Das Ende der Tinte
Wer hat im vergangenen Jahr auch nur einen handgeschriebenen Brief erhalten? Vermutlich kaum jemand. Das Schreiben mit Stift aufPapier ist eine sterbende Kulturtechnik. Das könnte unsere motorischen und kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigen
von Katrin Blawat, Süddeutsche vom 10. März
Das Englische hat seine Tücken, erst recht an diesem grauen Mittwochmorgen. Bestimmter und unbestimmterArtikel, welche Regeln gelten dafür? Alexander Betz hat viele erhobene Arme vor sich, die 13 Jungen und Mädchen seiner achten Klasse machen gut mit. Konzentriert blicken sie auf die Übungssätze, die ein Beamer an die Wandwirft. Davor steht Betz an seinem Laptop und hantiert mit der Fernbedienung. Er unterrichtet in einem ungewöhnlichen Klassenzimmer in einer ungewöhnlichen Schule: Beamer-Projektionen statt Wandtafel, Teppich statt Linoleum auf dem Boden, etwas abseits steht ein Whiteboard. Auf dem steht unter anderem die Frage: „Wie kann man die Situation der Proletarier verbessern?“
Mehr… Weniger…AKTUELLES LEXIKON
SZ 13.4.2019, Seite 4, Handschrift
Laut Brockhaus ist die Handschrift das „Resultat der durch Gehirnimpulse gesteuerten Schreibbewegung“. Dieses trage schon bei Schülern, die Schreiben lernen, individuelle Züge, was die Handschrift zu einem „Phänomen des Persönlichkeitsausdrucks“ erhebt. Aufgabe der Lehrer war es stets, die Persönlichkeit der Schüler so weit zu bändigen, dass ihre Handschrift zumindest leserlich wurde. Im Fach „Schönschrift“ malte man je nach Bundesland die Buchstaben der Lateinischen, der Vereinfachten oder einer anderen Ausgangsschrift nach. Seit 2011, „Schönschrift“ war da schon abgeschafft, erproben einige Länder das Konzept der „Grundschrift“, die sich Schüler quasi freihändig aneignen. Ob es Vorbilder im Schriftbild noch braucht, ist streitbar geworden, seit Laptop und Whiteboard in die Klassenzimmer einzogen; auch Erwachsene schreiben kaum noch mit der Hand. Selbst Liebesbriefe kommen heute per E-Mail. Angesichts der Marginalisierung des analogen Schreibens wundert es nicht, dass bayerische Lehrer nun beklagen, dass die Handschrift ihrer Schüler sich deutlich verschlechtert habe und hier eine „Basiskompetenz“ verloren gehe. Indes: Womöglich verliert sich die Handschrift gar nicht, man erlernt sie heute nur später. Die Hobbykurse für „Handlettering“ besuchen hauptsächlich Erwachsene. KJAN
Ungeübte Hand
SZ 14.4.2019, Seite 5, Schreiben fällt Kindern schwer
Probleme? Anne Deimel spricht lieber von Herausforderungen, aber davon gibt es beim Thema Handschreiben aus ihrer Sicht eine ganze Menge. Damit meint die 52-Jährige, die seit 15 Jahren eine Grundschule in Arnsberg, Nordrhein-Westfalen, leitet, nicht das schöne oder richtige Schreiben, sondern das Schreiben an sich: Wie halte ich den Stift, wie fest muss ich aufdrücken, wie schreibe ich fließend und unverkrampft, sodass noch Konzentration für den Inhalt übrig bleibt? „Wir merken, dass es immer mehr Kinder gibt, denen es sehr schwerfällt“, sagt Deimel.
Schüler können immer schlechter mit der Hand schreiben – dieser Meinung ist nicht nur Deimel, dieser Meinung ist einer Umfrage zufolge auch die überwältigende Mehrheit der Lehrer in Deutschland. Die Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE) hat mehr als 2000 Lehrer befragen lassen und die Ergebnisse am Dienstag in Berlin vorgestellt. 86 Prozent der Lehrer gaben an, die Handschrift der Schüler habe sich verschlechtert. Jedes dritte Mädchen hat ihrer Einschätzung nach Schwierigkeiten mit der Handschrift – und sogar jeder zweite Junge.
Als Gründe sehen die Lehrer vor allem fehlende Routine und die Digitalisierung. Schulleiterin Anne Deimel, die auch stellvertretende Landesvorsitzende des VBE in Nordrhein-Westfalen ist, sagt, dass sich die Bedingungen besonders an den Grundschulen in den letzten Jahren stark verändert hätten. Die familiären Hintergründe der Kinder werden immer unterschiedlicher, während die Zeit, sich um ihre Bedürfnisse zu kümmern, immer weniger wird. Es brauche mehr Personal an den Schulen.
Deimel betont aber auch, dass die Schule Entwicklungen auffangen müsse, die sie kaum beeinflussen könne. So sei es für viele Kinder heute schon vor der Grundschule normal, „zu wischen und zu tippen“. Körperliche Bewegung falle vielfach weg: Kneten, Spielen, Fußball. „In vielen Familien fehlt heute die Zeit, Dinge zu machen, für die die Hände gebraucht werden“, sagt Deimel. Sie sieht deshalb nicht nur die Schulen, sondern auch die Eltern in der Pflicht – und sei es, indem sie beim Kauf des ersten Füllers genau hinschauen, was ihre Kinder brauchen.Paul Munzinger
Film von Quarks
>> Link
Darum ist die Handschrift so wichtig
In Zeiten der Digitalisierung schreiben immer weniger Menschen noch mit der Hand. Das hat Folgen. Nicht nur für die Qualität der Handschrift.
Ob mit Smartphone, Tablet oder am PC - die moderne Kommunikation läuft fast ausschließlich digital ab. Kaum jemand muss mehr etwas mit der Hand schreiben. Die klassische Handschrift leidet darunter. Dabei ist sie nicht nur zum Briefe schreiben besonders wichtig, wie Graphologin Rosemarie Gosemärker aus Bielefeld am Tag der Handschrift (23.01.2017) im Interview erklärt
Mehr… Weniger…