Auf oder zu?

Überall auf der Welt ringen Schulen mit der Frage, wie man Kinder und Lehrer am besten vor der Pandemie schützt. Allmählich zeichnet sich ab, wie das gelingen kann, ohne auf Präsenzunterricht und soziale Kontakte zu verzichten

Als sich im Frühjahr weltweit die Schultore schlossen, blieb eine atemberaubende Zahl von 1,5 Milliarden Schülerinnen und Schülern plötzlich zu Hause – als Teil der Beschränkungen, um die Bevölkerung vor dem neuen Coronavirus zu schützen. Vielerorts wirkten die drastischen Maßnahmen und bremsten die Verbreitung des Virus dramatisch. 

Doch als aus einigen Wochen Monate wurden, äußerten Kinderärzte und Lehrer Bedenken, die Schulschließungen könnten mehr schaden als nützen. Insbesondere als Studien nahelegten, dass Kinder selten schwer erkranken, wenn sie sich anstecken. Fernunterricht ist zudem oft nur ein blasses Abbild echter Schulstunden. Viele Eltern mussten Jobs und Kinderbetreuung jonglieren. Lehrer und Betreuer konnten nicht mehr auf Anzeichen von Misshandlungen achten. Der Ruf danach wurde lauter, die Kinder zurück in die Schule zu bringen. Und viele Länder haben das getan. 

 Es ist ein gewaltiges, unkontrolliertes Experiment. In einigen Schulen gibt es Kontaktbeschränkungen, in anderen dürfen die Kinder unbeschwert spielen. Einige schreiben Masken vor, andere lassen den Schülern die Wahl. Einige Schulen schließen, wenn ein Kind oder Lehrer positiv getestet wird. Andere bleiben offen und schicken nur die Kranken und ihre direkten Kontaktpersonen in Quarantäne. Daten über die Wirkung dieser sehr verschiedenen Maßnahmen sind spärlich. Und dennoch: Mit Blick auf die Strategien der Schulen von Südafrika bis Finnland gibt es ein paar ermutigende Erkenntnisse.

Jennifer Couzin-Frankel, Gretchen Vogel und Meagan Weiland

Science 17 Jul 2020: Vol. 369, Issue 6501, pp. 241-245

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Wie ansteckend sind Kinder?

Studien legen nahe, dass Jugendliche unter 18 Jahren sich zwei- bis dreimal seltener anstecken als Erwachsene. Für die kleinsten Kinder ist das Risiko am geringsten. Im französischen Crépy-en-Valois konnten Forscher zeigen, dass Kinder das Virus untereinander kaum übertragen. Schon Anfang Februar waren dort unbemerkt zwei Lehrer erkrankt.

 Arnaud Fontanet vom Institut Pasteur in Paris begann Ende März, die Folgen für die Gemeinde zu untersuchen. Antikörpertests zeigten, dass sich in den Oberstufen 38 Prozent der Schüler und 43 Prozent der Lehrer infiziert hatten. In sechs Grundschulen dagegen fand Fontanets Team drei erkrankte Kinder. Den Forschern zufolge gaben sie das Virus nicht weiter. Fontanet sagt, vor allem Oberstufenschüler müssten vorsichtig sein. „Sie erkranken nur mild, aber sie sind ansteckend.“

 Auch andere Berichte weisen darauf hin, dass ein Risiko vor allem an weiterführenden Schulen besteht. Bei einem Ausbruch an einem Gymnasium in Jerusalem steckten sich im Frühjahr 153 Schüler und 25 Lehrer an. An einer Highschool in Neuseeland wurden 96 Personen, darunter auch Eltern, infiziert, während es an der benachbarten Grundschule kaum Fälle gab.

 Aber das Bild ist noch unscharf. Eine Grundschule in Jaffa verzeichnete 33 Fälle. In einer Klasse im kanadischen Trois-Riviéres traf es neun von elf Grundschülern. Und selbst in Kindertagesstätten kam es zu Ansteckungen. In Texas, wo die Zahl der Infektionen zuletzt stark angestiegen ist, infizierten sich mindestens 894 Mitarbeiter und 441 Kinder. Weitere Untersuchungen sollen dabei helfen, die Übertragbarkeit abhängig vom Alter zu verstehen – und auch zu klären, ob sich kleine Kinder eher bei Erwachsenen anstecken, während ältere Kinder den Erreger untereinander verbreiten.

Müssen Kinder allein spielen?

 Vorschulkinder spielen einsam auf dem Boden. Achtjährige sollen nicht mit ihren Freundinnen sprechen. Mittelschüler werden ermahnt, Abstand zu ihren Klassenkameraden zu halten, wenn sie das Gebäude betreten. In vielen Schulen wurden zu den Öffnungen bereitwillig Distanzregeln eingeführt. Doch obwohl diese Regeln wirksam sind, hinterlassen sie bei Kinderärzten und Eltern ein zunehmend mulmiges Gefühl. Das Bedürfnis nach einem Kompromiss ist gewachsen, der auch die seelische Gesundheit der Kinder berücksichtigt. „Wir müssen bereit sein, ein gewisses Risiko einzugehen“, sagt Kate Zinszer von der University of Montreal. 

  Einige Länder haben von Anfang an darauf gesetzt, dass jüngere Kinder das Virus wahrscheinlich nicht stark verbreiten. Die Niederlande halbierten im April die Klassengrößen, führten aber keine Abstandsregeln für Kindern unter 12 Jahren ein. Dänemark teilte die Kinder in Gruppen, die in den Pausen miteinander spielen durften. Man sorgte dafür, dass die Kinder so viel Platz und frische Luft hatten wie möglich. Es fand sogar Unterricht auf Friedhöfen statt.

  Seit dem Frühjahr haben auch viele andere Länder angefangen, ihre Abstandsregeln zu überdenken. Im kanadischen Quebec dürfen sich die Kinder ab dem Herbst wieder frei in Sechsergruppen bewegen. Französische Kindertagesstätten haben für Kinder unter 6 Jahren sämtliche Distanzregeln gestrichen. Ältere Kinder dürfen draußen ohne Beschränkungen mit ihren Klassenkameraden spielen.

  Die Änderungen haben auch praktische Gründe: Eine volle Schule lässt nicht viel Raum für Abstand. In Israel kehrten die Kinder Mitte Mai in Klassen mit den üblichen 30 bis 40 Schülern zurück. Distanz sei da unmöglich, sagt Efrat Aflalo vom israelischen Gesundheitsministerium. Deshalb setze das Land nun auf einen anderen Schutz: Masken.

Sollten Schüler Masken tragen?

  Kinder finden es noch mehr als Erwachsene unbequem, Masken zu tragen. Und es fällt ihnen schwerer, sich dabei nicht ständig ins Gesicht zu fassen. Dennoch halten Experten den Mundschutz für eine wichtige Maßnahme, um die Verbreitung des Virus auch in Schulen zu verlangsamen. In Israel müssen Kinder ab sieben Jahren außerhalb des Klassenzimmers und Kinder ab der vierten Klasse ganztägig eine Maske tragen – und sie halten sich daran, sagt Efrat Aflalo, der zwei Söhne hat.

  Doch nicht alle Länder können sich eine Maskenpflicht in der Schule überhaupt leisten. In Benin ist ein Mund-Nasen-Schutz für viele Eltern zu teuer, sie nehmen dennoch am Unterricht teil. Auch in Ghana müssen die Schüler sich nur mit einer Maske schützen, wenn sie eine besitzen. Südafrika, das steigende Infektionszahlen registriert, versucht, kostenlose Masken bereitzustellen.

  In Israel wurde die Bedeutung der Masken besonders deutlich, als eine Hitzewelle das Land traf. Bei Temperaturen von 40 Grad Celsius wurde der Mundschutz unerträglich. Das Gesundheitsministerium gestattete, dass die Schüler eine Woche lang auf Masken verzichteten. Zwei Wochen lang sah alles gut aus. Dann kam es zum großen Ausbruch am Gymnasium Rehavia in Jerusalem.

 Wenn sich Schüler anstecken?

  Die kurze Antwort lautet: Niemand weiß es. Das liegt vor allem an der sogenannten Dunkelziffer – Infektionen, die unbemerkt bleiben, während ein oder zwei Fälle erkannt werden. Einige Schulen, etwa in Deutschland, isolieren Infizierte und ihre engen Kontakte, während der Unterricht weiter stattfindet. Andere sind vorsichtiger. Israel hat auch Schulen geschlossen, wenn Einzelfälle auftraten. Bis Mitte Juni waren von dieser Maßnahme 355 der 5000 Schulen im Land betroffen. 

  Ob und welche dieser Maßnahmen wirkt, sollen regelmäßig wiederholte Tests in den Schulen zeigen. Drei solcher Studien haben in England, Berlin und in Bayern begonnen. Dabei wird sowohl nach dem Virus selbst als auch nach Antikörpern gesucht, um neben aktiven Infektionen die Dunkelziffer zu ermitteln.

Verbreiten Schulen das Virus?

  Gerade weil Kinder selten Symptome entwickeln, haben Experten gewarnt, dass die Öffnung der Schulen ein Risiko für Lehrer, Familien und die gesellschaftliche Umgebung darstellen könnte. Es gibt aber wenige Berichte über Todesfälle oder schwere Erkrankungen im Kontext von Schulen. In Schweden, das seine Schulen nicht zumachte und auch Klassengrößen nicht anpasste oder andere Schutzmaßnahmen einführte, sind mehrere Lehrer an Covid-19-Komplikationen gestorben.

  In Dänemark nahm die Zahl der Infektionen dagegen weiter ab, als im April Kindertagesstätten und Grundschulen öffneten und im Mai der Unterricht an weiterführenden Schulen fortgesetzt wurde. Ähnlich folgenlos erschienen die Schulöffnungen in den Niederlanden, Finnland, Belgien und Österreich. „Wenn Schulen ein Treiber der Pandemie wären, müssten wir mehr Cluster in Verbindungen mit Schulen sehen“, sagt Gwen Knight von der London School of Hygiene & Tropical Medicine. „Das ist aber nicht, was wir gefunden haben“.

  Andererseits können Schulöffnungen zu Verschiebungen führen. In Deutschland lag der Anteil der bis 18-Jährigen unter den Infizierten Anfang Mai noch bei zehn Prozent und stieg nach der Öffnung der Schulen bis Ende Juni auf 20 Prozent. In Israel nahmen die Fälle unter Kindern seit der Rückkehr zum Unterricht stetig zu. Parallel dazu stiegen die Infektionszahlen in der Bevölkerung. Es ist unklar, ob die Zunahme im ganzen Land den Anstieg in den Schulen verursachte – oder umgekehrt.

Wie geht es weiter?

  Während die meisten Schulen im Sommer geschlossen bleiben, wird der Herbst eine Welle von Schulöffnungen bringen. Manche Länder zögern noch, den Unterricht nach den Ferien wieder aufzunehmen, weil es ihnen an Ressourcen fehlt, um etwa die Klassen zu verkleinern oder die Schüler mit Masken zu versorgen. Andere wie die USA haben Hybridmodelle entwickelt, in denen sich Fernunterricht mit Schulstunden in kleinen Klassen abwechselt. Welche Pläne einen ausreichenden Schutz für Kinder, Personal und die Gemeinden bieten, wird jedoch auch stark davon abhängen, wie hoch die Fallzahlen des Umfelds am Tag der Öffnungen sind. 

  Das Experiment „Schulöffnung“ geht jedenfalls weiter. Unterdessen sieht es so aus, als ob eine Kombination von kleinen Schülergruppen, Masken und Abstand die Schulen und Gemeinden schützt – und jüngere Kinder einander nur selten anstecken oder das Virus mit nach Hause bringen.

Dieser Text in der Süddeutschen vom 24. Juli 2020, Papierausgabe Seite 13, Nummer 169, erschien im Original im Wissenschaftsmagazin Science. Übersetzung: Kathrin Zinkant


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