umso kleiner werde, je jünger die Studien sind. Seine Interpretation: Leidenschaft und Enthusiasmus der Flipped-Classroom-Pioniere gingen verloren, je mehr die Methode Verbreitung finde - ein Effekt, der auch in anderen Kontexten zu beobachten sei. Damit die Methode sich auszahle, sei zudem eine "Fehlerkultur" unabdingbar. Wer Fehler, so wie es im Bildungssystem noch sehr verbreitet sei, nicht nutzen, sondern nur vermeiden wolle, werde scheitern.
Den größten Fallstrick aber sieht Zierer auf Seiten der Schüler. Die Methode könne nur funktionieren, wenn diese sich den Stoff sehr gewissenhaft aneigneten. Wenn nicht, drohten einzelne dauerhaft den Anschluss zu verlieren. Je älter die Schüler also sind, sagt Zierer, je mehr sie gelernt haben, Verantwortung zu tragen, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass der Flipped Classroom funktioniert.
Marcus von Amsberg begegnet diesem Fallstrick mit einem Trick: Er zeigt seinen Schülern als erstes ein Video ohne Pause - und ist zufrieden, wenn es allen viel zu schnell geht.
Von Amsberg, 40, begann seine Lehrerkarriere als Sonderpädagoge. Er unterrichtete eine Gruppe, in der Kinder von der dritten bis zur neunten Jahrgangsstufe zusammensaßen, die wegen Verhaltensauffälligkeiten als nicht mehr beschulbar galten. "Am ersten Tag", sagt von Amsberg, "konnte ich alles vergessen, was ich im Referendariat gelernt hatte." Wie unterrichtet man so eine Gruppe? Von Amsbergs Lösung: Die Schüler erhielten individuelle Wochenpläne - und selbst gedrehte Erklärvideos. Vor sieben Jahren dann wechselte von Amsberg an eine Stadtteilschule in Hamburg. Die "irrsinnige Bandbreite" seiner Förderklasse gab es dort nicht mehr. Die Videos nahm er trotzdem mit.
Von Amsberg ist Deutschlehrer, in seinen Videos erklärt er etwa, wie man in einem Satz das Akkusativobjekt findet. Grammatikthemen, sagt er, eigneten sich hervorragend für Videos. Doch bevor seine Schüler sie zu sehen bekommen, müssen sie lernen, dass Lernvideos kein Netflix für die Schule sind. Deshalb zeigt er am Anfang ein Video, das erklärt, wie man einen Papierflieger baut, stoppt aber zwischendurch nicht. "Nach 1:26 Minuten ist der letzte ausgestiegen", sagt von Amsberg. Dann erklärt er den Schülern, wie es richtig geht: Alleine sollen sie schauen, nicht zu zweit oder dritt. Sie sollen immer wieder anhalten. Und sie sollen sich nicht berieseln lassen, sondern mitschreiben. Die Notizen kontrolliert von Amsberg.
Seine Schule ist eine gebundene Ganztagsschule, Hausaufgaben gibt es kaum. Von Amsberg sieht seine Methode deshalb auch nicht als Flipped Classroom in Reinform, die Videos sind bei ihm eines von mehreren Hilfsmitteln für offenen und "hochdifferenzierten" Unterricht. Die Kinder sollen Probleme selbständig erarbeiten. Ob das gelingt, überprüft von Amsberg im Eins-zu-Eins-Gespräch.
Die Methode klappt nicht sofort, gibt er zu. Manche Schüler überfordert die Verantwortung, die sie plötzlich erhalten. Mit den Eltern müsse er deshalb viele Überzeugungsgespräche führen. Sein Argument: Statt die Kinder fremdgesteuert durch die Schule zu schleusen, lässt man sie besser am Anfang einmal an die Wand fahren - und zeigt ihnen dann, wie selbständiges Lernen geht. Für von Amsberg heißt das auch: Videos gucken. Aber richtig.

Weniger…

Dumm und nichts gelernt

SÜDDEUTSCHE digi, Samstagsausgabe, 19.05.2018   Seite 26 von 90

Von Catherine Hoffmann

Noch hat niemand ein Unterrichtskonzept erfunden, das in der Lage wäre, die Klassengesellschaft aus den Angeln zu heben

In Deutschland entscheidet noch immer die Herkunft über den Bildungserfolg. Kinder ohne ehrgeizige Eltern haben es schwer. Das ließe sich leicht ändern, wenn Politiker endlich auf die Wissenschaft hören würden

Mehr…

.... Aber Chancengleichheit in der Bildung, die sollte möglich sein in Deutschland. Es sollte möglich sein, dass alle Menschen entsprechend ihren Fähigkeiten gleiche Chancen haben, durch Bildung in die Mitte der Gesellschaft aufzusteigen; dass Kinder und Jugendliche mehr wissen, als sie heute wissen, dass ihre Fähigkeiten und Begabungen nicht, wie es noch viel zu oft geschieht, unentdeckt und unentwickelt bleiben; mit einem Wort, dass jeder kann, was er kann – auch Kinder, deren Eltern nicht mit Geduld und sanftem Druck für schulischen Erfolg sorgen, deren Eltern ungebildet oder arm sind oder einfach nur schlecht Deutsch sprechen.
Doch alle Reformen, Bildungsausschüsse, Vereinbarungen der Kultusministerkonferenz, alle innovativen Ansätze und neuen didaktischen Designs haben dieses Ziel nicht erreicht, sie haben den langen Jammer der Schule nur verlängert. Und so gilt heute, was schon vor 30 Jahren zu beklagen war: Kinder aus sozial schwachen oder Migrantenfamilien haben es in Deutschland erheblich schwerer als in den meisten anderen Ländern. Ihnen fehlt nicht nur die Unterstützung durch die Familie, ihnen mangelt es auch in der Schule an individueller Förderung, um zum Beispiel die Sprachkenntnisse zu verbessern.
Das ist ein Armutszeugnis für Deutschland – im wahrsten Sinne des Wortes: Bildung ist der entscheidende Hebel zum wirtschaftlichen Aufstieg. Das lässt sich mit vielen Fakten belegen: Mit einem besseren Bildungsabschluss sinkt die Arbeitslosigkeit und steigt das Einkommen. Von hundert Menschen ohne Berufsabschluss sind hierzulande 20 arbeitslos, von hundert Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung dagegen nur fünf, mit Hochschulabschluss sogar nur zwei. Eine gute Bildung ist die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit, die in Deutschland ja vor allem eine Arbeitslosigkeit der Geringqualifizierten ist. Zudem verdient ein Hochschulabsolvent mehr als doppelt so viel wie jemand ohne beruflichen Ausbildungsabschluss. Und das ist bloß die individuelle Perspektive.
Darüber hinaus bleiben ohne gute Bildung für alle Potenziale ungenutzt, die Wirtschaft und Gesellschaft dringend brauchen, um den Fachkräftebedarf zu decken, die Digitalisierung und den demografischen Wandel zu meistern. Aus ökonomischer Sicht hilft Bildung, den Wohlstand zu mehren und zu größerer Gerechtigkeit beizutragen. Sie ist das wirksamste Mittel, um soziale Ungleichheit zu verringern. „Langfristig ist eine Bildungspolitik, die allen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft gute Bildungschancen verspricht, die beste Sozialpolitik“, sagt Ludger Wößmann, Bildungsökonom an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.
Obwohl es in Deutschland gleicher zugeht als in vielen anderen Ländern, gilt auch hier: Die Kluft zwischen denen, die nicht wissen, wofür sie ihr ganzes Geld ausgeben sollen, und denen, die nicht wissen, wie es bis zum Monatsende reichen soll, ist tiefer als früher. Seit den 80er-Jahren öffnete sich dieser Spalt immer weiter – bis vor gut zehn Jahren. Seither wird das Missverhältnis nicht größer, aber auch nicht kleiner. Dass der Abstand so riesig ist, liegt vor allem daran, dass sich die unteren Einkommen unterdurchschnittlich entwickelt haben, dass niedrig qualifizierte Arbeit schlechter entlohnt wird als früher.
Nun kann Politik versuchen, über Steuern und Sozialleistungen der Ungleichheit entgegenzuwirken. Sie kann die Reichen stärker besteuern und die Transferleistungen für Menschen mit geringem Einkommen erhöhen. Allerdings verteilt der deutsche Staat schon heute so viel um wie kaum ein zweiter – und doch bleibt die Kluft. „Der Versuch, soziale Ungleichheit allein durch Umverteilung zu senken, ist gescheitert“, sagt deshalb Marcel Fratzscher, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts DIW. „Es kommt darauf an, den Menschen über bessere Bildungschancen mehr Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen; das ist das Allerwichtigste.“
Doch damit tut sich Deutschland schwer. Bildung und sozialer Aufstieg hängen vor allem von Einkommen und Berufen der Eltern ab, die soziale Herkunft entscheidet über den Bildungserfolg. Wer in eine Mittelschichtsfamilie hineingeboren wird und eine gute Ausbildung absolviert, der hat gute Chancen, dass es ihm mindestens so gut gehen wird wie seinen Eltern. Kinder aus armen Familien und solchen mit Migrationshintergrund sind dagegen benachteiligt. Beim Pisa-Test zum Beispiel, der internationale Schulleistungen untersucht, zeigen sich in allen Ländern Unterschiede zwischen den Fähigkeiten sozioökonomisch gut und schlecht gestellter Kinder; in Deutschland ist der Abstand allerdings besonders groß.
Oder wenn man sich ansieht, wer es auf eine Hochschule schafft: Von hundert Kindern mit mindestens einem studierten Elternteil beginnen 74 ein Studium, von denen wiederum 63 einen Bachelor machen, 45 noch einen Master dranhängen und schließlich zehn promovieren. Von hundert Kindern, deren Eltern keine Hochschule besucht haben, beginnen nur 21 ein Studium, schaffen nur 15 einen Bachelor, machen nur acht bis zum Master weiter – und nur eine einzige Person erlangt einen Doktortitel. Die Wahrscheinlichkeit, dass beispielsweise ein Kind einer Ärztin später selbst eine gleichwertige Stellung erreicht, ist sehr viel höher als die Wahrscheinlichkeit, dass ein Arbeiterkind später Anwalt wird. Wenn es um den Zugang zu höherer Bildung geht, ist die Ungleichheit trotz allem Gerede von Chancengerechtigkeit himmelschreiend.
Es hakt gewaltig, aber es hakt nicht unbedingt am Geld. Im Durchschnitt investieren die OECD-Länder von der Grundschule bis zur Universität 5,2 Prozent ihrer jährlichen Wirtschaftsleistung in Bildung. In Deutschland waren es 2014 – das sind die jüngsten Zahlen – nur 4,3 Prozent. Gemessen an der enormen Wirtschaftskraft des Landes ist das eher beschämend. Betrachtet man allerdings die Ausgaben pro Kopf, sieht es schon besser aus: Hier liegt Deutschland mit 12 063 US-Dollar über dem OECD-Durchschnitt von 10 759 Dollar. Dies gilt jedoch nicht für alle Bildungsbereiche: Während vergleichsweise viel Geld an Hochschulen fließt, wird für Grundschulen relativ wenig ausgegeben.
Was also wäre zu tun? Die wissenschaftliche Forschung legt drei Maßnahmen nahe, mit denen sich mehr Chancengerechtigkeit erreichen ließe. Der erste und wichtigste Punkt sind stärkere Investitionen in frühkindliche und vorschulische Bildung. Je früher Kinder gefördert werden, desto geringer ist am Ende der Schulzeit die Ungleichheit zwischen benachteiligten und bessergestellten Kindern. Es sind gerade die Investitionen in die Drei- bis Sechsjährigen, die einen Bildungsaufstieg ermöglichen – und zwar ganz besonders dann, wenn sie Kindern aus sozial schwachen Schichten zugutekommen. Dies gilt aus dem einfachen Grund, dass sich Lernerfolge potenzieren: Frühes Lernen verbessert den Ertrag des späteren Lernens ganz erheblich. Wenn man Jugendliche erst mit 16 Jahren fördert, dann ist es zu spät. Das Interesse an der Welt und die Sprache müssen beizeiten geweckt werden. Man darf sich nicht einfach auf die Schlauheit, Neugier und Hartnäckigkeit von Kindern verlassen, die im Allgemeinen wenig Lust haben, schon im Sandkasten die Karriere im Auge zu behalten. Es braucht fähige Erzieher und Lehrer, vor allem da, wo ehrgeizige Eltern fehlen.
Der zweite Punkt: Die Forschung zeigt deutlich, dass in Ländern, die ihre Kinder sehr früh auf unterschiedliche Schularten verteilen, später größere Ungleichheit herrscht; dort hängen am Ende der Schulzeit die Leistungen der Schüler stärker vom Elternhaus ab als in Ländern, wo man das später macht. Wird länger gemeinsam gelernt, leistet dies einen wichtigen Beitrag zur Chancengleichheit. Die meisten deutschen Bundesländer trennen die Kinder schon nach der vierten Klasse. „Befürworter dieses Systems sehen in einer möglichen Abkehr den Untergang des Abendlandes. Allerdings: Der Rest des Abendlandes hat ein solches System schon längst nicht mehr“, sagt Wößmann. Zwei Drittel der OECD-Länder teilen die Schülerinnen und Schüler erst im Alter von 15 oder 16 Jahren auf unterschiedliche Schularten auf. Die Logik dahinter: Je früher man trennt, umso stärker hängt die Entscheidung von den Eltern ab; die Lehrer hatten ja bloß vier Jahre vormittags Zeit, sich um die Bildung der Kinder zu kümmern. Entscheidet man später, kommt es mehr auf die tatsächlichen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler an.
Drittens zeigen Studien, dass Länder, die es besser machen als Deutschland, ihre Bildungsausgaben nicht mit der Gießkanne verteilen, wie es hierzulande üblich ist. Sie versuchen vielmehr gezielt benachteiligte Kinder zu fördern. Auch Deutschland sollte bei der Finanzierung der Schulen nicht bloß auf die Zahl der Schüler blicken, sondern deren sozioökonomischen Hintergrund berücksichtigen. So etwas gibt es erst ansatzweise, etwa für Brennpunktschulen, aber nicht systematisch.
Woran mag es liegen, dass trotz der eindeutigen Forschungsergebnisse nichts geschieht? Warum findet eine Politik, die allen Kindern – unabhängig von ihrer sozialen Herkunft – gleichberechtigten Zugang zu Bildung verschafft, keine Mehrheit? Das Versagen der Bildungspolitik hat viel mit Ideologie und hartnäckig vertretenen Partikularinteressen zu tun. Die meisten Menschen finden zusätzliche Bildungsinvestitionen bestimmt gut, solange ihre Kinder davon profitieren. Wenn die Mittel aber gezielt für Kinder von Hartz-IV-Empfängern oder Flüchtlingsfamilien genutzt werden, damit auch sie Anschluss finden, dann ist das Bildungsbürgertum womöglich nicht mehr so begeistert davon. Dabei schwingt die Furcht mit, eine gute Bildung sei nichts mehr wert, wenn jeder sie hätte. Doch wer so denkt, der irrt.
Von einer besseren Bildung jedes Einzelnen profitiert die gesamte Gesellschaft, nicht zuletzt durch geringere Ausgaben für Sozialleistungen und zusätzliche Steuereinnahmen. Sie würde das Wachstum steigern und den Wohlstand fördern – und zwar für alle und nicht nur für wenige.

Weniger…